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14:19 27.06.2018
Wo ist das fröhliche „Schland“-Gefühl geblieben, das sich erstmals im Jahr 2006 breitgemacht hatte? Quelle: Fotos: dpa
Berlin

Es war ein Schuss voller Trotz, in dieser alles entscheidenden 95. Minute im Fischt-Stadion von Sotschi. Ein Freistoß, hoch in den Winkel des schwedischen Tors gezirkelt von Toni Kroos. Zwei zu eins, Deutschland hatte sich vorerst gerettet, nach einem Spiel, das sich stellenweise anfühlte wie ein Finale.

Der deutsche Torschütze aber zeigte auch nach dem Spiel vor allem Trotz. Keine Fröhlichkeit oder gar Ausgelassenheit. „Du musst dann eben auch die Eier haben, so zu spielen“, sprach Kroos konzentriert in die Kameras. Und: „Relativ viele Leute in Deutschland hätte es gefreut, wenn wir rausgegangen wären. Aber so einfach machen wir es denen nicht.“

Die Aussage glich einem ausgestreckten Mittelfinger ins Gesicht all der Nörgler in der deutschen Heimat.

Fuhr hier ein Nationalspieler seine Ellenbogen aus gegen Fans und Medien? So verkniffen jedenfalls wie diesmal hat man eine deutsche Elf selten in ein WM-Turnier starten sehen. Wo ist das fröhliche „Schland“-Gefühl geblieben, das sich erstmals im Jahr 2006 breitgemacht hatte?

„Die Stimmung im Land ist vergiftet“

Manche deuten zur Erklärung auf die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan, die sich im Mai mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan hatten ablichten lassen. Andere verweisen darauf, dass in diesem Sommer die Politik parallel zur WM ihr eigenes „Endspiel“ (Markus Söder) begonnen hat: CSU gegen CDU, Innenminister gegen Kanzlerin.

„Die Stimmung im Land ist vergiftet“, sagt ein einflussreicher CDU-Politiker in Berlin. „Wir werden das Flüchtlingsthema nicht mehr los.“

Die neue deutsche Flüchtlingsdebatte führt längst ein Eigenleben, abgelöst von Fakten und tatsächlichen Problemen. Während die Zahl der Flüchtlinge sinkt, steigt die Erregung des Publikums – und im Abnutzungskampf der Parolen dringt das hysterische Dauerfeuer von rechts mittlerweile bis weit in die Mitte vor. Die CSU etwa hat sich mit ihrer „Asyltourismus“-Rhetorik schon ganz der Sprache der Populisten ergeben.

Normalerweise hält sich die Politik zu WM-Zeiten stets ein Stück zurück. In der guten alten Zeit schauten einfach alle gemeinsam Fußball, und die Bundeskanzlerin ließ mitunter Fotos von ihren Besuchen in der Kabine der Nationalelf verbreiten.

Im Jahr 2010 stand da ein strahlender Özil mit freiem Oberkörper neben der Kanzlerin, ein unbeschwerter Fußballheld. Acht Jahre ist es her. Heute erscheint es wie eine Ewigkeit.

Merkel gratuliert 2010 in der Mannschaftskabine des Berliner Olympiastadions dem deutschen Fußball-Nationalspieler Mesut Özil nach einem EM-Qualifikationsspiel. Quelle: dpa

In seinem Berliner Büro bereitet Jeremy Cliffe in diesen Tagen seinen Abschied aus Deutschland vor. Der Korrespondent des ehrwürdigen britischen „Economist“ wird ab Herbst aus Brüssel berichten. Wenn es nicht überraschend Neuwahlen in Deutschland gibt, sagt er. Dann müsse er bleiben.

Cliffe findet vieles in Deutschland faszinierend. Nicht zuletzt die Möglichkeiten der deutschen Sprache, für diffuse Gefühle präzise Begriffe bereitzuhalten. „Unbehagen“ sei so ein typisch deutsches Wort, sagt Cliffe. Für ihn trifft es die aktuelle Stimmung auf den Punkt.

