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22:12 18.06.2018
Ende einer Karriere? Fast zwölf Jahre lang stand Rupert Stadler an der Spitze von Audi. Quelle: imago stock&people
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München

Es lagen scheinbar Welten zwischen Wolfsburg und Ingolstadt im September 2015. Während Dieselgate über die VW-Zentrale hereinbrach, fühlte sich Rupert Stadler 500 Kilometer weiter südlich offenbar sicher: Audi habe mit all dem wenig zu tun, ließ der Chef der Konzerntochter verbreiten. Auch intern achteten die Audi-Leute auf Distanz zum plötzlich schmuddeligen Wolfsburg – noch mehr als sonst. Als die US-Umweltbehörde EPA im November auch Vorwürfe wegen eines Audi-Diesels erhob, kam das Dementi aus Ingolstadt blitzschnell und glasklar. Es war nur leider falsch.

Seit jenen Tagen ist der Mann, der am liebsten mit allem nichts zu tun haben wollte, Stück für Stück immer tiefer in den Skandalstrudel geraten. Die Staatsanwaltschaft München, gestählt im Siemens-Schmiergeldskandal und der MAN-Korruptionsaffäre, hat die Daumenschrauben immer weiter angezogen. Im Frühjahr 2017 ließ sie die Audi-Zentrale durchsuchen, während der Chef nebenan in einer Pressekonferenz die Unternehmensbilanz präsentierte. Im Februar 2018 folgten Hausdurchsuchungen, seit Anfang Juni werden Stadler und ein weiterer nicht genannter Audi-Vorstand als Beschuldigte geführt. Und seit Montag früh sitzt Stadler in Haft.

„Gefahr einer Verdunkelungshandlung“

Es habe Hinweise gegeben, „dass die Gefahr einer Verdunkelungshandlung besteht. Und das hat zu dem Haftbefehl geführt“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft – im Übrigen schweigen die Ermittler. Die Vorwürfe lauten auf Betrug und mittelbare Falschbeurkundung im Zusammenhang mit manipulierter Abgastechnik. Audi soll in den USA und Europa von 2009 an rund 220.000 Dieselautos mit Schummelsoftware verkauft haben.

Dass die Staatsanwaltschaft jetzt die schweren Geschütze auffährt, dürfte auch mit einer Mitteilung des Kraftfahrt-Bundesamts zu tun haben: Vor zwei Wochen hat die Behörde Audi zum Rückruf mehrerer Modelle verdonnert. Und dabei geht es nicht um alte Autos aus der Zeit vor 2015, sondern um aktuelle Euro-6-Diesel. Dass mitten in der Aufarbeitung des Skandals noch Motoren mit Abschalteinrichtung verkauft wurden, könnte das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

Gerade erst hatte Stadler seine Position gefestigt

Das dürfte auch für die Konzernspitze gelten. Als sich am Montagmittag der VW-Aufsichtsrat zur lange geplanten Routinesitzung traf, war die Tagesordnung hinfällig. Um Stadler werde es nicht gehen, hatte es in der vergangenen Woche noch geheißen. Der 55-Jährige gilt zwar seit Monaten als angezählt, aber vor allem die Familien Porsche und Piëch hielten zu ihrem langjährigen Vertrauten. Gerade erst hat Stadler seine Position gefestigt: Der neue Konzernchef Herbert Diess ließ ihn nicht nur im Amt, er machte Stadler vor zwei Monaten auch noch zum Konzernverantwortlichen für den Vertrieb. Der VW-Aufsichtsrat tagte bis in den Abend hinein, die Entscheidung über die Zukunft Stadlers wurde verschoben.

An einer Beurlaubung Stadlers führt kein Weg vorbei. Ein endgültiger Rauswurf ist dagegen schwierig: Mit dem Inhaftierten, für den weiter die Unschuldsvermutung gilt, kann derzeit niemand über eine Vertragsauflösung verhandeln.

Von A1 bis A8: Immer neue Rückrufe bei Audi

Zunächst sah es so aus, als sei Audi nur durch die bei VW eingekauften Motoren vom Dieselskandal betroffen. Doch inzwischen ist ein bei Audi entwickelter Sechszylinder-Diesel in den Fokus gerückt, das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat zwei Rückrufe eingeleitet. Zu deren aktuellen Stand konnte das Amt gestern allerdings nichts sagen. Bei Pflichtrückrufen bekommt der Autohersteller vom KBA die Adressen der Autobesitzer und schreibt sie an. Man muss also nicht von sich aus in die Werkstatt fahren. Ein Überblick:

