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Wirtschaft Die türkische Lira ist im freien Fall
Nachrichten Wirtschaft Die türkische Lira ist im freien Fall
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16:32 10.04.2018
Verfall der türkische Lira: Wechselstuben in Istanbul. Quelle: imago/Depo Photos
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Ankara

Die vergangene Woche endete schlecht für die türkische Lira, und die neue hat nicht gut begonnen. Seit dem vorigen Mittwoch müssen die Türken für einen US-Dollar mehr als vier Lira bezahlen. Und an diesem Montag stieg der Euro erstmals über die Marke von fünf Lira.

Binnen einer einzigen Woche hat die türkische Landeswährung im Vergleich zum Euro rund drei Prozent verloren. Seit Januar sind es bereits über zehn Prozent. Am Dienstag setzte sich die Talfahrt der Währung fort. Die Lira gab zum Dollar um weitere 0,6 Prozent nach. Der Istanbuler Börsenindex fiel um 2,6 Prozent.

Nicht nur ausländische Anleger meiden die Lira. Auch immer mehr Türken tauschen Lira in Euro oder Dollar, um ihre Ersparnisse zu retten. Nach Angaben des türkischen Bankenverbandes BDDK entfielen im Februar bereits 46 Prozent aller Einlagen auf Fremdwährungen.

Die Türkei lebt über ihre Verhältnisse

Die Flucht aus der Lira signalisiert schwindendes Vertrauen in die türkische Wirtschaft. Das Land glänzte zwar im vergangenen Jahr mit einem Rekordwachstum von 7,4 Prozent und übertraf damit sogar China. Aber für viele Volkswirte ist der Boom ein Alarmsignal.

Denn das Wachstum geht vor allem auf das Konto von Subventionen, Steuervergünstigungen und Kreditbürgschaften, mit denen die Regierung Produktion und Verbrauch ankurbelt. Der Preis ist eine Inflation, die seit acht Monaten nicht mehr unter zehn Prozent gefallen ist.

Aber nicht nur der Kaufkraftschwund schwächt die Lira. Die türkische Wirtschaft kämpft mit Strukturschwächen. Abzulesen sind sie vor allem am Handelsbilanzdefizit. Es wuchs im März gegenüber dem Vorjahr um fast 28 Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar.

Das Leistungsbilanzdefizit erreichte im Januar auf Zwölfmonatssicht knapp 50 Milliarden Dollar, gegenüber 33,6 Milliarden ein Jahr zuvor. Der Fehlbetrag zeigt: Die Türkei lebt über ihre Verhältnisse, sie importiert zu viel und exportiert zu wenig. Viele Volkswirte fürchten, dass die Überhitzung der Wirtschaft früher oder später zu einem Absturz in die Rezession führen wird.

Den aktuellen Verfall der Lira wird die Regierung kaum bremsen

Verschärft werden die Probleme dadurch, dass weniger ausländisches Kapital in die Türkei fließt. Investoren und Anleger halten sich zurück. Das hat auch politische Gründe. Die türkische Zentralbank könnte die heiß gelaufene Konjunktur und den Lira-Verfall durch mutige Zinserhöhungen bremsen. Aber Staatschef Recep Tayyip Erdogan lässt das nicht zu.

Er fordert, trotz der hohen Inflation, sogar Zinssenkungen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Im nächsten Jahr stehen Kommunal-, Parlaments- und Präsidentenwahlen an. Zinserhöhungen, die das Wachstum dämpfen würden, kann Erdogan vor dem Superwahljahr nicht gebrauchen.

Stattdessen kündigte die Regierung am Montag ein neues Wachstumsprogramm an. Mit Steuervergünstigungen und Subventionen sollen 23 Entwicklungsprojekte in Schlüsselbranchen gefördert werden, um die Innovationskraft und Wertschöpfung der türkischen Industrie zu steigern.

So gut das langfristig auch klingt, den aktuellen Verfall der Lira wird die Regierung damit kaum bremsen können. Analysten veranschlagen, dass die Lira trotz der massiven Kursverluste der vergangenen Wochen immer noch rund 15 Prozent überbewertet ist.

Von Gerd Höhler/RND

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