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Wissen Bestehen Sie den Pisa-Test?
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17:02 06.12.2016
Am Dienstag werden die aktuellen Ergebnisse der Pisa-Studie 2015 vorgestellt.  Quelle: dpa
Berlin

In der aktuellen Erhebung ging es um die Bereiche Naturwissenschaften, Lesekompetenz und Mathematik. In allen drei Bereichen liegen deutsche Schüler über dem Durchschnitt der 72 getesteten Länder. Deutsche Schüler sind in etwa so gut wie ihre Altersgenossen aus den Niederlanden, Korea, der Schweiz oder Großbritannien. Im Vergleich zur Vorgänger-Untersuchung von 2012 ist die mittlere Punktzahl der hiesigen Schüler allerdings deutlich um 15 Punkte zurückgegangen. In Deutschland wurden rund 10.000 Schüler und Schülerinnen getestet. 


Großer Leistungsunterschied zwischen den Geschlechtern

Besonders auffällig ist: Der Leistungsunterschied zwischen den Geschlechtern ist in Deutschland größer als im Durchschnitt: Hierzulande erzielten Jungen in Naturwissenschaften im Mittel zehn Punkte mehr als Mädchen, womit der geschlechtsspezifische Leistungsunterschied größer ist als im OECD-Durchschnitt.

Am Dienstag wurde die Pisa-Studie in Berlin vorgestellt. Die Bremer Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD), Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, gab sich optimistisch. Sie sah eine „Stabilisierung auf hohem Niveau, auf die man durchaus stolz sein kann. Wir haben unseren Platz in der Rangliste gehalten, andere Länder haben sich verschlechtert.“ Aber es müsse Ziel der deutschen Bildungspolitik sein, „weiter nach oben aufzuschließen“ _ und das sei zuletzt nur im Bereich Lesekompetenz knapp geglückt, nicht aber in Mathematik und im PISA-Schwerpunktfach Naturwissenschaften.

Keine gute Nachricht für den Wirtschaftsstandort Deutschland seien die weiterhin bestehenden Geschlechterunterschiede bei der Begeisterung für Naturwissenschaften, betonte Bogedan.

Der SPD-Bildungsexperte im Bundestag Ernst-Dieter Rossmann zeigte sich alarmierter als seine Parteifreundin aus Bremen. Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagte er: „Die Stagnation in den Kompetenzwerten bei den Naturwissenschaften und in der Mathematik ist ein Problem, genauso wie die nach wie vor zu schlechten Bildungschancen für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien.“ Er forderte mehr gemeinsame Förderprogramme von Bund und Ländern. Das gerade beschlossene Programm zur Förderung  hochbegabter Schülerinnen und Schüler können als Vorbild dienen: „Wir brauchen ein solches Programm jetzt vor allen Dingen auch für die leistungsschwächeren und sozialen benachteiligten Kinder und Jugendlichen, damit es mehr Chancengleichheit gibt. In einer Nationalen Bildungsallianz müssen wir uns das Ziel setzen, mittelfristig bei den nächsten Pisa-Studien auch in diesen Bereich deutlich besser zu werden.“

Die Pisa-Studie 2015 in sieben Fragen:

Wie ist die Ausgangslage vor der sechsten PISA-Auflage seit 2000?

Nach dem „PISA-Schock“ vor 15 Jahren und manchen Bildungsreformen wurde die Kompetenz deutscher Schüler 2003, 2006, 2009 und 2012 stetig besser, ohne dass es zu Spitzenrängen reichte. So steigerte sich Deutschland in Mathematik von 490 auf 514 Punkte, näherte sich dem europäischen PISA-Vorbild Finnland (519) an, war von asiatischen Ländern wie Japan (536) aber noch weit entfernt. In Lesekompetenz stieg die Formkurve von 484 auf 508 Punkte (Finnland 524, Japan 538), in Naturwissenschaften ging es von 487 auf 524 Punkte hoch (Finnland 545, Japan 547). Darauf gilt es aufzubauen. „Es gibt keinen Grund, warum Deutschland sich nicht an den leistungsstärksten europäischen Bildungssystemen orientieren sollte“, sagte PISA-Chefkoordinator Andreas Schleicher der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Soll Deutschland mit asiatischen Musterschülern konkurrieren?