Noch im April hatte Cliffe eine Titelgeschichte im „Economist“ geschrieben, „Cool Germany“ hieß sie. Cliffes These: Das immer vielfältigere Deutschland könnte ein Gegenbild bieten zum weltweit um sich greifenden Populismus – wenn es sich denn mehr zutrauen würde. Aber tut es das?

Von “Cool Germany“ zu einem neuen Unbehagen. „Economist“-Cover vom April Quelle: economist

Schon damals war Unbehagen sein Leitmotiv. „Deutschland ist in einer Übergangszeit“, sagt er jetzt. Nach der Kohl-Ära und der Vereinigung habe eine 20-jährige Phase der gesellschaftlichen Modernisierung unter Schröder und Merkel begonnen, die nun zu Ende gehe. Was darauf folgt, wisse noch keiner. Sicher sei nur, dass alle Sicherheiten verloren gehen.

Der Quell dieser neuen umfassenden Unsicherheit sitzt seiner Meinung nach in Washington: „Donald Trump trägt entscheidend zu diesem Übergangsgefühl bei“, sagt Cliffe. Beide Grundpfeiler Deutschlands seien stets von den USA abgesichert gewesen: militärische Sicherheit als Teil des westlichen Bündnisses plus Exporterfolge als Teil des liberalen Welthandelssystems. Ein US-Präsident, der die Nato infrage stellt und mit Handelskrieg droht, legt jetzt die Axt an beides – eine nie da gewesene historische Konstellation.

Ist er für die schlechte Stimmung verantwortlich? US-Präsident Donald Trump. Quelle: AP

Hinzu kommt eine bedrückende Premiere im Inland: In einigen Umfragen, zuletzt bei Emnid, kommen Union und SPD auch zusammen nicht mehr auf eine Mehrheit. Der eskalierende Zoff in der Union droht inzwischen das einzige Versprechen zu vernichten, das die ansonsten meist ungeliebte Große Koalition den Deutschen immerhin stets geben konnte: Stabilität.

Ausländische Beobachter wie Cliffe wundern sich in diesen Tagen. Schaffen sich die Deutschen nicht einen Teil ihrer Probleme einfach auch selbst?

Vor seinem Wechsel nach Brüssel will Cliffe den Deutschen noch einen Abschiedsgruß zurufen. „Seid nicht zu pessimistisch!“ Dass Deutschland als Motor Europas „in tiefen Pessimismus verfällt, ist eine meiner größten Ängste“, sagt der Brite. „Euch geht es doch trotz allem gut!“

Das Unbehagen lässt sich nicht wegargumentieren

Tatsächlich ist die bundesweite Arbeitslosenquote auf mittlerweile 5,2 Prozent gesunken, den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Die Reallöhne steigen, die Renten ebenfalls. Sogar die Kriminalitätsrate sinkt, entgegen dem landläufigen Eindruck. Die Zahl der Einbrüche etwa ist, nach jahrelangem Anstieg, in jüngster Zeit stark rückläufig.

Das Unbehagen aber lässt sich nicht wegargumentieren – weil es zu tief sitzt und zu diffus ist. Auch der Wohlhabende kann Angst haben: vor Wohlstandsverlusten. Auch der viel beschäftigte Arbeitnehmer kann Angst haben, etwa davor, dass eines Tages doch noch die nächste Welle der Digitalisierung seinen Job killt.

Pessimismus ist jederzeit möglich, überall. In den Städten fragen sich viele, ob sie morgen noch die Mieten bezahlen können. Auf dem Land fragen sich viele, ob sie morgen nicht vollends abgehängt sein werden. Wo, „verdammte Hölle“ (Gary Lineker), gibt es in diesem Land denn noch Optimisten?

