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09:57 27.06.2017
Das Risiko für Altersarmut steigt in Deutschland bis zum Jahr 2036 deutlich. Quelle: iStock
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Hannover

Faul war Annegret F. jedenfalls nie. Die 65-Jährige hat immer gearbeitet, bis heute. Erst, Ende der Sechzigerjahre, hat die Frau aus Ostwestfalen eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht. Dann hat sie ihre Tochter bekommen und drei Jahre pausiert. Dann wieder Arbeit, in Teilzeit. Dann hat sie zwei Jahre ihre Mutter gepflegt. Ein schlecht bezahlter Job bei einer Zeitarbeitsfirma, neue Arbeitssuche, neuer Job – und vor zwei Jahren der Unfall, in dessen Folge sie jetzt leicht gehbehindert ist, so ging es für die lange allein Erziehende weiter. Das Ergebnis: 845 Euro Rente.

„Das Bittere ist nur, dass ich mich ja mein ganzes Leben angestrengt, krummgemacht habe“, sagt sie. „Und dennoch reicht es kaum.“ Annegret F. hat einen 450-Euro-Job in einer Bäckerei. „Nur so geht es einigermaßen.“

Arm trotz lebenslanger Arbeit und Aufopferung: Das ist eine Erfahrung, die nach Prognosen der Bertelsmann-Stiftung künftig deutlich mehr Menschen machen werden. Jeder Fünfte, also 20 Prozent aller Neurentner, so sagen es die Autoren der Gütersloher Denkfabrik jetzt in ihrer neuesten Studie voraus, dürfte im Jahr 2036 von Altersarmut bedroht sein. Gegenwärtig sind es lediglich 16 Prozent. Und auch die Zahl der Rentner, die tatsächlich auf staatliche Unterstützung, also Grundsicherung angewiesen sein werden, wird merklich steigen: von derzeit 5,4 auf dann 7 Prozent. „Wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht, könnte es zu einem bösen Erwachen kommen“, erklärt deshalb Aart de Geus, der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung. „Wir brauchen Reformen für den Ruhestand.“

Die Gütersloher befeuern damit einen im Wahljahr hochpolitischen Streit: den um die Reform der Rente. Aber ist der Alarmismus wirklich gerechtfertigt? Müssen sich die überwiegend von Wohlstand und Wachstum verwöhnten Babyboomer tatsächlich auf karge Zeiten im Alter einstellen? Und wie passen die heutigen Erfolgsmeldungen der Wirtschaft und die rekordverdächtig niedrigen Arbeitslosenquoten zu diesen düsteren Aussichten?

Die Bertelsmann-Stiftung macht vor allem „Minijobs, lange Phasen der Erwerbslosigkeit und niedrige Löhne“ dafür verantwortlich, dass künftig deutlich mehr Menschen von ihrer Rente nicht mehr werden leben können – oder zumindest nicht mehr gut. Vor allem drei Gruppen sind es, für die es laut Studie im Alter künftig enger wird: alleinstehende Frauen, Langzeitarbeitslose und Niedrigqualifizierte. Von den allein lebenden Neurentnerinnen soll in 20 Jahren fast jede Dritte, 28 Prozent, auf Grundsicherung angewiesen sein (derzeit sind es 16 Prozent).

Anstieg bei den Ostdeutschen

Besonders gefährdet werden laut Christof Schiller, dem Arbeitsmarktexperten der Bertelsmann-Stiftung, die künftigen Ruheständler in Ostdeutschland sein: Bei ihnen verdoppelt sich der Anteil der Betroffenen in der Grundsicherung von derzeit 5 auf mehr als 10 Prozent – für Schiller vor allem eine Folge der „Umbrüche auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt seit den 1990er-Jahren“. In Ruhe auf die Rente freuen kann sich eigentlich nur, wer mindestens 35 Jahre lang einen Vollzeitjob hatte – doch wem ist dieses Glück künftig noch beschieden? Schon die Feier des 25-jährigen Jubiläums mit kalter Platte und Gläschen Sekt wird in deutschen Betrieben immer seltener.

Menschen wechseln häufiger ihre Jobs, sind zwischendurch mal arbeitslos, akzeptieren eine Zeit lang schlecht dotierte Verträge. Das alles ist nicht neu. „Destandardisierung der Erwerbsverhältnisse“ nennen Soziologen das. Und doch sind die Prognosen der Bertelsmann-Stiftung im Detail umstritten.

