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Nachrichten Politik Künstlerin spricht gegen die neue Sprachlosigkeit an
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10:28 03.10.2018
„Wer schickt Sie?“ Künstlerin Kathrin Ollroge in ihrem mobilen Wohnzimmer. Quelle: Foto: Privat
Berlin

Ihr alter postgelber VW-Bus fällt auf. Mit dem 30 Jahre alten Gefährt reist Kathrin Ollroge durch Ostdeutschland. Wenn sie ankommt, in Tribsees, Klötze oder Radebeul, holt sie die Requisiten aus dem Bus: eine Holzkonstruktion, die einen offenen, zugleich aber geschützten Raum ergibt. Darin Sessel, ein Tisch, Kunstrasen, Kaffee und Kuchen. Es soll ein „Raum für Gedanken“ sein, den Ollroge auf den Marktplätzen und in den Wohngebieter in Ostdeutschland aufbaut. Die Potsdamer Künstlerin und Fotografin ist eine Handlungsreisende gegen die Sprachlosigkeit. Sie will mit den Menschen reden. Und zuhören.

Wer bei ihr Platz nimmt, bekommt Zeit zum Erzählen. Kathrin Ollroge schreibt mit, fragt nach, aber sie wertet und diskutiert nicht. So öffnen sich oft auch die Skeptischen. Acht, zehn oder mehr Gespräche führt sie pro Tag und kennt inzwischen die Sorgen von heute und noch besser die unbewältigten Fragen des Gestern. Die ganz Alten berichten, was sie als Kinder bei Kriegsende sehen mussten. Die etwas Jüngeren sprechen von den Gesundheitsgefahren im DDR-Chemiedreieck, oft von den Brüchen in ihren Lebensläufen nach der Wende oder den unwillkommenen Einwanderern Wolf und Biber. Die ganz Jungen sprechen manchmal davon, dass sie wegziehen wollen, irgendwohin, wo richtig was los ist. Öfter aber erzählen sie von der Jugendfeuerwehr und den Baumhäusern im Wald.

Kathrin Ollroge hat ihre Gesprächspartner porträtiert – allerdings bewusst ohne ihre Namen zu notieren. Quelle: ollroge

Seit vier Jahren ist Ollroge unterwegs, alle fünf Ost-Bundesländer hat die 48-Jährige mit ihrem Bus bereist, viele Hundert Gespräche geführt. Nächstes Jahr will sie auch die alten Länder bereisen, bisher fehlte die Zeit, schließlich ist sie mehr oder weniger solo unterwegs. Für ihr Projekt und ihr Engagement erhält die Potsdamerin am Dienstag im Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz.

Der Zeitpunkt am Tag vor den Einheitsfeiern in Berlin könnte passender nicht sein: 28 Jahre nach der Vereinigung beider deutscher Staaten ist das Land gespalten wie lange nicht. Nicht nur in Ost und West. Auch in Ängstliche und Veränderungswillige, in Nationalisten und Weltoffene, in jene, die den Institutionen grundsätzlich trauen, und jene, die dem politischen System mindestens skeptisch gegenüberstehen. Einer am Montag vorgestellten Studie des Wissenschaftszentrums Berlin zufolge ist knapp jeder dritte Wahlberechtigte (30,4 Prozent) in Deutschland populistisch eingestellt. Das sind 4 Prozent mehr als im Vorjahr. Als Populismus definieren die Forscher „Anti-Establishment“, „Pro-Volkssouveränität“ und „Anti-Pluralismus“. Es sind beunruhigende Befunde.

Wo findet sich also noch eine gemeinsame Ebene, wo die Bereitschaft, miteinander zu sprechen? Die vergangenen Wochen haben gezeigt, wie unversöhnlich sich die Pole in der Gesellschaft plötzlich gegenüberstehen können. Nach den Todesfällen von Daniel Hillig in Chemnitz und Markus B. in Köthen eskalierte die Lage in diesen Städten. Unter Trauernde mischten sich Hooligans und Neonazis. Es entstand eine Gemengelage aus Gewalt, Wut und Sprachlosigkeit. AfD-Chef Gauland vergleicht die aktuelle politische Situation nicht ohne Kalkül mit den letzten Monaten der DDR und raunt von einer weiteren „friedlichen Revolution“. Er gibt der Kanzlerin und ihrer Flüchtlingspolitik seit 2015 die Schuld für eine „radikale Auseinandersetzung in der Gesellschaft“.

Kathrin Ollroge hat ihre Gesprächspartner porträtiert. Quelle: ollroge

Wer in diesen Tagen über den Osten redet, spricht über Trotz, Abgrenzung und die Rückkehr der Angst der Neunzigerjahre. Dabei geht es eigentlich um das ganze Land. „Die Ostdeutschen als Avantgarde“ nannte der Berliner Soziologe Wolfgang Engler schon vor 16 Jahren einen Bestseller zum Thema. Und auch heute bekräftigt Engler: „Im Osten kann man wie im Brennglas beispielhafte Prozesse beobachten. Wir haben es mit einer Anfälligkeit der Gesellschaft als solcher zu tun. Das betrifft auch den Westen.“ Vergangene Woche trat der sächsische Vize-Ministerpräsident Martin Dulig (SPD) ans Rednerpult und verteidigte seinen Vorschlag einer „Wahrheitskommission“, um die Nachwendezeit aufzuarbeiten. Der Name stammt aus dem Südafrika nach der Apartheid und hat viel Kritik auf sich gezogen.

