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17:53 14.03.2018
Viel Fett, wenig Kohlenhydrate: Die ketogene Diät gilt als äußerst extrem und lässt sich Experten zufolge daher nur schwer umsetzen und durchhalten. Quelle: iStock
Hannover

Eier mit Speck, Avocado mit Crème fraîche, Hähnchen mit Käsekruste: Gerichte wie diese könnten bei einer ketogenen Diät auf dem Plan stehen. Klingt lecker? Zunächst vielleicht. Doch nach ein paar Tagen haben die meisten Menschen genug von derart fetthaltigen Speisen. „Die Keto-Diät ist so extrem, dass sie sich nur schwer umsetzen und durchhalten lässt“, sagt Nicole Erickson, Ernährungswissenschaftlerin und Diätassistentin am Krebszentrum der Universität München. Man nimmt dabei nämlich sehr viel Fett, aber nur wenige Kohlenhydrate zu sich. Bei manchen Stoffwechselkrankheiten sowie bei Epilepsie kann sie sehr nützlich sein. Ob die Ernährungsweise aber auch bei anderen Krankheiten, etwa Alzheimer, Multipler Sklerose oder Krebs hilft, ist unklar.

Seit ein paar Jahren ist die ketogene Diät nicht nur unter Ernährungswissenschaftlern ein viel diskutiertes Thema. „In den USA gibt es derzeit einen richtigen Hype um die ketogene Diät“, sagt der Ernährungswissenschaftler Tobias Fischer von der FH Münster. „Sie soll rundum gesund sein und bei allen möglichen Problemen helfen. Da wird auch eine Menge Unsinn behauptet.“ Auch als Abnehmmethode ist sie kaum zu empfehlen, da sie zu Mangelerscheinungen führen kann.

Ketogene Ernährung bei Epilepsie

Dabei gibt es die Diät bereits seit fast hundert Jahren: In den Zwanzigerjahren wurden damit an der Mayo-Klinik in Rochester (USA) erfolgreich Kinder mit Epilepsie behandelt. Zuvor hatte man bereits erkannt, dass sich Fasten bei der Krankheit positiv auswirken kann. Dem Arzt Russell Wilder gelang es, die gleichen Effekte, die Fasten auf den Stoffwechsel hat, durch eine bestimmte Ernährungsweise zu erreichen. Wie beim Fasten kommt es bei einer sehr kohlenhydratarmen Diät nämlich zur Ketose: Da der Körper kaum Zucker bekommt, muss er seine Energie auf andere Art gewinnen. Dazu baut er in der Leber Fettsäuren zu Ketonen um, aus denen der Körper seine Energie beziehen kann. Damit er nicht an die eigenen Reserven geht, nehmen die Patienten extrem viel Fett zu sich.

Nach 1940 geriet die Ernährungstherapie in Vergessenheit, wurde aber etwa 50 Jahre später durch die Charlie Foundation wieder in Erinnerung gerufen: Damals wurde in den USA ein zweijähriger Junge mit schwer behandelbarer Epilepsie so erfolgreich mit der „Keto-Diät“ therapiert, dass sein Vater eine Stiftung gründete, um die Methode bekannt zu machen. Auch in Deutschland wird sie in bestimmten Fällen angewandt. „Bei Epilepsie kann eine ketogene Ernährung sinnvoll sein, wenn andere Therapien versagen“, sagt Prof. Christian Elger, Epilepsieexperte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. „Das gilt besonders für Kinder.“ In solchen Fällen könne man durch die Diät mitunter „erstaunliche Erfolge“ erzielen. Bei etwa der Hälfte aller Kinder, bei denen Medikamente versagt haben, reduziert sich durch die ketogene Diät die Anfallshäufigkeit.

Die Ernährung langsam und mit Experten umstellen

Davon, die Diät auf eigene Faust einzuführen, raten Experten dringend ab. „Man braucht dazu ein gut geschultes ärztliches Team“, sagt Erickson. „Es ist wichtig, die Ernährung langsam umzustellen und auch zum Beispiel die Blutwerte zu messen.“ Die Patienten müssen regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel nehmen, um einen Vitamin- oder Mineralstoffmangel zu vermeiden. Aber auch nach einer gelungenen Umstellung brauchen Familien sehr viel Disziplin. Der Neurologe Elger betont: „Schon ein Müsliriegel bedeutet eine Therapieunterbrechung und kann schwere Anfälle nach sich ziehen.“ Richtig durchgeführt habe die Diät aber so gut wie keine Risiken.

Warum die Ernährungsweise die Zahl der Anfälle häufig verringert, ist unklar. „Dazu gibt es verschiedene Spekulationen“, sagt der Neurologe. Unter anderem gehen Forscher davon aus, dass die Ketone selbst eine krampfhemmende Wirkung im Gehirn entfalten, indem sie die Übererregbarkeit der Nervenzellen drosseln.

