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11:02 05.05.2017
Klarträumer erlangen Kontrolle über ihre Gedanken. Anders als beim Tagtraum fühlt sich der Klartraum unglaublich echt an. Quelle: i-stock
Berlin

Mark W. kämpft wie noch nie. Er ist eins mit der Bewegung, führt in perfekter Balance seine Kung-Fu-Tritte und -Schläge aus. Dann wacht er auf. Es war nicht das erste Mal, dass Mark W. im Traum trainiert hat, denn er ist Klarträumer: Im Schlaf wird er sich immer wieder darüber bewusst, dass er träumt. Und er versucht, diese Träume zu nutzen, um sein sportliches Können zu steigern.

Menschen wie Mark W. sind für Schlafforscher interessant. Denn immer mehr deutet darauf hin, dass wir im Traum auf besondere Weise dazulernen können. Wissenschaftler sehen den Klartraum deshalb als Chance, Fähigkeiten im Schlaf zu trainieren.

Ein ganz außergewöhnlicher Zustand

Ein Klartraum, auch luzider Traum genannt, ist ein außergewöhnlicher Zustand. Er stellt sich ein, wenn man – immer noch schlafend – bemerkt, dass man träumt. Jedem Zweiten von uns ist das schon einmal passiert, und etwa jeder Fünfte hat regelmäßig luzide Träume. Wer weiß, dass er träumt, erlangt meist Kontrolle über den Traum und kann dessen Handlung zumindest teilweise steuern. Man kann dann alles tun, worauf man Lust hat: fliegen, zaubern, erotische Abenteuer erleben – oder eben das beste Kung-Fu kämpfen, das die Welt je gesehen hat. Anders als eine Tagträumerei fühlt sich der Klartraum dabei unglaublich echt an.

Daniel Erlacher ist als einer von wenigen Wissenschaftlern auf die Erforschung des Klartraumzustands spezialisiert. Derzeit arbeitet und forscht der Sportwissenschaftler und Psychologe an der Universität Bern. Aus einer Onlinebefragung luzider Träumer weiß Erlacher: Etwa 20 Prozent von ihnen trainieren im Klartraum bereits gezielt praktische Fähigkeiten – wie zum Beispiel ihren Aufschlag beim Tennis.

Schwimmer paddelt im Traum durch Honig

Genau hier sieht Erlacher Potenzial. Er glaubt, dass wir unsere sportlichen und motorischen Fertigkeiten mit Hilfe von Klarträumen verbessern können. Momentan betreut er mehrere neue Forschungsprojekte zum Thema. So auch die Studien von Melanie Schädlich, die bei Daniel Erlacher promoviert. Sie führte Interviews mit Sportlern, die ihre Fähigkeiten im Klartraum trainieren. „Das Training im Traum fühlt sich sehr realistisch an“ , erläutert die Psychologin die Erfahrungen der Probanden. Und es bietet weitere entscheidende Vorteile, wie sie aus ihren Interviews weiß. So konnten Sportler, die das luzide Träumen beherrschen und schlafend trainierten, bewusst die Zeit verlangsamen, um Bewegungen sorgfältiger auszuführen. Ein Schwimmer beispielsweise schwamm im Traum langsam durch Honig, um dabei an seinem Stil zu feilen. Andere wechselten die Perspektive, um sich wie von außen zu sehen. Einige Sportler wurden sogar von ihren Trainern für ihre verbesserte Leistung gelobt, nachdem sie im Traum geübt hatten – ohne dass die davon wussten.

Für Mark W., den Kung-Fu-Kämpfer, den Schädlich ebenfalls interviewte, ersetzen die Traumkämpfe zeitweise das reale Training. Wenn er keinen Sparringspartner hat, träumt er sich diesen einfach herbei. Nach jedem Training im Traum hat er das Empfinden, er hätte dazugelernt. „Es könnte auch ein psychologischer Effekt sein, aber es fühlt sich wirklich immer so an, als hätte ich mich verbessert“, sagt Mark W.

