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00:15 06.08.2017
„Inzwischen brauchen die Bienen unsere Hilfe, obwohl wir eigentlich auf sie angewiesen sind“: Bienenschützerin Corinna Hölzer. Quelle: Privat
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Hannover

Corinna Hölzer hat ein ungewöhnliches Hobby. Sie fotografiert Vorgärten mit Thujahecken, exotischen Zierpflanzen und Schotterflächen. Bienenunfreundlich nennt sie das. Die 51-jährige Biologin möchte das Gegenteil erreichen. Ihre Initiative „Deutschland summt!“ animiert seit fast sieben Jahren Menschen, ihre Gärten und Balkone bienenfreundlicher zu gestalten. Allein die Honigbiene gilt als drittwichtigstes Nutztier nach Rind und Schwein. Der Wert ihrer Honig- und Bestäubungsleistung wird nach Angaben des deutschen Imkerbundes auf zwei Milliarden Euro jährlich geschätzt. Naturschützer schätzen den Wert der 560 Wildbienenarten in Deutschland sogar noch höher ein. Doch leider wird für die Wildbienen in Deutschland viel zu wenig getan. Warum das so ist – und wie Hobbygärtner das ändern können, erklärt Corinna Hölzer im Interview.

Warum brauchen Bienen die Hilfe von Gärtnern?

Unsere Landwirtschaft ist inzwischen so organisiert, dass kaum noch Raum für Insekten bleibt. Es gibt Monokulturen und dazwischen kaum noch Feldraine oder Hecken, in denen Bestäuber sich wohlfühlen. Inzwischen brauchen sie unsere Hilfe, obwohl wir eigentlich auf sie angewiesen sind. Denn ohne ihre Bestäubungsleistung könnten wir nur einen Bruchteil der jetzigen Menge an Obst und Gemüse ernten. Auch andere Tiere leben von Samen und Früchten, die es ohne Bienen nicht gäbe.

Sind Honigbienen und Wildbienen gleichermaßen betroffen?

Honigbienen haben einen Imker, der sich um sie kümmert. Im Notfall kann er den Standort seiner Völker so wählen, dass sie gute Bedingungen haben. Honigbienen haben einen etwa fünf Kilometer großen Radius, in dem sie Nektar und Pollen sammeln. Die meisten Wildbienen fliegen nur 70 bis 500 Meter weit. In diesem Radius müssen sie Nahrung, Nistmöglichkeiten und Nistmaterial finden. Sie sind auf kleinteilige Ökosysteme angewiesen, die sie wegen der üblichen landwirtschaftlichen Praktiken über die Jahrzehnte immer mehr eingebüßt haben.

Was macht einen bienenfreundlichen Garten aus?

Vor allem Vielfalt. Aber man sollte sich dabei Gedanken machen, wem man helfen will. Manche Bienen nisten in der Erde, andere in Pflanzenstängeln. Hummeln leben in kleinen Staaten. Sie brauchen eine größere Menge, dafür weniger unterschiedliche Pflanzenarten, um ihre Brut zu versorgen. Dann ist es wichtig, Strukturen für die Bienen zu schaffen, zum Beispiel Natursand aufzuschütten und ihn nicht wieder anzurühren. Den oberirdisch nistenden Bienenarten zuliebe sollte man auch im Winter die Stängel in den Beeten stehen lassen. Hier überwintern nämlich die Puppen. Und ganz wichtig: Unkraut nur jäten, nicht in den Beeten herumhacken. Damit zerstört man Brutgänge.

Sind oberirdische Nisthilfen wie Insektenhotels sinnvoll?

Ja – vor allem, um die Tiere gut beobachten zu können. Aber Achtung: Wenn die Löcher nicht sauber gebohrt sind, verletzen sich die Bienen ihre Flügel an Splittern, wenn sie hineinkriechen, um ihre Eier abzulegen. Auch sollte man nicht durch das Hirnholz bohren. Dort entstehen schnell Trockenrisse, durch die Wasser eindringt und die Brut oft verpilzen lässt Besser bohrt man seitlich durch die Rinde ins Holz. Oder man nimmt Schilf-, Bambus- oder Pappröhrchen mit einem Durchmesser von zwei bis zehn Millimetern.

Zur Bepflanzung: Ist automatisch gut für Bienen, was schön blüht?

