Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Wissen Warum es manchen Menschen schwer fällt, Schluss zu machen
Nachrichten Wissen Warum es manchen Menschen schwer fällt, Schluss zu machen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:17 25.10.2018
Wenn zwei Herzen nicht mehr wie eins schlagen: Ohne Abschiedsprozess fällt es besonders dem, der mehr liebt, schwer, das Band in einer an sich toten Beziehung aus eigenem Antrieb heraus endgültig zu kappen. Gesünder wär’s jedoch. Denn unerfüllte Liebe macht laut Paarexperten auf Dauer krank. Quelle: iStockphoto
München

Eine Beziehung kann laut scheppernd in die Brüche gehen, manchmal aber auch in absoluter Sprachlosigkeit enden. Es gibt Paare, die sich freundschaftlich trennen. Und dann gibt es Paare, die trennen sich nicht, obwohl ihre Beziehung eigentlich tot ist. So wie Mia und Oliver. Sie liebt ihn noch sehr. Aber sie spürt, dass er sich schon lange emotional aus der Beziehung verabschiedet hat. Trotzdem zieht er keinen Schlussstrich. Und Mia hofft auf ein Wunder. Denn warum sollte ausgerechnet sie beenden, was sie eigentlich bewahren will?

Aus Trauer wird Verzweiflung

Es ist ein harter Beziehungsstatus für Mia. Am Anfang, das war vor vier Jahren, war alles aufregend und frisch. Sie und Oliver waren verknallt und konnten nicht voneinander lassen. Liebesfilme enden bekanntlich an dieser Stelle der Beziehung, denn danach wird es deutlich ruhiger. Das ist völlig normal. Aber das gar nichts Liebevolles mehr kommt – so wie bei Oliver? Ständig muss er arbeiten. Und wenn er nicht arbeitet, muss er sich ausruhen oder geht zum Sport.

Mia weiß nicht, wann er ihr das letzte Mal etwas Liebes gesagt oder sie in den Arm genommen hat. „Manchmal breche ich einen Streit vom Zaun, nur damit er irgendwie auf mich reagiert. Aber er schafft es immer wieder, sich zu entziehen. Ich bekomme ihn gar nicht zu fassen“, erzählt Mia. Die Trauer sei längst der Verzweiflung gewichen. Aber die Beziehung beenden? Mia steigen Tränen in die Augen. Oliver sei immer ihr absoluter Traummann gewesen.

Präsenz fehlt

Einen Schlussstrich zu ziehen fällt deutlich leichter, wenn man sich schon emotional distanziert hat. Sind die Gefühle aber noch da und es gab keinen Abschiedsprozess, dann ist es nach Einschätzung von Paartherapeut André Kellner sehr schwer, das Seil selbstständig zu kappen: „Wir befinden uns auf dem Feld von nicht erwiderter Liebe innerhalb einer Partnerschaft. Ich liebe den anderen noch, aber er ist überhaupt nicht präsent. Da kommt nichts mehr. Die Sexualität ist weg. Ich als Therapeut stelle da die Frage: Was genau liebt man denn da noch? Ist es eine Illusion, an die man sich klammert?“ Häufig konzentriere sich in diesen Fällen die Liebe eines Partners zum anderen auf ein Bild aus der Vergangenheit, das mit der Gegenwart nur noch Umrisse gemein hat.

Solche Dynamiken entstehen für Paarberater Eric Hegmann selten plötzlich, sondern sind eher eine Verstärkung bereits vorhandener Energien: „Häufig hat ein Partner ein größeres Bedürfnis nach Nähe und deshalb war die Eroberung des eher distanzierten Partners sogar ein Reiz, der die Beziehung ausgemacht hat. Wenn nun eine Veränderung von außen auf einen Partner wirkt, verstärken sich solche Tendenzen.“ Dann werde aus einem distanzierten Partner vielleicht ein gänzlich passiver Partner.

Dass dieser die Beziehung weiterlaufen lässt, obwohl kaum mehr Gefühle da sind, kann für André Kellner mehrere Gründe haben: „Die Angst vor Gesichtsverlust. Die Angst davor, Freunde zu verlieren. Eine Trennung hat massive Konsequenzen im Leben. Die Dinge werden nicht mehr so sein, wie sie mal waren. Und wie es dann sein wird, das weiß ja auch keiner. Da ist es für manch einen einfacher, in einer Situation zu verharren und etwas auszuhalten, obwohl es nicht schön ist.“ So drückt sich der eine vor einer Entscheidung, die der andere aus Liebe und Hoffnung auch nicht treffen will.

