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10:27 20.03.2018
Ein Milliardär mit Macht: Robert Mercer half den Kampagnen für Trump und Brexit. Quelle: The Washington Post
Washington

Kleine historische Quizfrage: Wer war der erste Politiker aus Europa, dem Donald Trump nach seinem Wahlsieg die Hand schüttelte? Richtige Antwort: Es war der Brite Nigel Farage.

Die Begegnung fand kurz nach der Wahl statt, am 12. November, abends im goldenen Trump Tower in New York. Man scherzte, trank und rauchte Zigarren. Der langjährige Chef der Anti-EU-Partei Ukip hatte fünf Monate zuvor beim Brexit-Referendum etwas vollbracht, was ihm im Trump-Lager grenzenlose Bewunderung einbrachte: Farage war es gelungen, die EU zu spalten. Und er hatte seinerzeit viel Hilfe bekommen, nicht zuletzt aus den USA.

Der rechtsgerichtete US-Milliardär Robert Mercer, reich geworden in sogenannten Hochfrequenzabteilungen amerikanischer Geldhäuser, hatte sich vorgenommen, beide großen Projekte des Jahres 2016 großzügig zu fördern: den Brexit und Trump. Beides kostete ihn viele Millionen, aber beides gelang.

In drei Schritten zum Sieg

In den USA gelten heute drei Faktoren als besonders hilfreich für den Sieg Trumps über die Demokratin Hillary Clinton:

Das rechtspopulistische Internetmagazin „Breitbart News“ schuf eine nie dagewesene Anti-Establishment-Stimmung.

Die auf moderne Varianten psychologischer Kriegsführung zielende PR-Firma Cambridge Analytica wertete Daten ahnungsloser Facebook-Nutzer aus, leitete daraus politische, kulturelle, mitunter auch sexuelle Orientierungen ab – und umflutete die Nutzer in ihrer jeweiligen Gruppe oder „Blase“ mit individuell angepassten, dem Werbezweck dienlichen Botschaften und Halbwahrheiten aller Art.

Steve Bannon dirigierte Trumps Wahlkampf als Chefstratege – nachdem er zuvor „Breitbart News“ ebenso gelenkt hatte wie Cambridge Analytica.

Quelle: Twitter

Erst nach und nach entdecken jetzt viele Briten, dass seltsamerweise die gleichen Geldgeber, die gleichen Strategen und die gleichen Firmen auch beim Brexit eine zentrale Rolle spielten. Mercer schickte Bannon frühzeitig nach London, in zwei Funktionen: als Chef des eigens gegründeten Ablegers „Breitbart London“ und als Chef von Cambridge Analytica.

„Wenn wir nicht Breitbart London gestartet hätten“, prahlte Bannon letzte Woche in einem Interview mit der britischen Zeitschrift „Spectator“, „hätte es den Brexit gar nicht gegeben.“

Äußerungen wie diese lassen derzeit in London die Wahlkommission aufhorchen: Wie weit ging der auswärtige Einfluss auf das Referendum? Und welche Rolle spielte dabei die Firma Cambridge Analytica?

Eine Whistleblower spricht von systematischer Zusammenarbeit

Bislang stritten Facebook und Cambridge Analytica alles ab. Der 28 Jahre alte Whistleblower Christopher Wylie allerdings erzählte jetzt den Zeitungen „New York Times“ und „Guardian“ eine andere Geschichte: Danach gab es sehr wohl eine Zusammenarbeit mit Facebook, massenhaft und systematisch, mit Mercer als oberstem Geldgeber und Bannon als oberstem politischen Lenker.

Hat im Ergebnis ein amerikanischer Milliardär einfach mal ausprobiert, ob man für viel Geld heutzutage sogar mehr bekommen kann als nur ein bisschen Wahlwerbung: einen direkten Zugriff auf Herzen und Hirne mithilfe von Internetplattformen? Bis heute prahlt SCL, der Dachkonzern von Cambridge Analytica, seine moderne Software könne „das Verhalten von Menschen ändern“. Was aber heißt das für künftige Wahlen?

Das Unterhaus will eine Untersuchung bis ins Detail

Im britischen Unterhaus wurden am Montag Stimmen laut, die eine Untersuchung „bis ins kleinste Detail“ fordern. Facebook habe monatelang die Unwahrheit gesagt, grollt Damian Collins, Chef des Ausschusses für Digitales und Medien. Aus Downing Street 10 hieß es, auch Premierministerin Theresa May unterstütze eine Untersuchung.

Zugleich gingen quer durch Europa die Warnlampen an. EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani kündigte eine Untersuchung an. Es gehe um nichts Geringeres als „die Zukunft unserer Demokratien“, warnte der Brüsseler Brexit-Koordinator und frühere belgische Premierminister Guy Verhofstadt.

Der Kongress schließt die Reihen

Auch in den USA wächst mittlerweile die Kritik an mangelndem Datenschutz bei Facebook auf ein nie da gewesenes Maß. Nicht nur die demokratische Senatorin Amy Klobuchar, eine langjährige Kritikerin Zuckerbergs, fordert neue Maßnahmen. Auch ihr republikanischer Kollege im Senatsausschuss für Justiz, John Neely Kennedy, will den Wildwuchs offenbar nicht mehr hinnehmen. In einem demokratischen Land, meinen beide, müsse einer politischen Manipulation in Netzwerken mit Abermillionen von Nutzern vorgebeugt werden, auch durch neue gesetzliche Regelungen.

Fachleute in der EU wie in den USA sagen voraus, Facebook werde seine Unternehmensgeschichte einteilen können in die Zeit vor und nach dieser Affäre.

Facebook selbst reagierte am Montag auf seine ganz eigene Art – und schaltete den Account des Enthüllers Wylie ab. Der kann nun nicht mehr irgendetwas Nachteiliges über Facebook auf Facebook veröffentlichen. Auch Whatsapp und Instagram kann Wylie nicht mehr nutzen: Beide Plattformen gehören ebenfalls Facebook.

Von Matthias Koch

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