Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik „Tripras hat uns unser Geld gestohlen!“
Nachrichten Politik „Tripras hat uns unser Geld gestohlen!“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:38 16.06.2017
„Wir sind die Verlierer, wie immer“: Rentner demonstrieren gegen Rentenkürzungen in Athen. Quelle: Eurokinissi/ZUMA
Anzeige
Athen

Während der griechische Finanzminister Euklid Tsakalotos am Donnerstag in Luxemburg vor dem entscheidenden Treffen der Eurogruppe Kompromissformeln im Schuldenstreit sondierte, versammelten sich mehrere tausend Menschen auf dem Syntagmaplatz in Athen. Rentnerinnen und Rentner, aber auch viele Arbeitslose füllten den Platz vor dem Parlamentsgebäude.

Vasiliki Papadopoulou und Agni Georgopoulou sind an diesem Vormittag mit dem Überlandbus aus dem 160 Kilometer entfernten Tripoli auf der Halbinsel Peleponnes nach Athen gekommen. Die beiden Rentnerinnen halten ein selbstgemaltes Plakat in die Höhe: „Hände weg von unseren Renten“ steht in großen, roten Buchstaben auf dem Banner. Noch hat die Sitzung der Euro-Finanzminister gar nicht begonnen, aber Vasiliki Papadopoulou meint zu wissen, was dabei herauskommen wird: „Wir sind die Verlierer, wie immer“, sagt die 72-Jährige. Vor sieben Jahren ging die Gymnasiallehrerin in Pension. Knapp 1400 Euro Rente bekam sie damals. „Fünf Mal hat man mir die Bezüge seither gekürzt“, klagt die Frau, „heute bekomme ich 960 Euro.“ Nach Abzug der Steuern und der Ausgaben für Miete, Strom und Telefon bleiben der ehemaligen Lehrerin gerade mal 450 Euro im Monat. „Wie soll ich damit in Würde alt werden?“, fragt Papadopoulou.

Gedeckelte Renten bleiben bis 2022 eingefroren

Ihre 73-jährige Freundin Agni, bekam anfangs 2100 Euro Rente, als sie 2008 ihre Arbeit als Bankangestellte beendete. Nach mehreren Sparrunden hat sich ihr Ruhegeld auf 1080 Euro fast halbiert. Die Zusatzrente, für die sie 35 Jahre lang freiwillig Beiträge eingezahlt hat, sei sogar von 380 auf 130 Euro gekürzt worden, berichtet die Rentnerin. Ihr Fazit: „Sie haben unser Geld gestohlen!“ Sie, damit meint die Frau die Regierung von Alexis Tsipras. Vor seiner Wahl hatte der Linkspopulist hoch und heilig geschworen, es werde mit ihm „keine weiteren Rentenkürzungen“ geben.

Griechenland bekommt Hilfszahlung von 8,5 Milliarden Euro

Die Euro-Finanzminister haben am Donnerstagabend die Freigabe der monatelang verzögerten Hilfszahlungen für Griechenland beschlossen. Die Regierung in Athen bekommt mit dieser Einigung die nächste Tranche aus dem Hilfspaket in Höhe von 8,5 Milliarden Euro, wie Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem am Ende des Treffens in Luxemburg sagte. Damit kann die Regierung Schulden im Umfang von rund sieben Milliarden Euro bedienen, die im Juli fällig werden. Außerdem habe sich der Internationale Währungsfonds bereit erklärt, Griechenland bei Bedarf finanziell mehr zu unterstützen. Der IWF war an den ersten zwei Hilfspaketen für Griechenland beteiligt, bisher aber nicht am dritten.

Dijsselbloem sagte weiter, dass Griechenland seine Schulden teilweise erst bis zu 15 Jahre später zurückzahlen könne und dass bei der Rückzahlung auch die Wachstumsrate in Griechenland in Betracht gezogen werden könne.

Die griechische Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras hatte für die Freigabe der Hilfsmilliarden eine Reihe von Sparmaßnahmen umgesetzt, darunter auch weitere Rentenkürzungen. Tsipras hatte aber wiederholt erklärt, dass auch Schuldenerleichterungen nötig seien, um die griechische Wirtschaft wieder flottzubekommen.

Jetzt kommen auf Millionen griechische Rentner neue Opfer zu. Um den Weg zu einer Einigung mit den Geldgebern zu ebnen, hatte Tsipras vor einer Woche im Eilverfahren binnen weniger Stunden ein weiteres Sparpaket durchs Parlament gepeitscht. Danach bleiben die bereits bis 2021 gedeckelten Renten nun auch 2022 eingefroren. Geschätzte Einsparung: 250 Millionen Euro. Bereits drei Wochen zuvor hatte das Parlament umfangreiche Rentenkürzungen beschlossen, die ab Januar 2019 greifen sollen. Bisher ging man davon aus, dass sich dadurch die Bezüge der Pensionäre um bis zu 18 Prozent reduzieren. Jetzt schockierte Wirtschaftsminister Dimitris Papadimitriou seine Landsleute in einem Interview mit der Ankündigung, dass die Renten sogar um 25 Prozent gekürzt werden.

