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Wissen Entschleunigung in 140 Zeichen
Nachrichten Wissen Entschleunigung in 140 Zeichen
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20:32 17.10.2017
Haemin Sunim wurde in Südkorea geboren und siedelte später in die USA über, um dort Film zu studieren. Zudem studierte er Religionswissenschaft in Havard und Psychologie in Princeton. Dabei entdeckte Sunim, dass er sich eigentlich dem Buddhismus widmen will. Er kehrte nach Korea zurück und wurde als Mönch ordiniert. Er lehrt in den USA und lebt in Seoul. Quelle: privat
Hannover

Der Mann vom Verlag wäre gelassener, wäre Haenim Sunim nicht so gelassen. „Vielleicht meditiert er jetzt auf einer Parkbank“, mutmaßt der Verleger. Vor einer halben Stunde wollte Sunim von seinem Mittagsspaziergang zurückkehren, ist er aber nicht. Der Mann vom Verlag ruft ihn an, aber Sunims Handy ist ausgeschaltet, der Mann vom Verlag entschuldigt sich. Dabei verdient Haemin Sunim, der Zen-Mönch aus Südkorea, sein Geld mit genau dieser Gabe: Gelassenheit. Er hat ein Buch darüber geschrieben, über das er reden sollte, wenn er nur hier wäre: „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“. 266 Seiten, die meisten gefüllt mit Aphorismen.

Erfolg in Twitterlänge

Nicht mehr als 140 Zeichen sind diese lang, zumindest im koreanischen Original. Denn 140 Zeichen entsprechen derzeit der maximalen Länge eines Twitter-Posts. Dort, auf Twitter, begann Sunims Erfolg.

„Ich habe mir angeschaut, was die Leute da schreiben“, sagte der 43-Jährige bei einem Interview – und dass das Gesehene ihn erschreckt habe: „Da sagen die Menschen, was sie heute zum Mittag gegessen haben und ob die Sonne scheint. Also habe ich angefangen, etwas bedachtere, meditative Posts dagegenzusetzen.“ Die Idee kam an: Heute folgen Sunim 1,3 Millionen Twitter-Nutzer. Genug, um eine Verlegerin auf sich aufmerksam zu machen. Durch das soziale Netzwerk also ist Sunim zu einem Shootingstar geworden. Die Frage, wie das möglich ist, erübrigt sich teilweise, als Sunim endlich kommt. Da steht er, freundlich-bescheiden lächelnd; bedacht, aber wach; kein bisschen abgehoben und strahlt diese Wärme aus, die selten ist. Einer, der immerzu reist, aber trotzdem angekommen ist. Der die Technik beherrscht, aber sich trotzdem traditionellen Werte verschreibt. Das Gegenteil des Zen-Mönch-Klischees.

Und dann sagt er auch noch Sachen wie: „Nur, weil die Leute entschleunigen sollen, heißt das nicht, dass sie langweilig werden sollen.“ Sunim, das ist die menschliche Schnittstelle zwischen alter und neuer Zeit.

Von Liebe und Bescheidenheit

Doch obwohl Sunim so sympathisch ist, obwohl er so offensichtlich klug ist, überrascht doch, wie erfolgreich er ist. In Korea verkaufte sein Verlag über acht Millionen Exemplare, außerhalb des Landes liegt die Auflage bei über drei Millionen. Auch in Deutschland liegt bereits jetzt die zweite Auflage vor. Obwohl bei Weitem kein Mangel an Nimm-dir-Zeit-für-dich-selbst-Lektüren besteht.

Das ist insofern ein beträchtlicher Erfolg, als dass seine Klugheit in den 140 Zeichen Twitter und 266 Seiten Buch nur an wenigen Stellen durchschimmert. So braucht es nicht einmal 140 Zeichen, um den Inhalt Sunims Werk zusammenzufassen: Liebt euch und andere. Seid wachsam. Seid bescheiden. Lasst Platz für Irrationales. Denkt positiv. Stresst euch nicht.

Hast du ein unangenehmes Gefühl, /

dann halt nicht daran fest, /

koche es nicht immer wieder auf,

rät der Mönch beispielsweise im Kapitel „Innehalten“. Sätze wie diese könnten genauso gut in Abreißkalendern stehen. Andere gehörten eher ins Ressort „Kochen“:

Um Angebranntes vom Pfannenboden

zu lösen, /

gieß einfach Wasser in die Pfanne

und warte. /

Nach einer Weile lösen sich die

Essenreste von allein.

Eine leicht missglückte Metapher (denn jeder Kochfreund weiß: Ohne Spülmittel ist auch das längste Einweichen vergebens), die wie alle anderen Metaphern noch erläutert wird:

Kämpfe nicht, um deine Wunden

zu heilen. /

Gieß einfach Zeit in dein Herz

und warte. /

Wenn deine Wunden bereit sind, /

heilen sie von allein.

Sunim zurrt den Interpretationsspielraum seiner Leser damit so eng, dass selbst die freigeistigsten Fantasierer nur zu einem Fazit kommen können: Zeit heilt Wunden.

Achtsamkeit für die breite Masse

Doch das ist so gewollt. Denn Sunim begreift Verständlichkeit als Auftrag. „Ich habe so viele unterschiedliche Leser, die meisten sind mit den Lehren des Buddhismus nicht vertraut.“ Mit seinem Buch wolle er seine Grundlagen einer breiten Masse nahebringen. Denn Sunim sieht sich als Art Zen-Lehrer der digitalen Generation. Und dass mancher diese Weisheiten möglicherweise schon einmal gehört hat? „Das reicht den Leuten nicht“, sagt er. „Du musst es hören, musst es lesen, musst dich freundlich daran erinnert fühlen.“

Mit dieser Erinnerung trifft Sunim den Nerv der Zeit. Je schneller die Welt zu rasen scheint und je weiter sich das Gefühl sozialer Kälte ausbreitet, desto größer wird das Bedürfnis nach Büchern wie das des Zen-Mönchs. Und Sunims Buch stillt es auf das Vorzüglichste: Es ist liebevoll illustriert von Youngcheol Lee, lässt sich rasch weglesen. Es ist eines dieser schönen Bücher, die sich Menschen zwischen Bekannt- und Freundschaft zum Geburtstag schenken, um es dann ins Gästebad zu legen, wo es Gäste entdecken, um es wiederum ihren Freunden zu schenken.

Sunim weiß das alles. Er sagt: Er wolle eine Alltagshilfe für alle sein, kein Pionier des Buddhismus. Von dem Erfolg seines Buches, sagt er, ist er selbst überrascht und freut sich darüber. Aber ob es sich nun 20.000-mal oder 100.000-mal verkauft – er nimmt es gelassen, das ist seine Stärke.

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Michael Tischinger: Weg der inneren Heilung. In 52 Kurzgeschichten schreibt der Arzt, Psychotherapeut und Theologe Michael Tischinger über die Bedeutung der Selbstliebe für innere Gesundheit. Seine These: Viele gehen mit sich selbst strenger um als mit anderen – und schaden sich damit selbst.

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Kösel, 14,99 Euro, 128 Seiten, erschienen im Juli

Haemin Sunim: „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“, Scorpio-Verlag, 266 Seiten, 18 Euro Quelle: Verlag

Von Julius Heinrichs/RND

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