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Wissen „Das ist wie Yoga fürs Gehirn“
Nachrichten Wissen „Das ist wie Yoga fürs Gehirn“
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15:39 07.12.2016
Quelle: Fotos: Staedtler
Hamburg

. Sie ist die Königin der Erwachsenenausmalbücher: Johanna Basford über das Glück beim Malen, Nostalgie und die Kraft der Natur.

Mrs Basford, Sie gelten als die Vorreiterin des Ausmalbücher-Booms. Haben Sie mit so etwas gerechnet, als Sie über Ihrem ersten Buch saßen?

Nein, auf keinen Fall. Das Ganze war anfangs ja nur eine fixe Idee. Ein Malbuch für Erwachsene? Sie hätten mal meine Familie dazu hören sollen: Die hielt mich für verrückt.

Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen?

Während meines Kunststudiums war ich pleite. Ich konnte mir keine Farben leisten und habe deshalb nur in Schwarz-Weiß gezeichnet. Als ich mich selbstständig machte, behielt ich diese Technik bei – bis eines Tages ein Kunde zu mir sagte: „Johanna, ich liebe es, deine Schwarz-Weiß-Bilder auszumalen.“ Ich dachte erst, er macht Witze. Aber in Wahrheit brachte er etwas ins Rollen. Mir wurde klar, dass auch Erwachsene für Malbücher zu begeistern sind, solange es darin nicht von Disney-Prinzessinnen oder Superhelden wimmelt. Ein Buch mit anspruchsvollen, eleganten Motiven musste her.

War es schwer, einen Verleger dafür zu finden?

Ich hatte Glück, denn damals kam ein Verleger auf mich zu und bat mich, ein Malbuch für Kinder zu illustrieren. Ich antwortete, ich würde wahnsinnig gern ein Malbuch illustrieren – nur nicht für Kinder. Zunächst war er skeptisch: Warum sollten sich Erwachsene für diesen Kinderkram interessieren? Aber als ich meine Skizzen vorlegte, gab er mir eine Chance. 2013 erschien „Mein verzauberter Garten“ – mein erstes Buch – mit anfangs 13 000 Exemplaren. Plötzlich hatte ich Panik, es würde sich nicht verkaufen. Aber dann kam Neuauflage für Neuauflage.

Ihre Malbücher gehen weg wie warme Semmeln. Was glauben Sie, warum?

Weil es ein verdammt simpler Weg ist, kreativ zu sein. Man muss nicht der weltbeste Künstler sein, um meine Bücher auszumalen. Die Konturen und Linien sind ja schon alle da. Man muss nur noch die Farbe reinbringen. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch.

Welche Tipps geben Sie Ausmal-Anfängern mit auf den Weg?

Eine breite Farbpalette ist wichtig, vor allem für Illustrationen, die komplexer sind. Außerdem verwende ich gern zarte Farbtöne, denn durch sie wirkt das fertige Bild lebendiger. Generell finde ich Buntstifte besser als Filzstifte. Sie sind vielseitiger und lassen sich gut mischen. Fineliner wiederum empfehle ich nur, wenn etwas sehr Filigranes ausgemalt werden muss.

Viele kaufen Ihre Bücher als Anti-Stress-Therapie. Überrascht Sie das?

Nein. Ich kenne das ja von mir selbst: Malen macht glücklich, beruhigt den Puls und ist perfekt zum Abschalten. Wenn ich mich an den Schreibtisch setze und zeichne, vergehen Stunden, die mir wie Minuten vorkommen. Ich kann total nachvollziehen, wenn die Leute sagen, meine Bücher helfen beim Entspannen. Schließlich ist es eine sehr nostalgische Tätigkeit. Die meisten haben gemalt, als sie Kinder waren. Mit einem Buntstift in der Hand fühlen sie sich in ihre wohlbehütete Kindheit zurückversetzt.

Warum ist den Leuten das Abschalten heute so wichtig?

Weil sie sich in unserer digitalen Welt überfordert fühlen. Menschen können nicht wie Computer funktionieren: immer angeschaltet, erreichbar und auf verschiedenen Kanälen präsent. Das ist anstrengend. Das raubt Kreativität. Daher sehnen sich viele danach, öfter mal den „Aus“-Knopf zu drücken und die Batterien aufzuladen. Experten nennen das „Digital Detox“. Ausmalen ist perfekt dafür, es ist eine durch und durch analoge Tätigkeit. Das ist wie Yoga fürs Gehirn.

Im Garten, im Wald, im Wasser und im Dschungel: All Ihre Ausmalbücher spielen fernab der Zivilisation. Reizt Sie das städtische Leben überhaupt nicht?

Nein. Ich bin auf dem Land groß geworden. Ich liebe das Grüne und die vielen Bilder, die man in der Natur entdeckt. Eine hektische Großstadt hat für mich nichts mit Entspannung zu tun. Gebäude, Straßen und Autos inspirieren mich nicht, und ich könnte keine Szenerien zu etwas entwerfen, das ich nicht mag. Überhaupt: Die meisten Leute leben in Städten. Natur ist das Erste, was sie suchen, wenn sie ihrem Alltag entfliehen wollen.

Sie bezeichnen sich als Tinten-Gläubige. Haben Sie den digitalen Dingen vollkommen abgeschworen?

Natürlich habe auch ich ein Smartphone und einen Computer. Aber: Ich ziehe Stifte und Füller gegenüber Maus und Tastatur vor. Ein von Hand gezeichnetes Bild ist mir wesentlich lieber als ein am Computer entworfenes. Computergenerierte Kunstwerke sind kalt und seelenlos. Ich liebe es, wenn Kreise die eine oder andere Delle haben und Striche nicht wie mit dem Lineal gezogen wirken. Im Unperfekten liegt doch die wahre Schönheit. Andererseits: Ich lebe in einer digitalen Welt. Der Verlag bekommt meine Buchseiten per E-Mail – deshalb nutze auch ich am Ende einen Computer.

Glauben Sie wirklich, dass die Welt ein glücklicherer Ort wäre, wenn die Menschen mehr malen würden?

Unbedingt. Schauen Sie sich doch die Leute an, die in Bus und Bahn nur noch auf ihre Smartphones glotzen. Kommunikation findet kaum mehr statt. Ich glaube, öfter mal auf digitale Geräte zu verzichten, egal wie, schenkt uns allen eine Menge Freiheit und Ausgeglichenheit. Das Ergebnis sind glücklichere Beziehungen, fröhlichere Familien und bessere Arbeitsplätze. Davon bin ich überzeugt.

Von RND/Sophie Hilgenstock

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