Keine Grundsicherung – viele Griechen leben von den Renten der Eltern

Dabei leben schon jetzt viele alte Menschen an der Armutsgrenze. Von den knapp 2,9 Millionen griechischen Rentnern beziehen drei Viertel weniger als 1000 Euro im Monat. 1,2 Millionen müssen mit Netto-Bezügen von weniger als 500 Euro monatlich auskommen. Der Interessenverband „Netzwerk Vereinigte Rentner“ hat seit Beginn des Sparkurses im Frühjahr 2010 bereits 22 Rentenkürzungen und Beitragserhöhungen dokumentiert. Mit den jetzt beschlossenen Maßnahmen sind es 23. Neben den beschnittenen Bezügen zehren auch höhere Verbrauchs- und Einkommensteuern an der Kaufkraft der Rentner.

„Uns bleibt immer weniger zum Leben“, klagt einer der Demonstranten auf dem Syntagmaplatz. Mit seiner Rente von 845 Euro muss der 66-Jährige nicht nur den eigenen Lebensunterhalt bestreiten sondern auch Sohn und Schwiegertochter durchbringen, die seit drei Jahren arbeitslos sind. Arbeitslosengeld wird in Griechenland maximal ein Jahr gezahlt, eine Grundsicherung wie Hartz IV gibt es nicht. Viele Langzeitarbeitslose leben deshalb von den Renten ihrer Eltern.

Bessere Zeiten sind für die griechischen Rentner nicht in Sicht, im Gegenteil. Trotz der tiefen Einschnitte bei den Bezügen und der Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre wird das griechische Rentensystem auf absehbare Zukunft defizitär bleiben. Das hat vor allem zwei Gründe. Der eine ist die extrem hohe Arbeitslosenquote von derzeit knapp 23 Prozent. Unter den 15- bis 24-Jährigen sind sogar fast 47 Prozent der Arbeitsuchenden ohne Job. Die knapp 1,1 Millionen Arbeitslosen fallen als Beitragszahler aus. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds wird die Arbeitslosenquote frühestens in 21 Jahren wieder das Vorkrisenniveau von rund acht Prozent erreichen.

Die Schuldenkrise beschleunigt die Überalterung

Der zweite Grund der Misere ist die extrem ungünstige Bevölkerungsentwicklung. Nach einer Studie der Alpha Bank kommen aktuell in Griechenland auf zehn Menschen im erwerbsfähigen Alter drei Bürger im Alter von über 65. Im Jahr 2060 werden es bereits sechs sein. Der Altenquotient, der das Verhältnis älterer, nicht mehr erwerbstätiger Menschen zur Anzahl der erwerbsfähigen Einwohner wiedergibt, liegt bereits jetzt in Griechenland mit 30 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt von 24 Prozent. Die Schuldenkrise bremst das Bevölkerungswachstum zusätzlich, weil sich immer weniger Familien Kinder leisten können oder wollen. Die Geburtenrate ging während der Krise um zehn Prozent zurück. Das beschleunigt die Überalterung der Gesellschaft. Der Anteil der über 65-Jährigen wird von jetzt 21 Prozent der Bevölkerung bis 2050 auf knapp 34 Prozent steigen – verglichen mit projizierten 26 Prozent im EU-Durchschnitt.

Dieses Zukunftsszenario wird Vasiliki Papadopoulou zwar nicht mehr erleben. Aber für sie ist die Gegenwart schon schwer genug. Sie hat ausgerechnet, dass mit der nächsten Sparrunde ab 2019 ihre Rente 960 auf 870 Euro fallen wird. „So hatte ich mir mein Alter nicht vorgestellt“, sagt die pensionierte Lehrerin verbittert.

Von Gerd Höhler

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Politik Deutscher Gewerkschaftsbund - Gewalt gegen Staatsdiener nimmt zu

Gewalt gegen Jobcenter-Mitarbeiter, Polizisten oder Lehrkräfte: Übergriffe gegen Staatsdiener nehmen in Deutschland laut den Gewerkschaften zu. Die Politik verspricht Abhilfe zu leisten. Doch was lässt sich gegen die Gewalt tun?

16.06.2017

Rückschlag für Verteidigungsministerin von der Leyen: Die Bundeswehr darf nun doch noch nicht israelische Drohnen vom Typ Heron TP anmieten. Die Grünen sehen die Schuld bei der Ministerin.

16.06.2017

„Das darf nicht sein.“ Mit drastischen Worten hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die geplanten US-Sanktionen gegen Russland kritisiert. Die Maßnahmen, die auch die europäische Wirtschaft treffen würden, stehen den deutschen Interessen entgegen.

16.06.2017
Anzeige