Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik Wer ist es, der da zum Bahnhof geht?
Nachrichten Politik Wer ist es, der da zum Bahnhof geht?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:04 01.08.2017
Testgelände Südkreuz: Drei Spezialkameras nehmen Reisende an Berlins drittgrößtem Bahnhof auf – eine Software vergleicht die Gesichter mit gespeicherten Bildern Quelle: dpa
Berlin/Hannover

Die gute alte Zeit der Videoüberwachung geht langsam zu Ende. Bislang, so kannte man das, zeigten die Systeme lediglich: Da geht gerade jemand zum Bahnhof. Von jetzt an sollen die Maschinen noch einen Schritt weiter gehen und gleich noch klären: Wer ist es, der da gerade zum Bahnhof geht? Und liegt gegen ihn etwas vor?

„Intelligente Videoüberwachung“ nennt Bundesinnenminister Thomas de Maizière sein neues Projekt. Es könnte, schwärmen Ermittler, die Terrorbekämpfung einen großen Schritt voranbringen. Datenschützer indessen schlagen Alarm: Wenn es in dieser Richtung weitergehe, könne bald niemand mehr durch die Straßen gehen, ohne von staatlichen Maschinerien erkannt zu werden.

Geschenke an die Testpersonen

Der Minister hatte schon im Sommer des vergangenen Jahres eine Vision. „Wenn ein gesuchter Schwerverbrecher in einen Bahnhof geht, dann könnten ihn die Videokameras dort sofort erkennen“, sagte er. Auch hilflose Personen und herrenlose Koffer sollen schneller gefunden werden. Kritiker glauben, de Maizière überschätze die Möglichkeiten der neuen Technik.

In einem ersten Schritt dreht sich alles um die Gesichter der Reisenden. Drei speziell präparierte Kameras nehmen im Bahnhof Berlin-Südkreuz die Passanten auf, beim Betreten und beim Verlassen des Gebäudes und auf einer Rolltreppe. Täglich laufen mehr als 100 000 Menschen durch den Fern- und S-Bahnhof.

Als Testpersonen machen rund 300 Pendler mit. Sie haben sich Ende Juni nach einem Aufruf der Bundespolizei freiwillig gemeldet. Als Belohnung bekommen sie einen Amazon-Gutschein über 25 Euro – wenn sie die Versuchsanordnung in sechs Monaten mehr als 25-mal durchqueren. Die drei Personen, die den Testbereich am häufigsten nutzen, erhalten als „Prämie“ eine Smartwatch, eine Fitnessuhr oder eine Kamera.

Noch findet am Bahnhof nur eine Technikschau statt

Für den Fall, dass die Kamerasysteme die Gesichtserkennung nicht hinbekommen, ist vorgesorgt: Damit die Polizei weiß, wann die Testpersonen tatsächlich im Bahnhof waren, müssen sie einen scheckkartengroßen Transponder mit sich führen.

Vor allem aber mussten sich die 300 Testpersonen vorab fotografieren lassen. Die biometrischen Daten dieser Fotos bilden nun die Testdatenbank. Mit ihr vergleicht die Gesichtserkennungssoftware die biometrischen Daten aller Passanten, die ab 1. August in den Testbereichen gefilmt werden.

Die Aufnahmen der Passanten werden ausschließlich mit dieser Testdatenbank verglichen und nicht mit polizeilichen Fahndungsdatenbanken. Es geht hier also nur um eine Technikschau – noch nicht um die tatsächliche Suche nach Verbrechern.

Verhaftungen sollen auf dem Fuß folgen

Von drei Firmen hat die Polizei diverse Gesichtserkennungssysteme gemietet, um sie zu vergleichen, nach Informationen der Internetspezialisten von netzpolitik.org für 60 000 Euro. Gut ist ein System, wenn es die Testpersonen häufig erkennt – und zugleich nur selten falschen Alarm auslöst, also unbeteiligte Passanten für Testpersonen hält.

Zumindest für die Dauer des Versuchs soll der Datenschutz gesichert sein. Wer als Passant in den kommenden Wochen und Monaten nicht Teil der technischen Erprobungen sein will, wird von heute an mit Schildern und Markierungen darauf hingewiesen, wie er den Testbereich umgehen kann.

Falls die Technik das hält, was sich de Maizière von ihr verspricht, würden die Sicherheitsbehörden das Bild „eines flüchtigen Terroristen“ in die Software einspielen, sagte er jüngst in einem Interview, „sodass ein Alarm angeht, wenn er irgendwo an einem Bahnhof auftaucht“.

Und dann? „Einsatzkräfte können anschließend zielgerichtet Maßnahmen im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten gegen diese Person treffen“, heißt es in einer Information der Bundespolizei. Gemeint ist schlicht eine Verhaftung oder Festnahme.

