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20:54 06.06.2017
Hochhäuser in Katars Hauptstadt Doha: Ein Spielplatz für Architekten. Quelle: dpa
Berlin

Wer durch Doha spaziert, die glitzernde Hauptstadt des Wüstenstaates Katar, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wolkenkratzer reiht sich an Wolkenkratzer, futuristische Paläste aus Marmor, Stahl und Glas. Viele namhafte Architekten haben sich in dem Emirat verewigt, ihre Entwürfe schwanken zwischen Kühnheit und Größenwahn. Jeder Besucher kann und soll es sehen: Hier regiert der Wohlstand.

Der Reichtum der Scheichs, er gründet sich vor allem auf Erdgas. Katar verfügt über die weltweit drittgrößten Reserven und ist Weltmarktführer beim Flüssiggas LNG (Liquefied Natural Gas), das mit gigantischen Tankschiffen vor allem nach Asien exportiert wird. Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen ist das Emirat deshalb der reichste Staat der Welt, noch vor Luxemburg oder Singapur.

Hat wirtschaftlicher Druck überhaupt Sinn?

Insofern ist es schon ein bemerkenswertes Unterfangen, dass eine Koalition von Golfstaaten unter der Führung Saudi-Arabiens das Emirat ausgerechnet mit wirtschaftlichem Druck in die Knie zwingen will. Unterstützung von Terrorismus werfen sie Katar vor. Seit Montag ist deshalb die Landgrenze zu Saudi-Arabien geschlossen, auch Flugverbindungen sowie der Schiffsverkehr in die meisten Länder der Region wurden eingestellt.

Ob es deswegen allerdings tatsächlich zu Hamsterkäufen kam, wie eine Agentur berichtete, ist umstritten. Menschen in Doha beschrieben die Stimmung im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland als gespannt aber nicht panisch. Flugzeuge können das Emirat über den iranischen Luftraum erreichen, und der Seehafen bleibt ebenfalls für den internationalen Schiffsverkehr geöffnet.

Deutsche Wirtschaft betrachtet den Konflikt mit Sorge

Die deutsche Wirtschaft beobachtet den Konflikt dennoch mit wachsender Sorge. „Katar ist nach den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien der drittgrößte Exportmarkt für deutsche Produkte in der arabischen Golfregion, sagte Ilja Nothnagel, Außenwirtschaftsexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages dem RND. Allein im letzten Jahr seien die deutschen Ausfuhren um gut 18 Prozent auf 2,5 Milliarden Euro gestiegen. Vor allem Maschinen und Industrieanlagen sowie Anlagen zur Elektrizitätserzeugung verkaufte die deutsche Industrie an den Golf.

Doch Katar ist nicht nur als Abnehmer deutscher Produkte relevant. Mit den gigantischen Überschüssen aus ihrem Rohstoffgeschäft sind die Kataris in den vergangen Jahren international auf Einkaufstour gegangen. Allein in Deutschland sollen sie schätzungsweise 25 Milliarden US-Dollar in Unternehmensbeteiligungen investiert haben. So hält das Emirat beim Autobauer Volkswagen 17 Prozent der Stammaktien und 11,2 Prozent der Vorzugsaktien. Allein diese Beteiligung ist fast 12 Milliarden Dollar wert. Bei der Deutschen Bank halten die Scheichs fast zehn Prozent, bei Siemens drei. Sollte das Emirat durch die Krise in Finanznöte kommen, könnte Teile dieser Beteiligungen verkauft werden. Die Aktien der betroffenen Unternehmen gaben bereits nach.

Bedrohliche Lage für Qatar Airways

Deutlich bedrohlicher ist die Krise für Qatar Airways, die staatseigenen Fluggesellschaft des Emirates, die in den vergangenen Jahren einen rasanten Wachstumskurs eingeschlagen hatte. Nicht nur, dass die Flugverbindungen von und nach Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain und in die Vereinigten Arabischen Emirate gekappt sind, auch die Lufträume dieser Staaten sind für Qatar-Jets gesperrt. Sie müssen nun Umwege über Iran oder die Türkei fliegen. Viele Kurzstreckenflüge musste die Fluggesellschaft bereits streichen, Kunden sollen kostenlos umbuchen können oder ihr Geld zurückbekommen.

Geschäftsleute, Touristen und die Wirtschaft hoffen auf eine schnelle Beilegung des Konfliktes. Auch die USA, die sowohl Katar als auch Saudi-Arabien zu ihren Verbündeten zählen, sollten daran ein Interesse haben. Doch aus Washington kommen widersprüchliche Signale. Präsident Donald Trump werde mit allen Beteiligten sprechen, um die Situation zu beruhigen, sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses. Trump selbst hingegen deutete bei Twitter eine gewisse Genugtuung über die aktuelle Entwicklung an. Während seiner jüngsten Reise in den Nahen Osten habe er gesagt, dass es keine Unterstützung radikaler Ideologien mehr geben dürfe. Daraufhin hätten andere Staatenlenker auf Katar gezeigt, schrieb der Präsident und schloss: „Vielleicht wird das der Anfang vom Ende des Terrorhorrors sein.“

DFB denkt über einen WM-Boykott nach

Der Deutsche Fußballbund (DFB) spekuliert derweil über einen Boykott der Fußball-WM 2022 in dem Emirat. Zwar müssten politische Lösungen vor Boykott-Androhungen den Vorrang haben, grundsätzlich aber sollten große Turniere nicht in Ländern gespielt werden können, die aktiv den Terror unterstützen“, sagte DFB-Chef Reinhard Grindel in einem Interview mit der verbandseigenen Homepage. Der Fußballweltverband FIFA äußerte sich nicht.

Von Andreas Niesmann/RND

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