Rückruf 1: Der inzwischen berühmt gewordene Vierzylinder-Dieselmotor EA 189 von Volkswagen wurde auch in diversen Modellen der Konzernschwester Audi aus den Jahren 2008 bis 2015 eingesetzt. Mit 1,6 und zwei Litern Hubraum findet sich das Euro-5-Aggregat mit manipulierter Software in den Modellen A1, A3, A4 und A6, TT, Q3 und Q5. Es geht um rund zwei Millionen Autos weltweit, etwa ein Viertel davon in Deutschland. Ihr Fehler: Die Software erkennt, wenn das Fahrzeug auf dem Prüstand steht, und setzt nur dann die Abgasreinigung voll ein. Auf der Straße wird sie teilweise abgeschaltet. Beim größeren Motor wird neue Software aufgespielt, beim kleineren zusätzlich ein Kunststoffteil im Ansaugtrakt eingesetzt. Wie bei VW ist die Nachbesserung weit fortgeschritten.

Rückruf 2: Anfang 2018 hat das KBA angeordnet, weltweit rund 127 000 Autos mit Sechszylinder-Dieselmotoren der Abgasnorm Euro 6 in die Werkstatt zu rufen. In Deutschland geht es nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums um 77 600 Fahrzeuge. Die große Maschine mit drei Litern Hubraum wird in den Modellen A4, A5, A6, A7, A8, Q5, SQ5 und Q7 angeboten. Bei diesem Motor monierten die USA drei Abschaltvorrichtungen, das KBA gibt dazu keine Auskunft. Es geht offenbar um ein Heizsystem, ohne das die Abgasreinigung nur bedingt funktioniert, und um die eingespritzte Menge des Zusatzstoffes Adblue.

Rückruf 3: Vor zwei Wochen teilte das KBA mit, dass ein Rückruf für weitere Fahrzeuge mit dem großen Euro-6-Diesel nötig sei. Es gehe um insgesamt 60 000 Audi A6 und A7, gut die Hälfte davon in Deutschland. Beide Rückrufe sind sogenannte verpflichtende Rückrufe, bei denen Audi dem KBA zunächst seine technische Lösung präsentieren muss. Ist sie genehmigt, muss die Umrüstung unverzüglich beginnen und in 18 Monaten abgeschlossen werden.

Nachbesserung: Im August vergangenen Jahres hatten die deutschen Hersteller zugesagt, insgesamt 5,3 Millionen Autos der Schadstoffklassen Euro 5 und 6 mit Software nachzurüsten, die dafür sorgen soll, dass die Autos die Emissionsgrenzwerte auch auf der Straße einhalten. Hier sind auch die Autos des Volkswagen-Konzerns enthalten, die wegen des Dieselskandals ohnehin umgerüstet werden müssen.

Mit der Verhaftung ist der Mythos des Unantastbaren dahin. Auf Stadlers Ablösung haben schon viele gewettet – und immer verloren. Schon vor Dieselgate galt er als angeschlagen, weil Audi in seiner bisher elfjährigen Amtszeit dem eigenen Anspruch „Vorsprung durch Technik“ nicht immer gerecht wurde. Der damalige Konzernchef Martin Winterkorn ätzte, dass so etwas wie der Tesla aus Ingolstadt hätte kommen müssen. Hektisch wurden Entwicklungsvorstände zu Audi geschickt und wieder abgezogen, was der Sache nicht half. Stadler sei nun einmal Zahlenmensch, kein Ingenieur.

Die Bodenständigkeit des Bauernsohns

Trotzdem hat er im VW-Konzern Karriere gemacht, als der Ingenieur dort die Krone der Schöpfung war. Dafür sorgte Ferdinand Piëch, der den jungen Mann Anfang der Neunzigerjahre von Audi in die Wolfsburger Zentrale holte. „Leiter des Generalsekretariats“, also oberster Zuarbeiter des Vorstandsvorsitzenden, wurde Stadler, von dem ein damaliger Kollege sagt, er sei „ein Buchhaltertyp“. Doch Stadler setzte sich durch, er kombinierte die geborgte Macht vom Chef mit Intellektualität und der Bodenständigkeit des Bauernsohns aus Oberbayern.

Die Gunst der Patriarchen: Ferdinand Piëch (l.) förderte den Aufstieg von Rupert Stadler. Quelle: dpa

Piëch steuerte den Weg seines Mitarbeiters, wie er es einmal am Beispiel des Osmanischen Reichs erklärt hat: Die Herrscher hätten ihr Weltreich zusammengehalten, indem sie begabte Kinder aus den Provinzen nach Konstantinopel holten, dort erzogen und ausbildeten und später als Statthalter in die Heimatprovinz zurückschickten, dozierte Piëch einmal in kleiner Runde. Stadler wurde Finanzchef in Ingolstadt, 50 Kilometer von seinem Geburtsort entfernt.