Permanente Spannung

Oliver lebt neben Mia her und Mia hofft verzweifelt auf Wiederannäherung. „Da mag Hoffnung sein. Aber nun ist es wichtig, das Ganze in die Realität zu bringen. Wie lange will man hoffen und wann ist der Zeitpunkt, in die Realität zu kommen und sich und seinen Partner zu konfrontieren. Nur so kommt man wieder in die Beziehung“, sagt Kellner. Wer das als Paar nicht schafft, der solle sich Hilfe holen, empfiehlt der Paartherapeut: „Unterstützung kann von Freunden kommen, vom Psychologen oder Paartherapeuten. Wichtig ist, dass man gestärkt wird, in die Konfrontation zu gehen. Und wenn der andere nicht mitmacht, dann bin ich gezwungen, Entscheidungen zu treffen.“ Die Hoffnung, es möge besser werden, werde in der Regel kaum erfüllt, meint Kellner. Denn wenn ein Part in der Beziehung nichts ändern möchte, dann werde er das vermutlich auch in Zukunft nicht tun.

„Das Leben ist zu kurz für unglückliche Beziehungen“, unterstreicht Paarberater Eric Hegmann. Nur ein Loslassen und ein Neuanfang ermöglichen eine neue, glückliche Beziehung mit einem anderen Partner, der sich nicht von einem abwendet, sondern sich zuwendet. „Natürlich soll man keine Beziehung leichtfertig aufgeben. Aber die meisten Paare, die sich getrennt haben, sagen im Nachhinein, sie hätten das rückblickend sehr viel früher tun sollen“, berichtet Hegmann.

Raus aus dem Leid

Mia ist noch nicht so weit, den letzten Schritt zu gehen. Dabei haben ihr viele Freunde dazu geraten. Alle mögen Oliver, können aber nicht mehr mit ansehen, wie Mia unter seiner lieblosen Passivität leidet. Auch wenn sich jemand einredet, das sei normal, werde der Konflikt bleiben, stellt Therapeut André Kellner klar: „Und das, was mir fehlt, nur auszuhalten? Das macht entweder krank, oder ich muss es kompensieren. In Form eines Seitensprungs etwa oder über Alkohol, Essen, Medienkonsum. Damit ich die permanente Spannung nicht spüren muss. Denn die ist ja nicht weg.“

Man sollte an nichts hängen, was nur Leid verursacht, rät Hegmann: „Denn man hat auch eine Zukunft nach der Trennung, selbst wenn sich das im Moment nicht so anfühlt. Nur durch den Abschluss schafft man neuen Raum im Leben und im Herzen für eine neue Liebe.“

Paarberatungen sind überlaufen

Geht man auseinander oder nicht? Wer diese Frage mithilfe einer Paarberatung klären will, muss mit langen Wartezeiten rechnen. Vor allem die kostenlosen Anlaufstellen der Kirchen müssen regelmäßig Ratsuchende wegschicken, weil sie kaum Kapazitäten haben. Die Nachfrage sei einfach zu groß, heißt es beispielsweise bei der Caritas in Berlin. Vor allem viele junge Menschen kämen. Die Paarberater sehen zwei Hauptgründe für das gestiegene Bedürfnis, sich bei Problemen extern Hilfe zu suchen: Eine größere Bereitschaft, an der Beziehung zu arbeiten, aber auch die schwierigen Fragen des Alltags, die oft Gift für die Liebe seien. So scheitere die Familiengründung heute oft an der Komplexität von Arbeits- und Lebenswelt und den Ansprüchen, die daraus erwachsen. Konflikte in der Partnerschaft seien dann oft die Folge.

Von Andrea Mayer-Halm

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Auch autonome Fahrzeuge können in ein Entscheidungsdilemma geraten. Wie sollen sie sich verhalten, wenn Menschen verletzt oder gar getötet werden könnten? Antworten darauf versuchten US-Forscher mit einer weltweiten Umfrage zu liefern. Doch die ist höchst umstritten.

29.10.2018

In der Antarktis haben Forscher einen seltenen Fund gemacht: Im Norden des südlichsten Kontinents treibt ein rechteckiger Eisberg im Wasser. Er ist nicht die erste ungewöhnliche Form, die das Schelfeis hier hervorgebracht hat.

24.10.2018

Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Depressionen: Immer mehr Schüler leiden an psychischen Erkrankungen bis hin zum Burnout, wie eine neue Studie zeigt. Eltern sind daran nicht unschuldig.

24.10.2018