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Politik Tausende Frauen sind Opfer von Genitalverstümmelungen
Nachrichten Politik Tausende Frauen sind Opfer von Genitalverstümmelungen
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17:16 06.02.2017
Eine Betroffene in einem Berliner Krankenhaus: Die Frau aus Somalia kämpft mit schweren Folgen von Genitalverstümmelung, die sie als kleines Kind erlitten hat. Quelle: dpa
Berlin

Die Mythen, mit denen die Verstümmelung der weiblichen Sexualorgane gerechtfertigt werden, sind zahlreich. Die Frauen, so heißt es, seien dann „reiner“ und „schöner“. Dabei geht es vor allem darum, ihren Sexualtrieb zu beschneiden und ihnen das Lustempfinden zu rauben. Damit sie keinen anderen Mann anschauen, als denjenigen, den die Familie für sie ausgewählt hat. Damit es für sie keine guten oder schlechten Liebhaber geben kann.

In Deutschland leben schätzungsweise etwa 47.300 Opfer weiblicher Genitalverstümmelung. Das geht aus der ersten Studie zur nationalen Verbreitung dieses Phänomens hervor, die das Bundesfamilienministerium am Montag vorgestellt hat. Verbreitet ist diese Praxis unter anderem in Ägypten, Eritrea, Somalia, Äthiopien, Mali und dem Irak. Dabei wird die Klitoris ganz oder teilweise amputiert. In einigen Ländern werden auch die Schamlippen abgetrennt.

Zahl der Betroffenen um 30 Prozent gestiegen

Der Studie zufolge stieg die Zahl der betroffenen Frauen und Mädchen durch die Zuwanderung aus Staaten, wo diese grausame Tradition praktiziert wird, von Ende 2014 bis Mitte 2016 um knapp 30 Prozent. „Die weibliche Genitalverstümmelung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung. Sie verursacht unfassbare körperliche Qualen und seelisches Leid“, erklärte der Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Ralf Kleindiek.

Genitalverstümmelung: Betroffene berichten

Wenn betroffene Frauen zu Cornelia Strunz in die Sprechstunde kommen, klagen sie oft über Schmerzen beim Wasserlassen. Einige von ihnen sind von der Beschneiderin so zugenäht, dass Geschlechtsverkehr kaum möglich ist, andere fürchten sich vor der Entbindung. „Manche Frauen möchten operiert werden, damit sie Kinder bekommen können, andere wollen einfach ihre Weiblichkeit zurückhaben“, sagt die Ärztin. Im Berliner Krankenhaus Waldfriede berät die Generalsekretärin der Desert Flower Foundation Deutschland Opfer weiblicher Genitalverstümmelung. Ein Mal pro Monat treffen sich im Krankenhaus Frauen in einer Selbsthilfegruppe.

Oberärztin Strunz hat viele Patientinnen aus Somalia. In dem ostafrikanischen Land wird vor allem die sogenannte Typ-Drei-Verstümmelung praktiziert, bei der nur noch eine winzige Öffnung bleibt. Sie sagt: „Die Frauen haben keine Sexualerziehung gehabt.“ Deshalb wüssten sie oft gar nicht so genau, wie der Körper einer nicht verstümmelten erwachsenen Frau aussieht.

Weibliche Genitalverstümmelung, also die Amputation von Klitoris und/oder Schamlippen, gilt in Deutschland seit 2013 als gefährliche Körperverletzung. In der Regel wissen Zuwanderer aus Somalia, Ägypten und anderen Staaten, in denen diese brutale Tradition immer noch verbreitet ist, dass die „Mädchenbeschneidung“ hierzulande verboten ist. Was viele aber nicht wissen, ist, dass jemand, der in Deutschland lebt, seine Tochter auch nicht im Ausland verstümmeln lassen darf. „Sehr viele meinen, dass es, wenn sie es in ihrem Herkunftsland tun, nicht verboten ist“, sagte Kleindiek.

Laut Studie sind hierzulande zwischen 1558 und 5684 Töchter von Migranten von Genitalverstümmelung bedroht. Nach deutschem Recht ist diese Tortur auch dann strafbar, wenn sie im Ausland vorgenommen wird. Um zu verhindern, dass Eltern ihre Töchter im Heimatland einer „Ferienbeschneidung“ unterziehen, hatte die Bundesregierung im Dezember 2016 eine Änderung des Passgesetzes beschlossen. Künftig kann Menschen, die für eine Genitalverstümmelung mit einem Mädchen oder einer Frau ins Ausland reisen wollen, der Pass entzogen werden.

Das unternimmt die Bundesregierung

Die Bundesregierung setzt auf den Dreiklang „Aufklärung, Prävention und Strafverfolgung“. Ärzte und andere Fachkräfte, die beruflich mit Migranten zu tun haben, sollen Informationen erhalten. Frauen, deren Familien selbst aus Ländern stammen, in denen die weibliche Genitalverstümmelung praktiziert wird, sollen in den Exilgemeinden über die körperlichen und seelischen Schäden sprechen.

Einfach ist das nicht. Genitalverstümmelung sei „ein absolutes Tabu-Thema“, sagt Tiranko Diallo, vom Verein Mama Afrika. Ihre Eltern stammen aus Guinea, wo etwa 97 Prozent der Frauen „beschnitten“ sind.

Von dpa/RND