Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik US-Profiligen – Aufstand gegen Donald Trump
Nachrichten Politik US-Profiligen – Aufstand gegen Donald Trump
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:15 26.09.2017
Knien gegen Trump: Jerry Jones (blaues Hemd, M.) und seine Dallas Cowboys am 25. September in Glendale, Arizona vor dem Spiel gegen die Arizona Cardinals. Quelle: AP
Anzeige
Washington

Pastor Robert Jeffress, Mitglied von Trumps „evangelikalem Beraterstab“ und als rechtsreligiöser Einheizer bekannt, machte jetzt mit einem ganz besonders konstruierten Vergleich von sich reden. „Diese Spieler sollten Gott danken, dass sie in einem Land leben, in dem sie nicht nur jährlich Millionen von Dollar verdienen können, sondern in dem sie sich keine Sorgen zu machen brauchen, beim Knien während der Hymne einen Kopfschuss verpasst zu kriegen wie in Nordkorea.”

Das Niederknien, während die US-Hymne gespielt wird, ist ein stiller Protest vornehmlich afroamerikanischer NFL-Profis. Begonnen hatte alles mit dem vormaligen Spielmacher der San Francisco 49ers. Quarterback Colin Kapernick, ohnehin ein kritischer Geist, protestierte damals im August 2016 während eines Testspiels gegen die rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA. Er blieb während der Hymne, die in den Vereinigten Staaten vor jedem Liga-Match gespielt wird, einfach auf der Spielerbank sitzen, anstatt sich zu erheben und die Hand auf die linke Brust zu legen, wie es gute Sitte ist. „Ich werde nicht aufstehen und damit meinem Stolz auf unsere Flagge Ausdruck verleihen in einem Land, das Farbige und Schwarze unterdrückt“, sagte Kapernick damals. „Für mich ist das wichtiger als Football, und es wäre egoistisch, andere Prioritäten zu setzen, während Leichen auf den Straßen liegen – und die Typen (Polizisten) kriegen bezahlten Urlaub und bleiben als Mörder unbehelligt.“

Mit ihm begann der NFL-Protest: Der seinerzeitige Quarterback der San Francisco 49ers, Colin Kapernick (r.), 2016 mit seinem Teamkollegen Eric Reid. Quelle: AP

Anlass für Kapernicks Schritt war damals das vermehrte Auftauchen von Videos, die willkürliche Polizeigewalt gegen unbewaffnete Afroamerikaner dokumentierten. Nach und nach wurde die Maßnahme populär, die viele Amerikaner an den historischen Protest der Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko erinnerte. Bei der Siegerehrung reckten Goldmedaillen-Gewinner Smith und der drittplatzierte John Carlos ihre schwarz-behandschuhte Faust in den Himmel – der Gruß war das Zeichen der radikalen schwarzen „Black Panther“-Widerstands-Bewegung.

Urahnen des Sportler-Protests: Die 200-Meter-Läufer Tommie Smith (M.) und John Carlos (r.) bei der Siegerehrung der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko-Stadt. Quelle: AP

Kapernicks Beispiel machte Schule und wurde zu einem regelmäßigen Begleiter der NFL-Spiele – mehr oder minder goutiert von der eigentlich recht konservativen Liga. Und mehr oder minder unter dem politischen und öffentlichen Radar. Bis Donald Trump wieder einmal zur falschen Zeit die falschen Worte fand. Während eines Wahlkampf-Auftritts für seinen Senats-Kandidaten, den Rechtsaußen Roy Moore in Huntsville (Alabama), lederte Trump los: „Fändet ihr es nicht toll, wenn einer der NFL-Eigentümer jemandem, der unserer Flagge den Respekt verweigert, sagen würde, holt mir sofort diesen Hurensohn vom Feld. Er ist gefeuert – gefeuert’.“ Und der Präsident ergänzte: „Und diese Eigentümer wären die populärsten Leute im Land – sie wissen das bloß noch nicht.“

In Huntsville, Alabama, kam das gut an – im Rest des Landes nicht so sehr, wenn auch einige Zuschauer in den Stadien pfiffen, sobald Spieler bei der Hymne niederknieten. Auf völliges Unverständnis stießen die Trump-Äußerungen bei den mächtigen NFL-Teams und deren Eigentümern. Es ist eine Besonderheit des professionellen US-Sports, dass die teils milliardenschweren Teams bis auf ganz wenige Ausnahmen in Privatbesitz sind. Viele von den ebenfalls schwerreichen Eigentümern sind Trump politisch durchaus gewogen – seinen vulgären Eingriff in das Heiligste der amerikanischen Demokratie, die Meinungsfreiheit, die politisch wie verfassungsrechtlich sakrosankt ist – verziehen sie ihm allerdings nicht. Etliche Teams, und später auch Basketball- und Baseball-Kollegen von NBA und MLB, bliesen zum Protest für eben jenes „First Amendment“, den ersten Verfassungszusatz, der absolute Meinungs- und Religionsfreiheit garantiert.

