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Nachrichten Wissen „Paare brauchen kinderfreie Zonen“
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12:56 07.02.2017
Wenn aus Paaren Eltern werden, bleibt die Liebe mitunter auf der Strecke. Doch das muss nicht sein. Quelle: Getty Images/iStockphoto
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Hannover

Auch wenn Krisen in einer Partnerschaft laut Familientherapeut Jesper Juul nicht wirklich verhindert werden können, so gibt es doch klassische Fallstricke in Familien, die es zu vermeiden gilt.

Herr Juul, in Ihrem aktuellen Buch berichten Sie über Probleme, die auftreten können, wenn aus Paaren eine Familie wird. Offenbar gibt es zahlreiche. Ist das eine neue Entwicklung, oder hatten Familien diese Probleme früher auch, sprachen aber nicht darüber?

So anders war es früher gar nicht, doch viele Dinge wurden weder von den Paaren noch in der öffentlichen Debatte als Probleme betrachtet. Heutzutage sind unsere Erwartungen ganz andere und der Raum, darüber zu diskutieren, ist so viel größer … Wir haben keine Aufzeichnungen aus den Generationen unserer Groß- und Urgroßeltern, wie sie die Veränderung ihrer Sexualität erlebt haben. Auch meine eigene Generation machte kein Problem aus der Tatsache, dass wir weniger Zeit und Energie für Sex hatten, nachdem unsere Kinder geboren wurden. Heute erwarten junge Eltern, dass viele Aspekte ihres Lebens wie bisher fortbestehen, was nach meiner Erfahrung aber eine Illusion ist.

Paaren, vor allem Müttern, geben Sie in Therapiegesprächen den Rat, auch an sich selbst beziehungsweise den Partner und nicht immer nur an die Kinder zu denken. Welche ganz einfachen Hinweise hätten Sie denn für den Alltag?

Wenn möglich, empfehle ich Paaren, dass sie ein paar Stunden in der Woche als „Erwachsenen-Zeit“ definieren. Das Wichtigste ist, dass sich alle Familienmitglieder daran gewöhnen, dass Mütter und Väter kinderfreie Zonen brauchen, in denen sie über ihr Erwachsenleben als Individuum und Paar nachdenken. Es gibt nicht den einen Ratschlag für alle – aber ich möchte Eltern darauf hinweisen, wie wichtig es ist (auch für die Kinder), dass sie sich um ihr Leben als Ganzes kümmern, wenn die Kinder größer werden. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist es fast schon Mode geworden zu sagen „meine Kinder bedeuten alles für mich“. Das klingt wie ein liebevolles Geschenk an die Kinder, tatsächlich aber ist es eine große Last für sie und schwächt auf jeden Fall die Beziehung zwischen Frau und Mann.

Männer und Frauen haben häufig übersteigerte Ansprüche an den jeweils anderen. Viele Beziehungskonflikte rühren daher. Woher kommen diese Ansprüche?

In den Medien inszenieren sich selbsternannte Experten und gebildete Paare aus der Mittelschicht als falsche Vorbilder, denen scheinbar alles gelingt. Ihnen ist aber ihr Image wichtiger als Ihre tatsächliche Lebensqualität. Mein Rat lautet: Sehen Sie sich Ihren Partner und ihre Kinder doch einfach an, sprechen Sie mit ihnen und lassen es allen emotional und spirituell gut gehen, auch in Ihrem eigenen Sinne.

Viele Partnerschaften geraten statistisch betrachtet nach sieben und 15 Jahren in eine Krise. Wie sind diese Zeiträume zu erklären?

