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Politik Was tun mit der geraubten Kunst?
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06:43 14.05.2018
„Wir sind im Kosten- und Zeitplan“: Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Quelle: dpa
Berlin

Monika Grütters (56, CDU) ist seit nunmehr fünf Jahren Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Das wichtigste Projekt ihrer zweiten Amtszeit: Der Bau und die Eröffnung des Humboldt Forums im Berliner Stadtschloss. Zumal die Kritik an dem geplanten Museum für Weltkultur lauter wird.

Sie haben im Ozeaneum Stralsund einen Patenpinguin namens Olli, ein Exemplar der Gattung Humboldtpinguin. Inwiefern halten Sie ansonsten das Erbe Alexander von Humboldts lebendig, der nicht nur Namensgeber für den Pinguin, sondern auch für eins der wichtigsten Kulturbauprojekte Deutschlands ist?

Wir teilen diese unbändige Neugier auf die Welt mit Alexander und seinem Bruder Wilhelm, deshalb haben wir diesen Namen fürs Humboldt Forum gewählt.

Ihr Ministerium hat jüngst die Verantwortung für den Vorsitz im Stiftungsrat übernommen. Der Erfolg Ihrer neuen Amtszeit als Kulturstaatsministerin wird am Humboldt Forum gemessen werden. Das Projekt steht immer wieder in der Kritik, von der Debatte um den Wiederaufbau des Stadtschlosses bis zur Diskussion um Ausstellungsstücke aus Kolonialzeiten. Sorgen Sie sich manchmal, was Sie sich da ans Bein gebunden haben?

Nein, ich habe keine Sorge, sondern werbe mit großer Leidenschaft für dieses großartige Vorhaben auf dem zentralen Platz der Republik. Ich bin seit jeher eine Verfechterin des Gedankens, in die Mitte der Hauptstadt einen Ausstellungs- und Veranstaltungsort zu setzen, der nicht nur deutsche Kunst ins Zentrum rückt, sondern Weltkultur. Ich stecke alle Kraft in die Verwirklichung dieser tollen Idee, mit der sich Deutschland auch als Partner in der Welt empfiehlt.

Laut Website soll das Museum die „Geschichte und Kultur der Welt in ihrer Ganzheitlichkeit“ abbilden. Kann ein solcher Turmbau zu Babel nicht nur scheitern?

Ich gehe mit großer Zuversicht daran. Aber solch ein Projekt ohne Vorbild birgt natürlich Herausforderungen. Wir wollen das Versprechen, einen neuen Blick auf die Menschheitskulturgeschichte zu werfen, einlösen.

Was ist Ihre Erwartung an Hartmut Dorgerloh?

Ich erwarte vor allem, dass er als Generalintendant eine Eigenschaft zum Einsatz bringt, die er als Leiter der großen und bedeutenden Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, wiederholt unter Beweis gestellt hat: Komplizierte Sachverhalte einem sehr breiten Publikum sinnlich zu vermitteln. Das passt zu unserem Gedanken, mit freiem Eintritt einen Beitrag zur Bildung einer sehr heterogenen Zielgruppe zu leisten.

Auch die Elbphilharmonie war vor der Eröffnung umstritten, nach der Einweihung ist das vergessen. Erhoffen Sie sich einen ähnlichen Effekt für das Humboldt Forum?

Der Unterschied zur Elbphilharmonie ist: Wir sind im Kosten- und Zeitplan. Bis Ende 2019 wollen wir fertig werden. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass das Humboldt Forum in der Kritik steht. Endlich wird auch über die Inhalte geredet, nicht nur über die Steine, das Schloss. Und wenn es da die eine oder andere Kontroverse gibt, so löst diese doch ganz offensichtlich das Versprechen ein, das mit Kultureinrichtungen einhergeht, nämlich die Einladung zum Diskurs.

Erklärtes Ziel ist es, den eurozentrischen Blick zu brechen. Müsste es dafür nicht im Stiftungsrat jemanden aus einem der Herkunftsländer geben?