Nachts ist Zeit für mentales Training

Neben Melanie Schädlich versucht auch Tadas Stumbrys, Erlachers These zu untermauern. Der Psychologe absolvierte ein Postgraduiertenstudium in Sportwissenschaften an der Universität Heidelberg. Für eine Studie, die 2015 im Journal of Sports Sciences erschien, ließ Stumbrys 68 Teilnehmer mit der Fähigkeit zum luziden Träumen mehrfach eine bestimmte Tastenabfolge auf der Tastatur eingeben. Dabei waren jeweils bestimmte Finger zu benutzen, ein Computerprogramm erfasste, wie oft sich die Probanden vertippten. Ein Teil von ihnen übte in der Nacht noch einmal an der Tastatur, eine andere Gruppe absolvierte nachts ein mentales Training und spielte die Aufgabe in der Vorstellung durch. Eine dritte Gruppe führte gezielt einen Klartraum herbei, um die Fingerfolge träumend zu proben. Am nächsten Morgen hatten sich alle drei Gruppen durch das nächtliche Training eindeutig verbessert – anders als eine Kontrollgruppe, die in der Nacht nicht geübt hatte. Um die Wirksamkeit eines Trainings im Traum genauer zu messen, hält Stumbrys aber weitere Studien für nötig.

„Für mich besteht absolut kein Zweifel daran, dass das Lernen im Traum funktioniert“, sagt Traumforscher Erlacher. Schließlich sei auch das mentale Training im Profisport längst etabliert. Bei dieser Methode werden Bewegungsabläufe vor dem geistigen Auge mehrfach durchgespielt, um sie in Wettkampfsituationen fehlerfrei abrufen zu können. „Man weiß, dass sich Sportler durch mentales Training verbessern, es wäre also sehr unplausibel, wenn ein Training im Klartraum nicht funktionieren würde“, sagt Erlacher. Vermutlich sei dieses sogar effektiver. Das Traumerleben zeichne sich schließlich dadurch aus, mehr als bloße Imagination zu sein – in intensiven Träumen können wir Dinge hören, sehen, schmecken oder fühlen. Erlacher formuliert es so: „Eine Vorstellung findet immer im Geist statt, doch im Traum ist sie da.“

Anleitung zum Klarträumen

Fantasievolle Menschen, die offen für neue Erfahrungen sind, scheinen etwas öfter als andere zum Klarträumen zu neigen. Klartraumforscher gehen aber davon aus, dass sich luzides Träumen lernen lässt.

Zwei Methoden können helfen, die Häufigkeit luzider Träume zu steigern:

Ein relativ einfaches Hilfsmittel ist ein Traumtagebuch. Darin werden Träume direkt nach dem Aufwachen notiert. Dabei ist eine Frage besonders wichtig: Welches waren typische Anzeichen dafür, dass man träumt? Wer regelmäßig Traumtagebuch führt, wird schnell bemerken, dass er sich öfter an seine Träume erinnert. Gleichzeitig erhöht sich die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Klarträume auftreten.

Mehrere Studien haben gezeigt, dass Realitätschecks im Alltag die Häufigkeit luzider Träume erhöhen können. Stellen Sie sich dazu mehrmals täglich die Frage, ob Sie träumen, und machen Sie einen Test, um klar zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Halten Sie sich zum Beispiel Mund und Nase zu – wenn man trotzdem noch Luft bekommt, weiß man, dass man träumt. Wer sich Realitätschecks im Alltag angewöhnt, wird sie irgendwann auch im Traum durchführen und hat dann die Chance, es zu bemerken.

Mit der sogenannten MILD-Methode (Mnemonic Induction Lucid Dreams) lassen sich Klarträume teilweise herbeiführen. Dazu beschließt man, nach einer Traumphase aufzuwachen. Sobald man wach ist, ruft man sich den eben erlebten Traum in Erinnerung. Vor dem Wiedereinschlafen versucht man, sich in den letzten Traum zurückzuversetzen – und stellt sich vor, den Traumzustand das nächste Mal zu erkennen. Dabei kann es helfen, sich den Vorsatz mantraartig zu wiederholen: „Wenn ich das nächste Mal träume, werde ich es bemerken.“

Von Irene Habich

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