Wie man die Runde nenne, sei ihm inzwischen nicht mehr wichtig, sagt Dulig. Aber die Probleme müssten benannt werden: „Man spricht über herausgeputzte Städte, über neue Straßen. Man spricht aber nie über Mentalitäten. Es gibt viele Ostdeutsche, die sich unfair behandelt fühlen. Sie fühlen sich unbeheimatet in dieser Republik. Der Grund dafür liegt in der jüngeren Vergangenheit. Die Nachwendezeit, sie ist vorbei, ihre Aufarbeitung aber beginnt erst jetzt.“ Dulig spricht von der ostdeutschen Vergangenheit, Soziologe Engler auch von der gesamtdeutschen Zukunft, von der „Lage der Mitte, die ihrer selbst zunehmend unsicher wird“.

Das Mittel gegen Unsicherheit sei zuhören, sagen Politiker aller Couleur. Dulig zieht schon seit Jahren mit seinem Küchentisch durch die Lande, sein Koalitionspartner, Ministerpräsident Michael Kretschmer von der CDU, lädt pausenlos zu „Sachsengesprächen“. Beide haben eine Routine im Umgang mit Wutbürgern entwickelt. Aber Gespräche auf Augenhöhe und ohne Voraussetzungen können sie nicht bieten. Sie bleiben Politiker im Wahlkampfmodus.

„Das ist mein Projekt, ich bin Künstlerin“: Kathrin Ollroges Porträt eines Gesprächspartners in Ostdeutschland. Quelle: gescannt bei Digitalcopy24gescannt bei Digitalcopy24

Kathrin Ollroge dagegen bittet einfach in ihr provisorisches Wohnzimmer. „Wer schickt Sie?“, fragen die Leute oft. „Das ist mein Projekt, ich bin Künstlerin“, antwortet sie dann. Das überrascht meist – und schafft bei vielen Vertrauen. Keine Politikerin, keine Journalistin, niemand mit einer Agenda. Nur jemand zum Reden. Über die baufälligen Häuser in der Altstadt, die jedes Jahr mehr verfallen und von denen der Bürgermeister sagt, er könne nichts machen, die Besitzer aus dem Westen kümmerten sich nicht. Über die leer stehenden Läden, an denen noch der Name „Schlecker“ prangt, sechs Jahre nach der Pleite der Drogeriekette, weil sechs Jahre lang niemand kam, der auf die Mietforderungen der Westberliner Besitzer einging. Der Westen, er fällt im Osten auch durch seine Abwesenheit auf.

Begonnen hat Kathrin Ollroge im Herbst 2014. Bereits ein Jahr vor der sogenannten Flüchtlingskrise hat sie die Menschen nach ihrer Meinung zu Asyl und neuen Nachbarn befragt. Erst in Potsdam, doch in Potsdam fehlen die Meinungen der Kleinstädter, der Dortgebliebenen, um die herum alle weggezogen sind. Also machte sie sich auf. Ihr Vater machte den Bus flott, ihr Bruder baute den transportablen Raum. Drei Jahre lang fragte sie nach dem Umgang mit den Fremden, dann auch über alles andere – das Leben auf den Dörfern, das Früher und Heute. Die Menschen hätten ein großes Bedürfnis, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, hat sie festgestellt. „So vieles ist noch unaufgearbeitet: die Wendegeschichten, die Nachwendezeit, die Arbeitsbiografien.“ All die Veränderungen eben in Landstrichen, die mehr und mehr veränderungsmüde geworden ist. Die Ankunft der Flüchtlinge war dann vielerorts nur die nächste unwillkommene Veränderung, und die nächste steht kurz bevor: Auch die Ängste vor der umfassenden Digitalisierung spielen schon eine Rolle in Ollroges Protokollen.

„Von alleine kam niemand“: Kathrin Ollroges Porträt dreier Gesprächspartner. Quelle: ollroge

Jedes Jahr besucht sie ein anderes Bundesland, inzwischen gefördert vom Bundesprogramm „Demokratie leben“. Und wer ihre Protokolle aufmerksam liest, merkt auch, dass es „den Osten“ eigentlich gar nicht gibt, so unterschiedlich reden die Menschen in Stralsund und Buckow, in Gardelegen, im Unstrut-Hainich-Kreis und in Radebeul. „In Mecklenburg-Vorpommern musste ich die Menschen ansprechen und in den Raum holen, von alleine kam niemand“, berichtet Ollroge. In Sachsen aber war die Stimmung an einigen Orten so aufgeheizt, dass auch sie angefeindet wurde: „Was soll das hier? Suchen Sie sich einen ordentlichen Beruf! Wir wollen Sie hier nicht haben!“

Sie notiert das alles und ist erschöpft nach solchen Tagen. All die Vergangenheit, all die Brüche, all die Emotionen, an denen sie teilhat. Dann schreibt sie alles auf, für sich und für wen auch immer es interessiert. Sie hat einen Archivraum angemietet, um all die Transkripte zu lagern und die Broschüren, die daraus entstanden sind. Ihre Fotos gehören natürlich dazu, Porträts von glücklichen oder trotzigen Menschen zwischen grünen Hügeln oder Plattenbauten. Niemand von denen sieht aus, als ob er leicht aufgibt, und darin sind sie der Fotografin ähnlich. Sie hofft jetzt, wenn sie aus Schloss Bellevue zurückkehrt, auf Interesse an all den Gesprächen. All den unaufgearbeiteten Beziehungsgeschichten zwischen Ost und West, zwischen damals und heute und morgen.

Von Jan Sternberg/RND

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