„Stadt kennt jeden und weiß alles“

Und nicht nur das: Bis Ende 2016 saß Stadler im Vorstand der Piëch-Stiftungen, die dessen damalige Beteiligungen an Porsche und damit auch VW verwalteten. Wer in den vergangenen Monaten fragte, warum Stadler im Gegensatz zu anderen Skandalopfern noch im Amt sei, hörte sinngemäß: Er kenne jeden und wisse alles.

Auch nach dem turbulenten Abgang Piechs galt Stadler den Familien als Garant ihrer Interessen und der Stabilität in ihrem durchgerüttelten Konzern. Da die Piëchs und Porsches zusammen die Stimmenmehrheit bei VW haben, liefen alle internen Vorstöße gegen Stadler ins Leere. Der Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh dringt schon lange auf seine Ablösung, doch der Vertrag wurde noch verlängert, als schon der Staatsanwalt bei Audi gastierte.

Auf einmal hatte Stadler ein paar Freunde weniger

Die Staatsanwaltschaft hat diesen konzerninternen Schutzschirm nun eingerissen. Erste Flecken zeigte die weiße Weste schon Ende November 2015. Da musste Audi nach entsprechenden Vorwürfen der US-Umweltbehörde eingestehen, dass ein Sechszylinder-Diesel mit drei Litern Hubraum eine Software enthalte, die nach US-Recht als Abschalteinrichtung gilt, um Stickoxidwerte auf dem Prüfstand besser aussehen zu lassen als auf der Straße.

Audi hatte das kategorisch abgestritten, der VW-Konzern im Vertrauen darauf alle Vorwürfe zurückgewiesen: Es sei „keine Software installiert ..., um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern“. Da habe sich der Audi-Kollege aber weit vorgewagt, hieß es sofort ahnungsvoll in Wolfsburg. Wenig später musste Stadler zurückrudern – und hatte in der Konzernzentrale fortan einige Freunde weniger. Auch bei Porsche war man „not amused“, denn den Dieselmotor für den Geländewagen Cayenne kauften die Zuffenhausener bei den außerordentlich selbstbewussten Audi-Kollegen – und mit ihm den Abgasärger. Den VW-Betriebsrat schließlich verlor Stadler spätestens, als er falsche Auskünfte seiner Mitarbeiter ins Feld führte.

Der zweite überraschende Schlag der Justiz

Einer von ihnen ist nun sein größtes Problem. Ulrich Weiß, der frühere Leiter der Diesel-Entwicklung bei Audi, hat vor dem Arbeitsgericht gegen seinen Rauswurf geklagt. Inzwischen hat er sich mit seinem ehemaligen Arbeitgeber auf einen Vergleich geeinigt und schweigt. Aber zuvor hat er an einem Umstand keinen Zweifel gelassen: Stadler habe von den Abgasmanipulationen gewusst, angeblich schon 2010. Stadler bestreitet das. Gestritten wird vor allem über eine Präsentation zur Abgastechnik bei den US-Behörden im Herbst 2015. Aus einer Vorlage von Weiß für diesen Termin sollen vorab heikle Punkte gestrichen worden sein. Allerdings haben die sonst wenig zimperlichen US-Ermittler Stadler nie persönlich beschuldigt.

Das übernehmen nun die Münchner Kollegen. Nachdem die Braunschweiger Staatsanwaltschaft erst vor wenigen Tagen ein Milliardenbußgeld gegen VW verhängt hat, ist die Festnahme der zweite überraschende Schlag der Justiz, die sich lange anhören musste, den Dieselskandal zu träge abzuarbeiten.

Der Konzernchef in der Zwickmühle

Spätestens am Mittwoch soll Stadler vernommen werden, heißt es. Wie lange sich das Verfahren hinziehen wird, ist offen. Doch eine Rückkehr Stadlers an die Audi-Spitze ist schwer vorstellbar. Herbert Diess, seit April Chef des VW-Konzerns und Aufsichtsratsvorsitzender bei Audi, bringt das in die Zwickmühle. Er muss die Unschuldsvermutung achten, kann sich bei Audi aber keine Hängepartie leisten. Medien berichteten gestern Nachmittag, dass Audi-Vertriebschef Bram Schot – früher Vertriebschef bei VW Nutzfahrzeuge – vorerst die Führung übernehmen solle. Es wäre aber erstaunlich, wenn Diess keine andere Lösung im Hinterkopf hätte. Schließlich pilgert er seit zwei Monaten durch den Konzern und predigt den Neuanfang – mit Leuten ohne Skandallast auf den Schultern.

Von Stefan Winter

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