Familientherapeuten ist dies seit 1950 bekannt, und es ist wichtig, zwei Dinge über diese Krisen zu wissen. Zum einen können sie nicht wirklich verhindert werden, und zum anderen sind sie sehr unterschiedlich. Die erste Krise hat mit der Beziehung zu tun, denn sie tritt zu der Zeit auf, in der sich der emotionale Zustand von „wir“ und Verliebtheit in „du und ich“ und Liebe entwickeln muss. Viele Dinge, die du im Leben brauchst, sind anders als die, die ich im Leben brauche. Und nach sieben Jahren ist unsere gegenseitige Liebe genug gereift, damit wir uns gegenseitig in unseren Bedürfnissen unterstützen – egal, ob es sich um berufliche Angelegenheiten handelt, familiäre oder um unsere eigene persönliche Weiterentwicklung. Nach der Krise sollten wir gelernt haben, dass unsere individuellen Bedürfnisse unsere Beziehung oder Familie nicht bedrohen. Sie sind notwendig für die gesunde Weiterentwicklung aller Beteiligten.

Und wenn man diese schwierige Phase überwunden hat, ist man gestärkt für die Zukunft?

Nicht unbedingt. Denn die zweite Krise ist mehr individueller Natur. Sie geschieht, wenn wir die Entscheidungen, die wir im Leben gefällt haben, bilanzieren. Wir schauen uns unseren Partner an und fragen: Ist das die Person, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen möchte? Diese Krise ist existenzieller und dauert normalerweise zwei bis drei Jahre. Wenn sie nicht richtig eingeordnet und ernsthaft diskutiert wird, wird sie bei Männern gern lapidar als „Midlife-Crisis“ bezeichnet, bei Frauen mit den Wechseljahren assoziiert. Beides lässt uns häufig in Depression, Angst und Frustration zurück. Für Paare, die die erste Krise nicht gut bewältigt haben und dabei kein Verständnis für die Individualität des Partners entwickelt haben, wird es extrem schwierig, mit dieser zweiten Krise umzugehen.

Es hat mich überrascht, dass Sie in Ihrem Buch dazu raten, Kinder zu Therapiegesprächen mitzunehmen und auch Konflikte offen mit ihnen zu besprechen. Werden Kinder, vor allem kleine Kinder, damit nicht überfordert?

Nein, ganz im Gegenteil. Sie sind erleichtert, solange sie ins Bild gesetzt und ermuntert werden teilzunehmen. Alles, was sie brauchen, ist eine herzliche Begrüßung durch den Therapeuten, „Hallo Lotte, ich freue mich, dass du gekommen bist, und immer, wenn du etwas sagen willst, hören wir dir gerne zu.“ Wenn das passiert ist, ist die Teilnahme eine Erleichterung für die Kinder.

Ein Blick in die Zukunft: Die derzeitige junge Generation, die sich immer häufiger über Tinder oder andere digitale Partnerbörsen kennenlernt, wird häufig als extrem bindungsunfähig beschrieben. Wird das zu noch größeren Familienkonflikten führen oder zu einer neuen Lockerheit und stärkerer Organisation in Patchwork-Familien und Erwachsenen-WGs?

Das kann ich nicht kompetent beantworten. Das Phänomen ist neu und anders als das Verhalten, das wir bisher kannten. Es wird eine bis drei Generationen lang dauern, konstruktive Wege zu finden, damit umzugehen.

Jesper Juul: „Liebende bleiben. Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken“, Beltz Verlag, 252 Seiten, 18,95 Euro.

Zur Person

Der dänische Familientherapeut und Bestseller-Autor Jesper Juul. Quelle: gpt

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul (68) hat mittlerweile rund 40 Ratgeber zu Familien– und Partnerschaftsthemen veröffentlicht. 2004 gründete er das FamilyLab International, um Eltern und Familien fortzubilden. Juul hat einen erwachsenen Sohn und ist zweimal geschieden. 2012 erkrankte er an einer Nervenkrankheit, die ihm auch das Sprechen erschwert. Das Interview haben wir darum per E-Mail geführt. In seinem aktuellen Buch gibt Juul Gespräche mit Paaren wieder, die er vor ein paar Jahren in München geführt hat. Außerdem veröffentlicht er die Tipps, die er den jeweiligen Eltern gegeben hat.

Von RND/Christiane Eickmann

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