Datenschützer sehen die biometrische Erfassung mit Skepsis

Ob eine solche Fahndung mittels Gesichtserkennung rechtlich ­möglich ist, ist noch nicht geklärt. Seit Mai 2015 verbietet zwar die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung grundsätzlich die Verarbeitung biometrischer Daten. Das Verbot gilt aber nicht, wenn die Verarbeitung „aus Gründen eines erheblichen öffentlichen Interesses erforderlich“ ist.

Dass der Schutz vor Anschlägen ein erhebliches öffentliches Interesse darstellt, dürfte unstreitig sein. Fraglich ist aber, ob die Fahndung per Gesichtserkennung unverhältnismäßig ist, weil ja vor allem Unbeteiligte erfasst werden. Im Falle des Bahnhofs Südkreuz um die 100 000 täglich.

Große Vorbehalte hat Deutschlands oberste Datenschützerin Andrea Voßhoff. Der Test sei akzeptabel. Sie habe aber „grundsätzliche Bedenken gegen die Technologie“. „Sollten derartige Systeme einmal in Echtbetrieb gehen, wäre dies ein erheblicher Grundrechtseingriff.“ Die Freiheit, sich anonym in der Öffentlichkeit zu bewegen, könne zerstört werden.

Der Minister hofft auf den technischen Fortschritt

Letztlich wird eine biometrische Gesichtsfahndung aber wohl weniger an rechtlichen als an technischen Hürden scheitern. Schon im Jahr 2007 machte das Bundeskriminalamt einen ernüchternden Praxistest im Mainzer Hauptbahnhof. Die 200 damals gesuchten Testpersonen konnten zwar bei Tageslicht mit über 60 Prozent Wahrscheinlichkeit identifiziert werden. Bei Dämmerung fielen die Werte aber auf schwache 10 bis 20 Prozent. De Maizière hofft nun auf den technischen Fortschritt.

Er ignoriert dabei aber offensichtlich einen Bericht, den die US-Normungsbehörde Nist im März 2017 veröffentlichte. Nist prüft regelmäßig die Leistungsfähigkeit von Gesichtserkennungssoftware und hat jetzt zum ersten Mal die Auswertung von Videoaufnahmen untersucht (Face in Video Evaluation, Five). Der Bericht stellte fest, dass das biometrische Erkennen von Personen auf Videoaufnahmen besonders schwierig ist: Die Personen bewegen sich, es befinden sich oft mehrere Personen auf der Aufnahme und die Passanten haben keinen Grund, mit der Kamera zu kooperieren.

Gute Ergebnisse könnten nur unter optimalen Bedingungen erzielt werden, so der Bericht. Gemeint sind insbesondere gutes Licht, gute Auflösung der Kamera und Passanten, die in die Kamera schauen. Schnelle Ergebnisse setzten außerdem voraus, dass die Bilder der Passanten nur mit einer kleinen Datenbank abgeglichen werden. Eine solche Fahndung müsste sich also tatsächlich auf Terroristen, Gefährder und Schwerverbrecher konzentrieren.

Make-up und Hüte erschweren die Gesichtserkennung

Allerdings seien optimale Bedingungen ein „schwierig zu erreichendes Ziel“, so der Five-Bericht. Wenn Personen permanent nach unten auf ihr Smartphone schauen, bekomme die Kamera keine brauchbaren Bilder. Auch Brillen, Hüte oder Make-up könnten die Gesichtserkennung behindern. Ganz besonders problematisch seien Personen, die die biometrische Kontrolle gezielt sabotieren wollen und deshalb z.B. absichtlich Sonnenbrille oder Mütze tragen. Solche Verhüllungstechniken „können 100-prozentig effektiv sein“, heißt es in dem Bericht.

„Wir wollen das unter normalen Bedingungen testen“, sagt ein Sprecher der Bundespolizei. „Die Tester können einen Hut oder Fahrradhelm tragen oder etwas kleiner sein und in der Menge verschwinden.“

Der SPD-Politiker Christopher Lauer, früher bei den Piraten Experte für Internet und Datenschutz, ist skeptisch. Das neue System sei fehleranfällig und: „Bei drei Millionen Fahrgästen im Berliner Verkehrsnetz würde eine Fehlerquote von eins zu einhunderttausend dreißig unnötige Einsätze provozieren – pro Tag.“

Von Christian Rath und Andreas Rabenstein/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

US-Präsident Donald Trump soll laut einem Bericht der „Washington Post“ die Stellungnahme seines ältesten Sohnes zu einem umstrittenen Treffen mit einer russischen Anwältin selbst diktiert haben.

01.08.2017

Weil die Umfragewerte seiner Partei schlecht sind, ist Neuseelands Oppositionsführer Andrew Little kurz vor der Parlamentswahl zurückgetreten. Seine Nachfolge übernimmt die Abgeordnete Jacinda Ardern.

01.08.2017

Erstmals hat die US-Regierung Sanktionen direkt gegen Venezuelas Präsident Nicolás Maduro verhängt. Der reagierte mit Spott und behauptete, er sei stolz auf die Maßnahme.

01.08.2017