An der PISA-Spitze standen mit großem Vorsprung asiatische Länder oder Regionen wie Shanghai, Singapur, Hongkong und Korea. PISA-Experte Schleicher hebt hervor, dass dort im Gegensatz zu vielen europäischen Ländern die besten Lehrer oft vor den schwierigsten Schülern stehen - das zahle sich eben aus. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Claudia Bogedan (SPD), meint indes: „Selbst wenn die OECD immer wieder auf deutlich bessere Ergebnisse in Asien hinweist: Der Vergleich mit autoritär regierten Ländern kann für uns nicht sinnvoll sein, die dortigen Bildungssysteme sind für Deutschland insofern auch kein Maßstab.“

Wie steht es um den oft kritisierten Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsgerechtigkeit in Deutschland?

Dies war beim PISA-Desaster 2000/2001 der peinlichste Befund: Kinder aus sozial schlechter gestellten Familien schnitten viel schwächer ab als bessergestellte Mitschüler. Das Phänomen wurde bis zum PISA-Test 2012 registriert, obgleich weniger dramatisch. Aber auch andere Studien gaben nicht wirklich Entwarnung. Immerhin: Deutschland lag 2012 in allen PISA-Disziplinen über dem OECD-Schnitt - zugleich schnitten „bildungsferne“ Schüler etwas besser ab. Kein Grund zum Zurücklehnen, mahnt Schleicher. „Wie wir mit den Schülern mit den schlechtesten Ausgangsbedingungen umgehen - das sagt etwas über uns selbst aus.“

Was ist von PISA 6.0 zu erwarten?

Ein fundiertes Bild von den Schulsystemen weltweit. Der im Mai 2015 organisierte Test in 72 Ländern und Großregionen ist so aussagekräftig wie nie zuvor. Zusätzlich wurden Kompetenzfelder wie Problemlösen im Team und das Wohlbefinden der Schüler auf den Prüfstand gestellt - wohl auch um Kritik vorzubeugen, die OECD orientiere sich allzu sehr am „Nutzwert“ von Schule für den Arbeitsmarkt. „PISA-Papst“ Schleicher warnte Deutschland vorab vor einer Stagnation im Bildungswesen. Die Reformdynamik der Nuller-Jahre habe „das Land wirklich nach vorn gebracht. Man muss aber leider sagen, dass der Schwung in den vergangenen Jahren wieder abgeflaut ist - und das ist langfristig sehr schade.“

Welche Informationen fließen ein bei „PISA 2015“?

Jeder Schüler musste - erstmals auf einer digitalen Plattform der OECD - zwei Stunden lang über den PISA-Fragen brüten. Rund 530 Aufgaben standen in einem Pool zur Verfügung. Gefragt war weniger Fachwissen als Problemlösungskompetenz, betonte Schleicher am Donnerstag. Neben den Testergebnissen der über 500 000 Schüler, die repräsentativ für rund 28 Millionen Mädchen und Jungen aller 72 Teilnehmerländer ausgewählt wurden, erfasst die Studie viele weitere Daten und Fakten zu den Bildungssystemen. So flossen Befragungen von 89 000 Eltern von „PISA-Schülern“, 93 000 Lehrern und 17 500 Schulleitern ins Gesamtbild ein.

Könnte der deutsche PISA-Aufwärtstrend bald wegen der schwierigen Bildungsintegration Hunderttausender Flüchtlinge zu Ende gehen?

So hatte sich zuletzt Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) geäußert und ein Abrutschen Deutschlands im PISA-Ranking nach 2016 prognostiziert. Schleicher empfiehlt Gelassenheit: „Dass sich der Flüchtlings-Effekt auf die PISA-Resultate auswirkt, ist statistisch gar nicht möglich.“ Der Anteil von Geflüchteten sei immer noch „viel zu klein, um für ein Land wie Deutschland signifikante Veränderungen im Gesamtergebnis zu bewirken“, sagte er der dpa und fügte hinzu: „Was mir auch nicht passt bei solchen Befürchtungen, ist die Annahme: Alle Flüchtlinge können nichts.“

Kurz vor PISA kommen die TIMSS-Zahlen. Worum geht es dabei?

TIMSS (Abkürzung für „Trends in International Mathematics and Science Study“) erfasst alle vier Jahre das Grundverständnis von Schülern in Mathematik und Naturwissenschaften. In Deutschland wurden unter der Leitung des Bildungsforschers Prof. Wilfried Bos von der Technischen Universität Dortmund etwa 4000 Kindern der vierten Jahrgangsstufe getestet. 2007 und 2011 rangierten deutsche Grundschüler bei TIMSS im vorderen Drittel. Aber: Nur wenige Kinder erreichten die oberste Kompetenzstufe, und die Zahl der „Risikoschüler“ war mit etwa einem Fünftel hoch.

Von RND/Jan Sternberg/dpa