Einer steht hinter der Theke seines Handyladens in der Sonnenallee, im arabisch geprägten Teil Berlins. Ibrahim Bassal einen Fußballfan zu nennen wäre weit untertrieben. „Ich bin nicht einfach nur ein Fan, ich bin verrückt nach Deutschland“, sagt der Geschäftsmann, der in den 1980ern als Kind aus dem Bürgerkriegsland Libanon nach Berlin kam. „Es wird alles gut werden, wir steigern uns, wir kommen ins Finale! Und dann gewinnen wir, 2:1 gegen Portugal.“

Deutschlandfan wäre eine Untertreibung: Ibrahim_Bassal in seinem Laden in Berlin-Neulkölln. Quelle: Jan Sternberg

Ibrahim Bassal und sein Laden waren einmal ein Teil der WM-Sommermärchen. Ein 17 mal fünf Meter großer Teil, der überall in den Zeitungen zu sehen war. Sie hatten in Berlin 2010 die größte Deutschlandflagge des Landes wehen lassen, vom vierten Stock bis zum Erdgeschoss. Heute hängt dort nichts mehr. „Die Nachbarn haben gewechselt“, sagt Bassal, „sie wollen nicht mehr, dass ihre Balkone verhängt werden. Sehr schade.“

Beim Sommermärchen 2006, in Südafrika 2010, in Brasilien 2014 spielten sich junge deutsche Mannschaften in die Herzen zu Hause. Eine Mannschaft, deren Spieler Eltern aus Ghana hatten, der Türkei oder Polen, was aber wundersamerweise nur für Folklore sorgte, nicht für irgendwelche Verspanntheiten. Auf den Fanmeilen und vor den großen Bildschirmen in den Straßencafés waren Haut- und Haarfarbe fast egal geworden – solange man nur ausreichend schwarz-rot-goldene Fan-Accessoires mit sich führte.

Die größte Deutschlandfahne Berlins: Ibrahim Bassal hatte 2010 ein fünfstöckiges Haus mit einer überdimensionalen Deutschland-Flagge zur WM geschmückt. In diesem Jahr hatten Nachbarn etwas gegen das Aufhängen der Fahne. Quelle: dpa

„Es hat alles gepasst. Bei den Fanfesten haben unterschiedliche Rassen, Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Religionen nebeneinandergestanden. So stellt sich der liebe Gott die Welt vor“, sagte Franz Beckenbauer auf dem Höhepunkt seines Kaisertums. Der Potsdamer Historiker Martin Sabrow entdeckte einen „fröhlichen Patriotismus“, der sich vom engen Nationalismus früherer Zeiten unterscheide, „weil er ja Spieler wie Asamoah mit einschließt”.

Damals wurde Gerald Asamoah nur von einer kleinen rechtsradikalen Splittergruppe mit dem Satz „Gerald, du bist nicht Deutschland“ angegriffen. In diesem Jahr, bei einem WM-Testspiel gegen Österreich, kamen Pfiffe aus dem deutschen Fanblock, wenn Özil am Ball war. „Wir sind ja nicht taub. Das bekommt man mit“, sagte Teamkollege Sami Khedira nach dem 1:2 – und biss sich dann auf die Zunge: „Zu der Sache bin ich jetzt einfach still und sage erst mal gar nichts mehr.“

„Wir werden nie dazugehören“, posten deutsche Intellektuelle mit türkischen Namen jetzt in den sozialen Netzwerken. Auf der Sonnenallee spürt Ibrahim Bassal seine eigene Version von Unbehagen. Sein Laden brummt, von 11 bis 21 Uhr kommen Kunden, viele sprechen Arabisch. Bassal, der Deutschland-Extremfan, der Mann mit der einst größten Deutschlandfahne Berlins, hat gut zu tun. Als er kurz durchatmen kann, sagt er einen Satz, der womöglich nahelegt, dass das Wort Sommermärchen vielleicht nicht so schlecht gewählt war: „In Deutschland bleibst du Migrant. Egal wie lange du hier bist. Egal was du machst.“

Von Jan Sternberg

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