Jerry Jones, knorriger Eigentümer der Dallas Cowboys, der mit Abstand wertvollsten Mannschaft der Welt – 4,8 Milliarden Dollar, erst auf Platz drei folgt ein Fußballteam, Manchester United mit 3,69 Milliarden Dollar –, kniete sich beim Auswärtsspiel seiner Cowboys in Arizona am Montag Abend gleich mit der gesamten Mannschaft hin. Anschließend standen sie auf und lauschten, alle Mann untergehakt, der Hymne. Und der absolute Superstar der Liga, der fünffache Super-Bowl-Gewinner Tom Brady, Quarterback der „New England Patriots“, nannte Trumps Äußerungen öffentlich „polarisierend“. Das ist insofern erstaunlich, als dass Brady sich seit Jahren öffentlich als „Freund“ Trumps bezeichnet – und der seinerseits gern die Gesellschaft des Mega-Sportlers sucht, etwa beim Golfen – auf dass etwas von dessen Glanz auf ihn abstrahle. Im Zweifelsfall zählen freie Rede und Teamgeist selbst bei den Multimillionären der US-Ligen mehr als politische Präferenzen.

Auch beim Aufeinandertreffen der Jacksonville Jaguars und der Baltimore Ravens am 24. September in London knieten Spieler während der Hymne nieder. Hier die Ravens-Spieler Mike Wallace (l.) und C.J. Mosley (r.). Quelle: dpa

Beim Aufeinandertreffen der Tennessee Titans und der Seattle Seahawks weigerten sich beide Teams gar, vor dem Ende der Nationalhymne das Spielfeld zu betreten. „Wir werden für die Ungerechtigkeit, die farbige Menschen in diesem Land erfahren, nicht stehen“, schrieben die Profis der Seahawks in einer Mitteilung. Man verbünde sich, „um gegen die vorzugehen, die uns unsere grundlegenden Freiheiten verbieten wollen“. Und Sean Payton, Cheftrainer der überaus beliebten New Orleans Saints, legte noch eine Schippe drauf: „Ich wünsche mir eigentlich, dass dieser Kerl einer der klügeren Menschen im Raum sei, aber anscheinend ist es so, dass jedes Mal, wenn er seinen Mund aufmacht, etwas herauskommt, was unser Land spaltet anstatt es zu einen.

Manche Spieler reagierten auch direkt auf Trumps wenig schmeichelhafte Charakterisierung als „Hurensöhne“. „Ich bin der Sohn einer Königin“, sagte Grady Jarrett von den Atlanta Falcons. Sein Kollege Dean Jackson von den Tampa Bay Buccaneers nannte Trumps Beschimpfung eine „eklatante Respektlosigkeit“. Solidarität gab es auch aus der NBA. Basketball-Legende Michael Jordan, jetzt Eigentümer der Charlotte Hornets, sagte: „Eines unserer grundlegenden Rechte, auf das dieses Land gegründet ist, ist die Meinungsfreiheit, und wir haben eine lange Tradition des gewaltfreien, friedlichen Protests. Diejenigen, die dieses Recht friedlich wahrnehmen, sollten weder verteufelt oder verdammt werden.“

NFL-Commissioner Roger Goodell, Herr über die wertvollste Liga der Welt, bei seiner Super-Bowl-Pressekonferenz 2017 in Houston. Quelle: Killy

Selbst NFL-Commissioner Roger Goodell, Parteimitglied der Republikaner, stellte sich gegen seinen Präsidenten. Er lobte die NFL-Spieler und sagte, Trumps Äußerungen „sind Ausdruck eines bedauerlichen Mangels an Respekt der NFL und unserem großartigen Sport gegenüber – zudem sind sie Ausdruck einer grotesken Ignoranz der überwältigend positiven Rolle gegenüber, die unsere Clubs und Sportler in der Gesellschaft spielen.“ Auch LeBron James, Topstar der Cleveland Cavaliers, sprang den NFL-Kollegen bei. Nachdem er sich schon kurz nach Trumps Ausfällen geäußert hatte, legte er noch einmal nach. Er lobte die Einheit der NFL-Spieler: „Sie regieren dieses Land.“ Und der 32-Jährige ergänzte: „Ich werde niemandem, egal, wie mächtig er auch sein möge, jemals gestatten, Sport als Plattform zu nutzen, dieses Land zu spalten. Es ist großartig, was Sport ausrichten kann. Egal, welche Figur oder Größe, welches Gewicht, welche Herkunft, Religion oder sonst noch Menschen haben – sie entdecken ihre Teams, Spieler und Clubfarben für sich. Der Sport eint Menschen wie nichts anderes auf der Welt.“

Es scheint, als habe Trump die Farben des „Team America“ vollends aus dem Blick verloren. Vielleicht sollte er mehr auf die Idole seiner Landsleute hören als auf sektiererische Berater wie Pastor Jeffress.

Von RND/Daniel Killy

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die stellvertretende Parteivorsitzende aus Mecklenburg-Vorpommern über den Schock nach der Wahl, die Lehren aus der Niederlage und darüber, was sich in der SPD jetzt ändern muss. Sechs Fragen – sechs Antworten.

26.09.2017
Politik Speaker` Corner - Allianz aus Jung und Alt

Der Erfolg der AfD ist nicht überraschend, meint Lea Streisand, Schriftstellerin und gebürtige Ost-Berlinerin.

26.09.2017

Die Skepsis gegen ein Drei-Parteien-Bündnis im Bundestag mag berechtigt sein. Aber es gibt keinen Grund es nicht zu versuchen. Eine Jamaika-Koalition könnte besser sein als ihr Ruf, kommentiert Gordon Repinksi.

26.09.2017
Anzeige