Nein. Es gibt viele Zierpflanzen mit gefüllten Blüten. Die sind zwar etwas fürs Auge, weil die Pollenstände züchterisch in zusätzliche Blütenblätter umgewandelt worden sind. Für die Bienen gibt es dort aber keinen Pollen zu holen, und an den Nektar kommen sie durch die zusätzlichen Blütenblätter auch nicht heran.

Bienenfreundliche Pflanzen für jeden Standort

Balkon und Terrasse: Gelbes Sonnenröschen (sonnig), Heide-Nelke (sonnig bis halbschattig), Gewöhnliches Seifenkraut (halbschattig bis schattig)

Staudenbeet: Gewöhnlicher Gilbweiderich (sonnig, sandiger, nur mäßig nährstoffreicher Boden), Gamander (sonnig bis halbschattig, durchlässiger, steiniger, kalkhaltiger Boden), Waldsauerklee (schattig, leicht saurer Boden)

Wiesen: Korn-Flockenblume, Klatschmohn, Margerite, Rundblättrige Glockenblume, Ackervergissmeinnicht, Kleearten

Gehölze: Bibernellrose (sonnig bis halbschattig, frischer, tiefgründiger, humoser Boden), Sal-Weide (halbschattig, mäßig feuchter, nährstoffreicher, tiefgründiger Boden), Eberesche (schattig, nährstoffreicher, frischer, saurer bis mäßig alkalischer, Lehm- und Steinboden)

Weitere Infos zum bienenfreundlichen Gärtnern gibt es unter www.deutschland-summt.de

Was sollte man sonst noch bei der Auswahl der Pflanzen beachten?

Am besten wählt man heimische Stauden. Da gibt es für jeden Standort nahezu unverwüstliche Arten. Ganz ohne Planungsaufwand legt man keinen Garten an, aber es ist einfacher als viele denken. Es hilft, sich zu überlegen, wie man den Garten nutzen will und eine Skizze anzufertigen. Im Internet findet man viele Informationen zum richtigen Standort für die Pflanzen und außerdem Händler, von denen man – auch per Online-Versand – biologisches Saatgut aus regionaler Herkunft beziehen kann.

Wie sieht es mit Bäumen, Sträuchern und Hecken aus?

Wenn man auf heimische Gehölze, zum Beispiel Obstbäume, setzt, tut man nicht nur den Bienen einen Gefallen. Hecken aus Wildrosenarten dienen Vögeln und Wildbienen als Nahrungsquelle und Rückzugsraum. Auch Kleinsäuger finden dort Unterschlupf. Letztlich geht es um Biodiversität und funktionierende Nahrungsketten.

Wie wirken sich Pflanzenschutzmittel auf Bienen aus?

Wenn Gifte in den offenen Blüten landen, werden sie mit den Pollen direkt zur Brut geflogen, die damit gefüttert wird. Die oft beklagten Neonicotinoide wirken wie Nervengifte. Die Bienen werden orientierungslos, und auch wenn sie nicht sterben, wird ihr Immunsystem geschwächt. Das macht sie anfälliger für Viren. Auf Pflanzenschutzmittel sollte man deshalb verzichten, es geht auch ohne.

Sind Bienen im Garten eine Gefahr für Kinder?

Was viele nicht wissen: Wildbienen – bis auf Hummeln – stechen nicht. Hummeln könnten zwar, sind aber nicht angriffslustig. Auch Honigbienen stechen nur im Notfall, schließlich sterben sie danach. Wer Bienenvölker im Garten hat, sollte nur beim Rasenmähen vorsichtig sein. Die dabei entstehende Vibration mögen sie nicht.

Zusammen mit ihrem Mann Cornelis Hemmer startete Dr. Corinna Hölzer 2010 die Initiative „Deutschland summt“. Träger ist ihre gemeinsame Stiftung für Mensch und Umwelt. Die Aktion soll auf die Insekten und ihre Bedeutung fürs Ökosystem lenken. Ziel ist es, eine größere Wertschätzung für Bienen erreichen, damit Städte und Gärten bienenfreundlicher gestaltet werden. Der vor sieben Jahren noch auf Berlin begrenzten Initiative haben sich inzwischen elf weitere Städte in ganz Deutschland angeschlossen.

Von Merle Schaack/RND

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