Ich habe große Sympathie für die Idee, nach der Eröffnung Vertreter aus den Herkunftsländern in den Aufsichtsrat zu wählen. Diese beraten uns bereits im Internationalen Expertengremium. Problematisch finde ich zum Beispiel den Umstand, dass Objekte aus Afrika oft vor allem als ethnologisches Kulturgut und nicht als Kunst betrachtet werden. Im Humboldt Forum wollen wir versuchen, die Verbindungen zwischen Kulturen aufzuzeigen, z.B. im Hinblick auf den Umgang mit Geburt und Tod oder Esskulturen. Wir wollen Ausstellungsstücke daher nicht primär nach Kontinenten präsentieren, sondern die großen Themen der Menschen überall auf der Welt querschnittsartig erzählen.

Jüngst besuchte der französische Präsidenten Emmanuel Macron die Baustelle des Humboldt Forums. Der hat jüngst angekündigt, aus Afrika geraubte Kunst in den nächsten fünf Jahren zurückzugeben. Weshalb tut sich Deutschland so schwer mit solchen klaren Aussagen?

Halten wir hier doch erst einmal fest, dass jede ehemalige Kolonialmacht aufgerufen ist, eine eigene Antwort auf den Umgang mit ihrem jeweiligen kolonialen Erbe zu finden. Das Thema ist sehr differenziert zu betrachten. Der Deutsche Museumsbund hat deshalb zum Umgang mit Sammlungen aus kolonialen Kontexten Leitlinien erarbeitet, die unsere Diskussion in Deutschland erheblich voranbringen werden und eine sehr gute Handlungsempfehlung für die Museen bieten. Dort wird aber auch ganz klar gesagt, dass es immer um den Einzelfall geht und die Erwerbsumstände der Objekte sehr unterschiedlich sein können.

Steht in Ihren Augen also die Provenienzforschung in Bezug aufs Kolonialerbe in einer Reihe mit der Rückerstattung von NS-Raubgut?

Meine erste Amtszeit war geprägt vom Fall Gurlitt, die zweite Amtszeit steht nun im Zeichen der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit. Es geht hier aber anders als bei der Nazi-Raubkunst nicht um private Eigentümer, die es ausfindig zu machen gilt, sondern um sehr komplexe Herkunftsgesellschaften. Die Stücke, die im Humboldt Forum gezeigt werden sollen, sind Jahrzehnte lang im Museumszentrum Dahlem zu sehen gewesen, ohne dass sich jemand an der Darstellung der Herkunftsgeschichten gestört hätte. Jetzt gibt es ein deutlich gesteigertes Interesse an diesen Hintergründen, auch jenseits der Ethnologengemeinschaft. Das Humboldt Forum hat hier wie ein Katalysator gewirkt. So beweist es seine Existenzberechtigung bereits vor seiner Eröffnung.

Sie spielen eine große Rolle bei der Wahl der neuen Chefs von Humboldt Forum und Berlinale. Würden Sie sich als Theaterliebhaberin wünschen, dass auch die Nachfolge an der Berliner Volksbühne in Ihren Händen läge?

Oh je, ich habe doch schon genug eigene Baustellen! Politiker müssen bei solchen Entscheidungen meines Erachtens zwei Dinge mitbringen: Empathie und Sachkenntnis. Im Fall der Volksbühne ist das die Kenntnis über die Tradition dieses Hauses, die zudem von vielen Emotionen begleitet wird. Bei der Suche nach einem Nachfolger für Dieter Kosslick als Berlinale-Chef haben wir übrigens unzählige Gespräche mit vielen, auch internationalen Bewerbern geführt, mit Produzenten, Regisseuren, Schauspielern und Festivalkennern. Ich bin zuversichtlich, in diesem Sommer das Ergebnis präsentieren zu können. Ich persönlich befürworte eine Doppelspitze, angelehnt an das Vorbild anderer großer Festivals.

Bei Twitter war gerade ein Schnappschuss von Ihnen mit der Berliner Künstlerin Marina Abramović zu sehen. Mit welchem Star würden Sie sonst gerne ein Selfie machen?

Mit Robert Redford! Filme mit diesem Schauspieler muss ich einfach sofort sehen – selbst wenn sie mitten in der Nacht laufen.

Von Nina May

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