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Nachrichten Wissen Sprengmeister: Künstliche Lawinen sorgen für Sicherheit
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15:41 09.01.2019
Eine Schnee-Lawine, die durch eine kontrolliere Lawinensprengung ausgelöst wurde. Quelle: dpa/KEYSTONE
Österreich

„Die nächsten Tage werden mehr als spannend“, sagt der Vorarlberger Sprengmeister Bernd Doppler. Seit mehr als 40 Jahren bildet der 70-Jährige Experten im Sprengen von Lawinen aus. Dieser Tage herrscht Hochbetrieb in Österreich: Straßen, Skipisten, Abhänge – die Lawinengefahr ist immens hoch. „Uns bleibt frühmorgens nur wenig Zeit, um Verkehrssicherheit herzustellen. Wenn es überhaupt funktioniert.“

Temporäre Lösungen bei Lawinengefahr

Die Zeiten, in denen überall künstliche Lawinensicherungen eingebaut wurden, sind vorbei. „Das sieht unmöglich aus und kostet sehr viel Geld. Heutzutage setzt man mehr auf temporäre Lösungen“, sagt Doppler. Das gezielte Sprengen von Lawinen sei eine davon. Und diese werde dieser Tage nahezu in allen Gebieten, wo der Neuschnee kein Ende nimmt, eingesetzt. In Bayern wird das Schneechaos aktuell immer größer, Hunderte Menschen sind nach einem Lawinenabgang bei Berchtesgaden eingeschlossen.

Sprengung vor dem Skibetrieb

Um eine Lawine kontrolliert auszulösen, gibt es mehrere Methoden. So könne man Menschen auf Skiern oder Skimaschinen in die gefährlichen Gebiete schicken und sie Sprengsätze positionieren lassen. „Das ist aber viel zu gefährlich und wird so gut wie gar nicht mehr gemacht“, betont der Sprengmeister. Auch sogenannte Spreng-Seilbahnen, an denen ohne den Eingriff von Menschen Sprengsätze in die labilen Schneeschichten eingezogen werden, sind nur noch selten das Mittel der Wahl. „Das dauert einfach zu lange“, sagt Doppler. Meist bleibe den Sprengtrupps nur sehr wenig Zeit, um ihren Job zu machen. „Wenn die Skilifte in Betrieb gehen, dann müssen wir fertig sein“, betont er. „Wenn die Hotelgäste beim Frühstück Detonationen hören, dann sind wir das.“

Automatische Sprengung wird allerorts fest installiert

Das Mittel der Wahl sind heutzutage automatisierte Sprengvorrichtungen, die entweder am Boden oder in rund zehn Meter Höhe aufgestellt werden und per Knopfdruck und Funk gezündet werden können. Die Lawinenkommission, ein Zusammenschluss aus Experten, bestimmt die neuralgischen Punkte für die Installationen. In enger Absprache mit dem Pistenbetreibern und Sprengtrupps – Teamwork. „Das automatische Sprengen ist nicht wirklich gefährlich, das könnten wir vom Büro aus machen“, sagt Doppler. Das tue aber natürlich niemand, müssten die Pisten und Straßen doch dafür evakuiert und komplett gesichert werden. „Vorher passiert da gar nichts.“

Sprengtrupps müssen hellwach sein

Sollten instabile Schneedecken an Stellen entstehen, die zuvor nicht mit Sprengsätzen ausgestattet wurden, bleibt den Sprengtrupps eine weitere Möglichkeit: Das Abwerfen von Sprengsätzen aus dem Helikopter heraus. „Das ist eine Schön-Wetter-Alternative“, sagt Doppler. Da die Piloten dafür sehr tief, teils gerade mal 20 Meter über dem Boden fliegen müssen, funktioniere das Manöver nur bei guter Sicht.

Die Sprengmeister brauchen ein hohes Maß an Konzentration: „Einen Fehler darf man sich bei diesem Job nicht erlauben. Es gibt nie die Chance auf einen zweiten. Wenn ein Sprengsatz im Helikopter hochgeht, dann haben wir vier Tote.“ Zwar gebe es Sicherheitsmechanismen wie eine besonders lange Zündzeit und eine Zündschnur, die bei Aktivierung „stinkt wie die Hölle“ – aber ein Restrisiko bleibe. „Wer sprengt, muss hellwach sein“, sagt der Ausbilder, der in vier Jahrzehnten selbst noch keinen Todesfall in seinem Team beklagen musste.

Sprengstoff sorgt für enorme Druckwelle

Die Sprengungen der Lawinen erfolgen mit handelsüblichen Sprengstoff. „Da braucht es kein besonderes Mittel, der Sprengstoff ist nur eine Möglichkeit, eine enorme Druckwelle zu erzeugen“, erklärt Doppler. In zehn Millisekunden würde der Sprengstoff sein Volumen im Verhältnis von 1 zu 4000 vergrößern. „Und das schiebt die Milliarden Schneeflocken ganz gut bei Seite.“

Kontrollierte Lawinen sorgen für Sicherheit

Ob per Hand, Seilbahn, automatisch oder aus dem Helikopter heraus: Nach der Explosion schauen die Experten, ob die Lawine wie berechnet abgegangen ist. „Manchmal reißen die Sprengkörper auch nur ein Loch in den Schnee“, sagt Doppler. Auch das könne aber helfen, Lawinen zu verhindern. Der Vorteil der künstlichen Lawinen-Abgänge liege auf der Hand: Die Bereiche können zuvor gesichert und geräumt werden. „Und wir können Lawinen in kleinen Portionen anbieten, die nicht zu massiven Schäden führen“, sagt Doppler. Auf Skipisten gelte generell: Ab 80 Zentimeter komme die Schneedecke per Sprengung runter. „Da muss man kein Risiko eingehen“, sagt der Österreicher. „Erst recht nicht bei Wetterlagen wie im Moment.“

Von RND/Carina Bahl

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