Der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler und Rentenexperte Bernd Raffelhüschen jedenfalls wirft der Stiftung „populistisches Flügelschlagen“ vor. Raffelhüschen stört vor allem die Verwendung der „Armutsgefährdungsquote“, eines statistisch leicht manipulierbaren Werts, den die Stiftung für 2036 auf 20 Prozent taxiert. „Mit dem Armutsrisiko kann ich zwischen 10 und 40 Prozent alles hinrechnen“, schimpfte Raffelhüschen gestern gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Tatsächlich ist das Armutsrisiko ein relativer, stets veränderlicher und daher ungenauer Wert. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, derzeit 958 Euro. Das Problem ist: Wenn die Wohlhabenden plötzlich mehr Geld zur Verfügung haben, zum Beispiel dank einer Steuersenkung oder höherer Gewinne, sind auf einmal auch mehr Menschen armutsgefährdet – ohne dass sie real ärmer geworden wären.

Überhaupt hält Raffelhüschen die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie für längst nicht so alarmierend wie die Autoren selbst. „Wenn in 20 Jahren tatsächlich 7 Prozent der Rentner auf Grundsicherung angewiesen sind, dann wären sie immer noch weniger von Armut betroffen als die Gesamtbevölkerung“, erklärt der Ökonom. Alles halb so schlimm also?

Brüchige Biografien

Damit ist man mitten in der politischen Interpretation der Prognosen rund um die Altersarmut – und bei den großen Fragen: Ist es Aufgabe jedes Einzelnen, fürs Alter vorzusorgen und sich entsprechende Versicherungen zuzulegen – oder der Allgemeinheit? Und soll sich der Staat vor allem auf ein stabiles Rentenniveau konzentrieren, soll er sich also um die breite Mitte kümmern – oder muss er angesichts immer brüchigerer Biografien und prekärer Jobs diejenigen in den Blick nehmen, die vom Segen einer florierenden Wirtschaft wenig abbekommen?

Raffelhüschen sieht in der moderat steigenden Altersarmut einen ganz unspektakulären Prozess: „Die Quote nähert sich dem Gesamtdurchschnitt an, das zeigen alle Studien.“ Der Finanzwissenschaftler von der Universität Freiburg, das muss man zur Einordnung wissen, vertritt liberale Positionen und gilt als Freund der kapitalgedeckten Altersvorsorge. Raffelhüschen hat zum Beispiel auch das privatwirtschaftliche Deutsche Institut für Altersvorsorge auf seiner Seite. Dessen Chef Klaus Morgenstern erklärte gestern, das Armutsrisiko nehme in den nächsten Jahren „keineswegs überbordend zu“. Reformen bei der Alterssicherung hält auch er für vorerst nicht nötig.

Hilfen für Alleinerziehende

Das sehen die Autoren der Bertelsmann-Studie ganz anders. Für sie ist Deutschland gerade dabei, die Abgehängten einer digital beschleunigten Wirtschaft der Altersarmut preiszugeben: „Diskussionen um eine Stabilisierung des Rentenniveaus helfen Risikogruppen nicht weiter, die schon während ihrer Berufsjahre nur schlecht von ihrem Gehalt leben können“, konstatiert Schiller. „Die aktuellen Reformdebatten gehen oft an der Wirklichkeit vorbei.“

Tatsächlich fällt ein um zwei oder drei Prozentpunkte höheres Rentenniveau bei 600 Euro nicht sonderlich ins Gewicht. Nötig seien besondere Hilfen eben für Alleinerziehende oder Langzeitarbeitslose – wie die konkret aussehen sollen und was sie kosten würden, dazu schweigt die Studie allerdings.

Und die Betroffenen? Annegret F. jedenfalls kann einer Idee zur Reform des Rentensystems nichts abgewinnen: der Erhöhung des Eintrittsalters. Die 65-Jährige gehört nicht zu jenen, die die Arbeit im höheren Alter noch als willkommene Gelegenheit zur Selbstverwirklichung sehen: „Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich lieber heute als morgen zu Hause bleiben.“

Von Thorsten Fuchs

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