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Wissen “Essen ist immer mit Paranoia verbunden“
Nachrichten Wissen “Essen ist immer mit Paranoia verbunden“
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13:08 02.02.2017
Quelle: Getty Images/iStockphoto
Hannover

Wenn es um die Machtposition bei Tisch geht, ticken sie ähnlich – der alte Patriarch und die junge Veganerin. Was das über unsere Gesellschaft sagt, erklärt Ernährungspsychologe Christoph Klotter.

Was haben Sie heute Mittag gegessen?

Flammkuchen mit Kürbis. Wir versuchen hier im Restaurant Diderot, das ich gemeinsam mit meiner Partnerin Eva-Maria Endres betreibe, viel saisonal zu kochen. Dafür arbeiten wir eng mit regionalen Produzenten zusammen.

Was sagt der Flammkuchen über Sie?

Ich analysiere das jetzt mal von außen: Ich versuche mich über den Flammkuchen sozial besser zu situieren. Flammkuchen kommt aus Frankreich, dem Land, das traditionell die beste Küche Europas vorweist. Ich habe vorher nicht darüber nachgedacht, aber mit dem Flammkuchen versuche ich mich von den Menschen abzugrenzen, die traditionell deutsch essen. Ich will zeigen, dass ich eine bessere Esskompetenz habe. Allgemein gesprochen versuchen wir immer über Essen und Lebensmittel-Einkauf unseren sozialen Status zu präsentieren.

War der Flammkuchen auch Bio?

Ja.

Zu den Foodtrends gehört neben Bio auch Regional. Ich nehme an, Ihr Kürbis kommt aus der Region ...

Der Kürbis ist aus Brandenburg. Ich kenne den Produzenten. Der Bauer kommt einmal die Woche zu uns. Ich habe eine Beziehung zu ihm. Das gibt mir das Gefühl von Sicherheit in einer unübersichtlichen Welt. Wenn die Menschen regional kaufen, fühlen sie sich gut. Wir dürfen nicht vergessen: Essen ist immer mit Paranoia verbunden. Lebensmittel können todbringend sein.

Wer regional einkauft, nennt in der Regel ökologische Gründe dafür.

Regionalität hat den Vorteil, dass wir mit der Natur mitgehen und dass wir wissen, was wo angebaut wird. Aber regional ist nicht automatisch ökologischer. Wenn ich mit dem Auto zum regionalen Produzenten fahre, ist das emissionsfeindlicher, als Kiwis aus Neuseeland im Supermarkt um die Ecke zu kaufen.

Gibt es noch einen Grund für den Boom regionaler Lebensmittel?

Bei mir kommt zum Beispiel dazu, dass mir regionale Produkte wesentlich besser schmecken. Ich lege großen Wert darauf, qualitätsbewusst zu essen, und der geschmackliche Unterschied zwischen regionalen und nicht-regionalen Produkten ist unglaublich. Ich bin Vegetarier. Das Fleischessen habe ich mir aber weniger aus ethischen Gründen abgewöhnt, sondern weil es mir nicht schmeckt. Ich nehme die Lebensmittel zu mir, die meinem Selbstwertgefühl entsprechen und die es auch fördern. Andersrum versuche ich, mein Selbstwertgefühl zu steigern, indem ich gute Dinge esse. Dann bin ich mit mir zufrieden.

Eine Szene aus der unmittelbaren Nachkriegszeit auf dem Land: Dem Hausherrn wurde zuerst aufgetischt, den Kindern zuletzt. Wenn der Hausherr fertig war, mussten alle aufhören zu essen. Was sagt das über die Zeit?

Der Tisch reproduziert das soziale Machtgefüge. Es ist noch nicht so lange her, da stand der Hausherr in der Hierarchie bei Tisch ganz oben. Durch die Ernährungsmoden bilden sich neue Hierarchien. Heute steht die junge, gebildete Frau oben, die sagt, dass sie sich nur vegan ernährt. Sie fühlt sich denjenigen moralisch überlegen, die das nicht tun.

Die Veganerin würde Ihnen antworten, dass es ihr um die Tiere geht und nicht um die Macht.

Es muss nicht automatisch so sein, dass sie sich moralisch überlegen fühlt. Aber ihre Ernährungsweise bietet ihr zumindest die Möglichkeit. Bei einer Diskussion im Diderot sagte mal eine Veganerin, Fleischessen wäre wie Kinderpornografie. Da kommt dieser Überlegenheitsduktus zum Vorschein. Nach dem Motto „Das mache ich doch nicht“. Aber immer wenn wir essen, tun wir einem Tier oder einer Pflanze Gewalt an. Das heißt, Essen ist immer mit Schuld verbunden.

Das Tier fühlt Angst und Schmerz, die Pflanze nicht.

Es gibt bestimmte Differenzen, das will ich nicht leugnen. Trotzdem vergehen wir uns immer an Lebewesen, wenn wir essen. Es ist ein gewalttätiger Akt der Zerkleinerung. Aus dieser Schuld resultierte Dankbarkeit. Es gab historische Rituale wie Dankesopfer, um dieser Schuld zu entgehen. Heute erkennen wir das nicht mehr an. Wir haben nur noch das Erntedankfest, mehr nicht.

Wenn heute Großeltern, die die Nachkriegszeit noch bewusst erlebt haben, und Enkel, die im Wohlstand aufgewachsen sind, zusammen essen – welche Werte und Überzeugungen sitzen dann mit am Tisch?

Die Großeltern haben noch erlebt, was es heißt, hungrig zu sein und nicht sicher zu sein, morgen etwas zu essen zu bekommen. Das ist eine existenzielle Erfahrung. Die Enkel gehen davon aus, dass sie immer genug zu essen haben werden. Trotzdem vermute ich, dass auch bei ihnen unbewusst noch die Angst vor dem Hungern da ist. Das liegt in der Natur des Menschen. Heute taucht das noch ein bisschen auf, vor Feiertagen um 8 Uhr morgens im Supermarkt, wenn die Angst im Raum steht, dass in zwei Tagen alle verhungert sind.

Zur Person:

Christoph Klotter ist Professor für Ernährungspsychologie an der Hochschule Fulda und Mitinhaber des Restaurants „Diderot“ in Berlin. Dort findet noch bis Juli 2017 die Reihe „Zeitreise Essen: Historische und kulturelle Determinanten des Essverhaltens“ statt. Quelle: Nicole Dietzel

Von RND/Monika Herbst

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