Vorsicht bei Selbstversuchen

Unbestritten ist die Wirksamkeit der Keto-Diät auch bei seltenen Stoffwechselstörungen wie der Glukosetransporter-Störung. Dabei führt ein defekter Zuckertransporter dazu, dass eine Art Energiekrise im Gehirn entsteht, die unter anderem zu Krämpfen führt. Dieser Zustand lässt sich vermeiden, wenn man den Glukosestoffwechsel mithilfe der ketogenen Ernährung umgeht. „Hier ist die Keto-Diät die Therapie der Wahl“, betont Elger.

Vielleicht hat die Ernährungsweise noch mehr Potenzial. Ermutigt von der positiven Wirkung bei Epilepsie untersuchen Wissenschaftler derzeit, ob die Diät auch bei anderen neurologischen Krankheiten, etwa Alzheimer, Multipler Sklerose oder Amyotropher Lateralsklerose (ALS) helfen kann. „Da tut sich derzeit sehr viel in der Forschung“, sagt der Ernährungswissenschaftler Fischer. „Wirklich erwiesen ist aber nichts.“

Tumorzellen aushungern: Ob eine ketogene Ernährungsweise Krebs besiegen kann, ist bislang wissenschaftlich noch nicht bestätigt. Quelle: dpa

Hungert die Keto-Diät Krebs aus?

Auch darüber, wie sich die Ernährungsweise bei Krebspatienten auswirkt, weiß man wenig. Anhänger der Keto-Diät gehen davon aus, dass sich die Tumorzellen von Zucker ernähren. Eine kohlenhydratarme Ernährung soll die Tumorzellen „aushungern“. Doch das sei eine Hypothese, die sich nur auf Tier- und Laborversuche beziehe, erklärt die Münchner Ernährungsexpertin Erickson und betont: „Leider wird die Keto-Diät immer wieder als effektive Ernährungsweise bei Krebs propagiert, ohne dass es dafür genug klinische Evidenz gäbe.“ Mit anderen Worten: Ein Beweis steht aus. Gerade bei Selbstversuchen drohe Mangelernährung und Gewichtsabnahme. Das sei für die Patienten fatal: „Dadurch verschlechtert sich die Prognose.“

Eine Wunderdiät ist die Ernährungsweise also nicht – zumal der Speiseplan auch wenig Abwechslung bietet. Der Keto-Trend in den USA ist dennoch ungebrochen: Dort kann man sich bereits Keto-Lunchpakete – wie Pizza – nach Hause liefern lassen. Glaubt man den Anbietern, machen solche Speisen unter anderem schlank, jung, schön und fit. „Das Absurdeste, was ich entdeckt habe, war eine Firma, die mit einem Veteranen geworben hat“, erinnert sich Ernährungswissenschaftler Fischer. „Er hat berichtet, dass er durch die Keto-Diät seine Depressionen losgeworden sei.“

Verschiedene Varianten der ketogenen Diät

Klassische ketogene Diät: eine extrem fettreiche und kohlenhydratarme Ernährungsweise. Der Speiseplan bei der „KT“ setzt sich so zusammen, dass das Verhältnis von Fett zu Nicht-Fett (also Kohlenhydrate und Eiweiß) 4 : 1 oder 3 : 1 beträgt.

Modifizierte Atkins-Diät: Sieht im Vergleich zu normaler Ernährung ebenfalls viel Fett und wenig Kohlenhydrate vor, ist aber weniger streng als die klassische ketogene Diät. Dadurch lässt sie sich leichter durchhalten. Entwickelt wurde sie 2003 in den USA auf Grundlage der „Diät-Revolution“ von Robert Atkins. Anders als bei ihrem Vorläufer geht es bei der modifzierten Atkins-Diät aber nicht um Gewichtsabnahme.

Glyx-(glykämischer-Index)-Diät:Im Vergleich zu anderen ketogenen Diäten darf man mehr Kohlenhydrate und Proteine zu sich nehmen. Wichtig ist aber die Zusammensetzung der Mahlzeiten: Komplexe Kohlenhydrate mit einem niedrigen glykämischen Index (etwa Haferflocken oder Vollkornnudeln) werden mit Fett und Proteinen kombiniert.

Mittelkettige-Triglyceride-Diät (MTD): Setzt auf andere Fette als die klassische ketogene Diät. Beim Klassiker nimmt man vor allem langkettige Fettsäuren zu sich. Die MTD setzt dagegen auf mittelkettige Fettsäuren (beispielsweise in Palm- und Kokosöl enthalten). Diese kann der Körper leichter verarbeiten, sodass auch mehr Ketone entstehen. Deshalb sind mehr Kohlenhydrate und Eiweiß erlaubt als bei der klassischen ketogenen Diät.

Von Angela Stoll/RND

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