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21:14 07.12.2016
Nervenzehrend für Eltern und Kind: Wenn das Baby nicht aufhört zu schreien, kann mitunter ein Besuch in der Schreiambulanz Klarheit bringen. Quelle: iStock
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Hannover

Babys können nicht sprechen. Sie schreien, wenn sie etwas stört. Hunger, das Bedürfnis nach Nähe oder Schlaf – all das kommunizieren die Kleinen über ihre Körperhaltung oder ihre Stimme. Doch etwa jeder siebte Säugling schreit in den ersten Lebensmonaten ohne ersichtlichen Grund. Weder Stillen noch Wickeln oder Kuscheln können das Kind beruhigen. Was mache ich falsch, fragen sich betroffene Eltern. Und vor allem: Was fehlt meinem Kind?

Die Suche nach den Ursachen

Wenn sich die Kleinen über drei Wochen hinweg mindestens an drei Tagen pro Woche länger als drei Stunden am Tag lautstark bemerkbar machen, sprechen Experten von Schreibabys. Trotz jahrzehntelanger Forschung sind die Gründe immer noch unklar. Früher vermuteten Mediziner Verdauungsstörungen, sogenannte Dreimonatskoliken, als Ursache. Doch das beurteilen Fachleute heute anders. „Studien haben gezeigt, dass nur fünf bis zehn Prozent der betroffenen Kinder im Magen-Darm-Bereich erkrankt sind“, sagt Ulla Krüger von der Eltern-, Säuglings- und Kleinkindambulanz im Winnicott-Institut-Hannover. Die ausgebildete Kindertherapeutin weiß, dass der aufgeblähte Bauch vieler Schreibabys meist nicht die Ursache, sondern die Folge der Aufregung ist: „Wenn ein Kind mehrere Stunden schreit und dabei ständig Luft schluckt, dann wirkt sich das auch auf den Körper aus“, erklärt Krüger. Können medizinische Gründe wie Infektionen oder verborgene Knochenbrüche ausgeschlossen werden, sind in den meisten Fällen Stress während und nach der Schwangerschaft, ein leicht erregbares Temperament des Kindes und Reizüberflutung die Risikofaktoren, mit denen sich ein Säugling zum Schreibaby entwickeln kann.

Stress als Auslöser

Diese Meinung teilt auch Monika Wiborny, ausgebildete Krisenbegleiterin für Kinder mit Regulationsstörungen in der Schreiambulanz Hamburg und Stormarn. „Sorgen der Mutter, die Anspannung beim Ultraschall, aber auch eine schwierige Geburt können der Auslöser sein“, sagt Wiborny. „Die Kinder spüren die Unruhe bereits im Mutterleib und speichern sie als negative Erfahrung ab.“ Später, im Säuglingsalter, wenn sich die Kinder an ihre jeweilige Umgebung anpassen und neue Dinge lernen müssen, kann sich die schon früh erworbene Anspannung zu Stress, Angst und Panik steigern. Und darauf reagieren die Kleinen dann auf die naheliegendste Weise: mit Geschrei. „Schreibabys nehmen alle taktilen und auditiven Reize ihrer Umgebung viel sensibler wahr“, sagt Ulla Krüger, „da kann schon eine normale Kontraktion des Darms ausreichen, um das Kind aus der Ruhe zu bringen.“

Die Eltern unter Druck

Die frischgebackenen Mütter und Väter plagen derweil Erschöpfung und Selbstzweifel. Vorwurfsvolle Blicke und Vorhaltungen aus dem Umfeld verschlimmern die Situation. Nicht selten isolieren sich Betroffene, um in ihrem Bekanntenkreis nicht unangenehm aufzufallen. Eine Stressspirale, die Eltern dann wieder auf den Nachwuchs übertragen. Experten raten daher, dass Betroffene sich schon früh Hilfe holen. „Eltern brauchen in einer solchen Situation ein funktionierendes Netzwerk, Bekannte oder Familienangehörige, die unterstützend zur Seite stehen“, sagt Monika Wiborny. Auch Expertenhilfe, etwa in einer Schreiambulanz, sollten die geplagten Mütter und Väter schnell in Anspruch nehmen.

In Frankfurt helfen Babylotsen Familien mit Neugeborenen. Quelle: dpa

„Je eher ein Schreikind behandelt wird, desto größer sind die Erfolgschancen“, erklärt Wiborny. Wann die Betroffenen eine Schreiambulanz aufsuchen sollten, hänge dabei von der jeweiligen Belastungsgrenze ab. „Wir orientieren uns an den Eltern, ist der Leidensdruck hoch, ist es egal, ob die Situation erst wenige Tage oder bereits mehrere Wochen besteht.“

Die Signale richtig deuten

Ist dieser Schritt getan, müssen Betroffene erst wieder lernen, auf ihre Fähigkeiten als Eltern zu vertrauen. Wann ist mein Kind müde? Wie erkenne ich, dass es Nähe braucht? „Eltern, insbesondere Mütter, kennen ihr Kind besser als jeder Ratgeber, nur haben sie durch ihre frustrierenden Erfahrungen aufgehört, auf ihr Bauchgefühl zu hören“, sagt Ulla Krüger. In ihrer Not machen Betroffene oft zu viel, um ihr Kind zu beruhigen.

„Sie tragen es beispielsweise die ganze Zeit herum oder schaukeln es, achten dabei aber nicht auf andere Signale.“ Welche Trage- oder Atemtechniken wirken beruhigend? Wie kann ich die Reize meiner Umgebung reduzieren, damit mein Kind Entspannung findet? All das lernen Betroffene in den Beratungsstunden der 54-Jährigen. Dabei erhalten Mütter und Väter auch den Raum, um über Sorgen und Schuldgefühle zu sprechen. „Das ist ein wichtiger Aspekt“, sagt Ulla Krüger, „viele Betroffene glauben, als Eltern versagt zu haben. Sie brauchen Stärkung und die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen.“

Gute Erfolgschancen

Die Erfolgschancen sind gut: Oft reichen vier bis fünf Sitzungen aus, damit sich beim Kind eine Besserung einstellt. Doch nicht nur für die ersten Lebensmonate, auch für die spätere Entwicklung des Kindes ist eine Behandlung sinnvoll. Denn das Problem verschwindet meist nicht von allein. So kommt etwa eine Studie des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (Dimdi) in Köln zu dem Ergebnis, dass Schreibabys häufiger zu Kindern mit Entwicklungsstörungen heranwachsen. „Das muss natürlich nicht sein“, sagt Ulla Krüger, „doch ignorieren sollte man das Problem auf keinen Fall.“

Wo gibt es Hilfe?

Hilfe finden Eltern von Schreibabys bei ihrem Kinderarzt, der Nachsorgehebamme, Erziehungsberatungsstellen und Schreiambulanzen. Eine Auflistung sämtlicher Beratungsstellen in Deutschland gibt es unter anderem auf www.schreibaby.de/adressen-fuer-eltern-von-schreibabys. Ob die Krankenkasse Kosten übernimmt, hängt von der jeweiligen Kasse und der Art der Behandlung ab.

Einen guten Überblick einzelner Themenfelder bietet auch die Seite der Schreibabyambulanz Hamburg und Stormarn auf www.schreibabyambulanz-hamburg.de.

Unter www.kindergesundheit-info.de informiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, wann Schreien als normal gelten kann und ab welcher Dauer Eltern sich Sorgen machen müssen.

Von RND/Katrin Diederichs

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