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Politik Wird Merkel doch noch Feministin?
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10:19 29.11.2018
„Ich kriegte als Ostdeutsche selbstverständlich nicht die Familie, das war zu heikel“: Kanzlerin Angela Merkel am Mittwochabend. Quelle: dpa
Berlin

Die Unionsfraktion im Bundestag hat zu einem kleinen Festakt eingeladen. Anlass ist ein runder Geburtstag: 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland. Unter den Festrednerinnen ist auch Angela Merkel. Die Kanzlerin setzt am Mittwochabend zu einem geschichtlichen Vortrag an, zitiert Helene Lange und nennt weitere Vorkämpferinnen für mehr Gleichberechtigung – und kommt sehr schnell auf sich zu sprechen: auf den persönlichen Kampf der Jungpolitikerin Angela Merkel.

Sie wolle jetzt lieber mal nicht erzählen, wie das damals in den frühen Neunzigern war, unter Kanzler Helmut Kohl, sagt Merkel – und gerät dann doch ins Plaudern. Kohl habe nach der Wende vor der Aufgabe gestanden, ein paar Frauen in seine Regierung zu holen. Da sei er „auf eine ganz besonders effiziente Methode“ verfallen, sagt Merkel. Der Kanzler habe das Ministeramt von Rita Süssmuth gedrittelt – „da hat er aus einer Frau drei gemacht“, erzählt Merkel, und die gut 300 überwiegend weiblichen Gäste im Fraktionssaal der Union lachen.

Gesundheit, Familie, Frauen – was zuvor ein Ressort war, teilten sich fortan drei Frauen. „Ich kriegte als Ostdeutsche selbstverständlich nicht die Familie, das war zu heikel“, scherzt Merkel, „sondern ich kriegte Frauen und Jugend.“ Jung, ostdeutsch, weiblich – damit, so die Kanzlerin, habe sie gleich drei Anforderungen Kohls erfüllt. „Ein sehr effizienter Einsatz“, spottet Merkel.

CDU hat sich unter Merkel weit vom traditionellen Rollenverständnis entfernt

Während zur selben Zeit auf der CDU-Regionalkonferenz in Düsseldorf Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn um die Nachfolge Merkels als Parteichefin wetteifern, unterhält die Kanzlerin ihre Zuhörerinnen im Bundestagsgebäude mit munteren Anekdoten. Doch das Thema Gleichberechtigung scheint für Merkel an diesem Abend kein Spaß zu sein – jedenfalls nicht nur. Die Kanzlerin vermittelt den Eindruck, dass sie hier noch etwas bewegen will.

In den bisher 13 Jahren ihrer Kanzlerschaft ist Merkel eigentlich nicht mit feurigem Einsatz im Dienste der Emanzipation aufgefallen. Als sie im vergangenen Jahr auf einem Podium mit Ivanka Trump und IWF-Chefin Christine Lagarde gefragt wurde, ob sie sich als Feministin bezeichnen würde, konnte sich Merkel zu keinem Ja durchringen. Zugleich aber hat sich die CDU unter ihrer Kanzlerschaft vom traditionellen Rollenverständnis weit entfernt – allem voran in der Familienpolitik.

Merkel selbst hat bei der Besetzung von Topjobs in der Bundesregierung und auch im Bundeskanzleramt dafür gesorgt, dass Frauen aufrücken. Und seit Kurzem spricht sie den offensichtlichen Mangel an Frauen offen aus. So wie neulich, beim Deutschlandtag der Jungen Union. „Ihr Vorstand ist schön männlich“, rief sie da den Herren um JU-Chef Paul Ziemiak zu. „Aber 50 Prozent des Volkes fehlen.”

Kritik an ungleicher Bezahlung in Führungspositionen

Das Thema treibt Merkel jetzt um, das wird am Mittwochabend deutlich. Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sei eine elementare Frage von Gerechtigkeit und Demokratie, sagt die Kanzlerin. „Sie ist ein Indikator dafür, wie menschengerecht eine Gesellschaft ist und wie es eine Gesellschaft mit der Würde des einzelnen Menschen hält – so hart muss man das formulieren.“

Die Kanzlerin kritisiert die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern in Führungspositionen. Sie mahnt mehr Wertschätzung für soziale, vermeintlich weibliche Berufe an – auch materiell. Und sie bringt einen kreativen Vorschlag vor, um die geringe Anzahl weiblicher Unionsabgeordneter im Bundestag zu steigern. Es sei doch auffallend, so Merkel, dass auf jeden Mann, der in der Legislaturperiode zugunsten eines aussichtsreichen Jobs ausscheide, eine Frau über einen Listenplatz nachrücke. „Wir sollten alle im Bundestag befindlichen Männern mit guten Positionen versorgen“, scherzt sie.

Nur 50 von 246 Unionsabgeordneten sind Frauen. „Wir sind nicht gut“, sagt Fraktionschef Ralph Brinkhaus am Mittwochabend dazu. Der hohe Männeranteil sei darin begründet, dass fast alle Unionsabgeordneten über Direktmandate in den Bundestag kommen – und für diese kandidieren fast immer Männer. Er sei kein Freund von Quoten, so Brinkhaus. „Aber wenn wir es nicht anders schaffen, müssen wir dieses Instrument nutzen.“ Der Applaus der vielen CDU-Frauen im Saal ist ihm da sicher.

Von Marina Kormbaki/RND

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