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Wirtschaft Verspätungen erwartet: Deutscher Luftraum stößt an Kapazitätsgrenze
Nachrichten Wirtschaft Verspätungen erwartet: Deutscher Luftraum stößt an Kapazitätsgrenze
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16:26 10.04.2019
Fluglotsen rechnen damit, dass es 2019 noch enger am Himmel über Deutschland wird. Quelle: dpa
Brüssel

Die erste große Reisewelle des Jahres steht an Ostern bevor. Klaus-Dieter Scheurle, Chef der Deutschen Flugsicherung (DFS), hat am Mittwoch versprochen, dass seine Leute ihr Bestes tun wollen, um ein Flugchaos rund um die Feiertage zu verhindern. Die Personalplanung sei so gestrickt, dass die Lotsen mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeitkontingente während des Sommerflugplans ableisten.

Doch der Manager räumt auch ein: „Wir müssen damit rechnen, dass sich durch die Flugsicherung bedingte Verspätungen möglicherweise noch etwas erhöhen werden.“ Wie das genau aussehen wird, könne man aber erst am Ende des Jahres sagen.

Voriges Jahr hatte sich die Zahl der unpünktlichen Flieger im Lauf des Jahres zunehmend hochgeschaukelt. Höhepunkt war der Juli gewesen. Die durchschnittliche Verspätung im europäischen Luftraum lag seinerzeit bei 21 Minuten pro Jet. Das höre sich nach wenig an, bedeute aber, dass zahlreiche Flieger „viele Stunden“ in Verzug gewesen seien, so Scheurle.

Die Ursache für das Chaos war ein Wachstum des Luftverkehrs, den die gesamte Branche – Airlines, Airportbetreiber und die Flugsicherung – unterschätzt hatten. Deutschland hat nun Frankreich als Land mit dem am höchsten belasteten Luftraum auf dem Alten Kontinent abgelöst. Dabei geht es vor allem um mehr Überflieger im oberen Luftraum, was aber auch dazu führt, dass das Starten und Landen auf den hiesigen Airports erschwert wird.

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Scheurle sprach am Mittwoch von „einem beachtlichen Wachstum“, das sich in diesem Jahr fortgesetzt habe. So hat die DFS im Februar pro Tag durchschnittlich 246 Flüge mehr als im Vorjahresmonat gezählt. Am stärksten zugelegt habe der irische Billigflieger Ryanair, aber auch die Lufthansa ist vorne dabei. Hauptziele waren klassische Urlaubsdestinationen wie Spanien, Italien und die Türkei.

Das alles wird sich in diesem noch verstärken. Nach dem Rekordwert von 3,34 Millionen von der DFS kontrollierten Flügen 2018 wird für 2019 eine weitere spürbare Steigerung auf 3,46 Millionen erwartet. Wachstumstreiber sind ost- und südosteuropäische Länder – wie Polen, die Ukraine, die Slowakei oder Weißrussland. Und mit ähnlichen Steigerungsraten soll es die nächsten Jahre laut einer gemeinsamen Prognose von DFS und der hiesigen Airlines weiter nach oben gehen. 2025 wird mit 3,8 Millionen Flügen hierzulande kalkuliert. „Wir werden zunehmend ein Problem haben“, sagt Scheurle. Man komme an die Kapazitätsgrenze des Luftraums über der Republik. Schon jetzt würden rund um den größten deutschen Flughafen am Stadtrand von Frankfurt zur Rushhour die Limits erreicht.

Zu wenig Fluglotsen

Doch nicht der Platz am Himmel wird knapp. Die Flugsicherung hat auch mit einem Personalproblem zu kämpfen. Zum einen orientierte sich die Planung bei den Fluglotsenstellen an Hochrechnungen der europäischen Luftfahrtbehörden, die das Wachstum massiv unterschätzten. Zum anderen räumt Scheurle hausgemachte Fehler ein. Falsch eingeschätzt habe man die Zahl der Lotsen, die in Frührente oder Teilzeit gegangen seien. Deshalb ist seit 2016 die Zahl der Frauen und Männer, die Flieger überwachen können, gesunken. Derzeit sind 2200 Lotsen im Dienst.

Doch die DFS bemüht sich, ihre Belegschaft so schnell wie möglich aufzustocken. Aktuell sind 221 Azubis in der Ausbildung. Doch bis sie voll einsatzfähig sind, dauert es bis zu fünf Jahre. Überdies ist es nicht einfach, geeignete Kandidaten zu finden. Sie müssten „ein gutes Zeitgefühl haben, mathematisch talentiert und sehr stressfest sein“, erläutert der DFS-Chef. Dieses Jahr sollen gut 120 Neue hinzukommen. Doch um die Richtigen zu finden, braucht es rund 5000 Bewerber. Für nächstes Jahr müssten sogar 7500 junge Leute ihre Unterlagen an die DFS schicken, denn dann sollen 146 Nachwuchskräfte ihr Training fürs Überwachen des Luftraums beginnen.

EU-Vorgaben sorgen für rote Zahlen

Beim Thema Rekrutierung sieht Scheurle sein Unternehmen, das dem Bund gehört, indes „zwischen Baum und Borke“: Denn zum unabdingbaren Personalaufbau kommt, dass die Flugsicherung zugleich sparen soll: Die EU-Kommission hat vorgegeben, dass die Gebühren, die Airlines für die Flugsicherung zahlen, im nächsten Jahrfünft um knapp zwei Prozent per annum sinken. Das sei eine politische Vorgabe, so der DFS-Chef. Brüssel will damit Kosten für die Fluggesellschaften senken. Was die Spielräume für billige Tickets erhöhen und so den Luftfahrtboom weiter anheizen dürfte – die Branche ist ohnehin von harten Preiskämpfen um Marktanteile geprägt.

Zwar kann Automatisierung theoretisch der DFS aus der Zwickmühle helfen. Im Hauptquartier im hessischen Langen wird denn auch an neuer Software emsig gearbeitet. Doch hier sei vieles noch Zukunftsmusik, betont Scheurle, der Einsatz von künstlicher Intelligenz etwa sei in den nächsten vier, fünf Jahren nicht zu erwarten. Es wird also vorerst bei den enorm hohen Kosten fürs Personal bleiben, die 80 Prozent aller Aufwendungen der DFS ausmachen. Das dürfte darin münden, dass der Staatsbetrieb auch in den nächsten Jahren Verluste macht. 2018 war es unter dem Strich schon ein Fehlbetrag von 30 Millionen Euro, nach einem Gewinn von 30,7 Millionen Euro im Vorjahr.

Für Flugreisende gibt es indes einen Trost: Die DFS und andere europäische Flugsicherungen basteln an grundlegenden Verbesserungen. Dazu gehört unter anderem, die verschiedenen Etagen im Luftraum effizienter zu nutzen. Außerdem sollen die Airlines dazu angehalten werden, ihre Flugpläne besser einzuhalten. Im vorigen Jahr war immerhin ein Drittel der Flüge im oberen Luftraum nicht planmäßig unterwegs. Das hat für jede Menge Durcheinander gesorgt. Viele Fluggesellschaften haben inzwischen auch reagiert und die Zahl ihrer Reservemaschinen erhöht. Eine Ursache für die 2018er-Chaostage war, dass es viel zu wenig Flieger und Crews gab, die kurzfristig einspringen konnten.

Von RND/Frank-Thomas Wenzel