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12:16 22.06.2018
Der Nationale Bildungsbericht ist eine Bestandsaufnahme des deutschen Bildungssystems. Quelle: dpa
Berlin

Seit dem PISA-Schock vor 18 Jahren steht fest: Die deutschen Schüler schlagen sich im internationalen Vergleich eher mittelmäßig. Zudem sind soziale Aufstiege viel schwerer als anderswo. Etliche Reformen und Reförmchen sollten diese Missstände beheben. Welche von ihnen erfolgreich waren und welche nicht, zeigt der Nationale Bildungsbericht, der am Freitag veröffentlicht wurde. Er ist eine Bestandsaufnahme des deutschen Bildungssystems. Eine unabhängige Forschergruppe erstellt sie alle zwei Jahre im Auftrag der Kultusminister. Mit ihr lassen sich die unzähligen Bildungsreformen der letzten Jahre bewerten. Ein Überblick:

Ganztagsangebote

… sollten das Bildungssystem gerechter machen, indem sie Bildungsdefizite durch längere Betreuung ausgleichen. Diese Wirkung ist laut Bildungsbericht jedoch nicht eingetreten. Und die Autoren sind von diesem Ergebnis auch nicht überrascht. „Das Problem ist, dass nach PISA zwar flächendeckend Angebote geschaffen, diese aber anschließend nicht qualitativ weiterentwickelt wurden“, sagt Kai Maaz vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung. Er ist der Sprecher des Autorenteams des Bildungsberichts.

Was bei der Einführung gefehlt habe, sei eine Einigung darüber, was schulische Ganztagsangebote eigentlich leisten sollen: Förderung oder Betreuung? „Nur die Förderung kann Ungleichheiten ausgleichen. Und wenn es also die Förderung sein soll, dann ist es mit Hausaufgabenbetreuung und Theater-AGs nicht getan. Da braucht es individuelle Fördermaßnahmen, je nach Schüler und Bedarf.“

Die Rückkehr zu G9

… in den meisten Bundesländern sollte Schüler entlasten und Schulleistungen verbessern. Dabei stellt der Bildungsbericht fest, dass es keinen messbaren Unterschied in den schulischen Kompetenzen zwischen G8- und G9-Schülern gibt, wenn auch Politiker anderes behaupten.

„Mich wundert“, so Bildungsforscher Maaz, „dass in vielen Ländern Mischformen aus G8 und G9 eingeführt wurden, ehe es auch nur den Hauch einer Chance gab, G8 richtig umzusetzen.“ Letzten Endes sei dadurch ein Durcheinander auf Länderebene entstanden, das kaum mehr zu überblicken sei.

Der Rechtsanspruch auf Kita-Plätze

... sollte Müttern den Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt erleichtern und soziale Ungleichheit reduzieren. Diese Maßnahme ist tatsächlich erfolgreich. Noch immer ist die Nachfrage nach Kita-Plätzen höher als das Angebot, allerdings ist die Zahl betreuter Kinder in den letzten Jahren bereits massiv gestiegen. So besuchen mittlerweile 37 Prozent (2006: 12 Prozent) der Einjährigen und 62 Prozent (2006: 27 Prozent) der Zweijährigen eine Kindertagesstätte. Der Anteil erwerbstätiger Mütter sowohl mit einem als auch mit zwei Kindern ist erheblich gestiegen.

Zudem zeigt der Bildungsbericht, dass Kinder, die ihre Kita länger als zwei Jahre besuchen, höhere Lese- und Mathematik Leistungen erbringen als Kinder, deren Kita-Besuch kürzer war. Allerdings profitieren Kinder aus höher gebildeten Haushalten stärker vom Kita-Besuch als Kinder von geringer gebildeten Eltern. „Auch hier muss nach der Quantität der Plätze nun die Qualität der Förderung ausgebaut werden“, kommentiert Maaz.

Die Umsetzung der Inklusion

... soll Kindern mit Förderbedarf besser fördern und Vorurteile abbauen. Die Auswirkungen der Inklusions-Reform sind bisher allerdings noch nicht ermittelbar. Fest steht lediglich, dass in Regelschulen heute mehr Kinder mit Förderbedarf unterkommen als früher. So stieg die Förderquote in Regelschulen zwischen 2000 bis 2016 von 0,7 auf 2,8 Prozent. Ob Förderschüler und ihre Klassenkameraden davon profitieren, ist jedoch ungewiss. Noch existieren keine Daten, die darüber Auskunft geben könnten. Erst in einigen Jahren sind erste valide Studien dazu zu erwarten.

Die Schülerschaft spaltet sich

Immer mehr Menschen erreichen laut Bildungsbericht immer höhere Bildungsabschlüsse. Fast jeder Zweite nimmt mittlerweile ein Studium auf. Gleichzeitig jedoch steigt auch der Anteil von Menschen ohne Schulabschluss wieder an. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Erhebungen der Lesekompetenz in der vierten Klasse. Sowohl die Gruppe der Schüler mit hoher Lesekompetenz, als auch die mit besonders geringer Kompetenz wächst. Was diese Spaltung bedingt, können auch die Autoren des Bildungsberichts nicht mit Sicherheit sagen. „Eine Erklärungsmöglichkeit der extrem schnelle Anstieg der Zuwanderung vor zwei Jahren“, sagt Bildungsforscher Kai Maaz. Statistisch belegen lässt sich die Erklärung allerdings noch nicht.

Was es jetzt braucht

Laut den Autoren des Bildungsberichts braucht es jetzt einheitliche Standards in allen Ländern, mehr Kooperationen und genauere Leistungsmessungen. Als positives Beispiel nennt Bildungsforscher Maaz die Stadt Hamburg. Nach miserablen Leistungsergebnissen führte die Hansestadt mehr Vergleichsarbeiten ein und misst durchgehend die Leistungen ihrer Schüler. Die Ergebnisse leitet sie an Schulleiter und Klassenlehrer weiter, die sofort darauf reagieren können. Die Ergebnisse bei bundesweiten Vergleichstests haben sich dadurch deutlich verbessert.

Die größte Herausforderung des Bildungssystems wird in den nächsten Jahren jedoch ein ganz anderes sein: Für den qualitativen Ausbau des Bildungssystems braucht es Personal, viel mehr noch als bisher. Allein den zusätzlichen Bedarf an Erziehern schätzen die Autoren des Bildungsberichts auf rund 300.000 bis 2025 – von den Lehrern ganz zu schweigen.

Von Julius Heinrichs/RND

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