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Politik „System wird komplett über den Haufen geworfen“
Nachrichten Politik „System wird komplett über den Haufen geworfen“
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10:21 19.12.2017
Medizinstudenten an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: „Erhebliche Ungleichbehandlung.“ Quelle: dpa
Karlsruhe

Dass er von der jetzigen Regelung wenig hält, daran ließ der Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts schon bei der Anhörung im Oktober keinen Zweifel: „Irgendwann kommen nur noch die Graubärte rein“, kritisierte Ferdinand Kirchhof in Anspielung auf die 15 Semester, die Bewerber derzeit auf einen Studienplatz in Medizin warten müssen. Es sind Anmerkungen wie diese, die Fachleute erwarten lassen, dass Deutschlands oberstes Gericht heute Vormittag um 10 Uhr erhebliche Reformen bei der Zulassung zum Medizinstudium anmahnen wird. „Das System wird komplett über den Haufen geworfen“, prophezeit Dirk Naumann zu Grünberg, Anwalt und Experte für Hochschulrecht.

Das Bundesverfassungsgericht wird heute Antworten auf sehr grundlegende Fragen finden müssen: Wer darf künftig Medizin studieren? Wie wichtig ist die Abiturnote, um zu beurteilen, wer mal ein guter Arzt wird? Und wie lässt sich verhindern, dass Bewerber aus Bundesländern, in denen Abi-Traumnoten sehr viel seltener sind als anderswo, gegenüber ihren Konkurrenten benachteiligt werden?

60.000 Bewerber auf 10.000 Plätze

Die Missstände des gegenwärtigen Systems sind jedenfalls offenkundig. Auf die rund 10.000 Studienplätze in Deutschland kommen pro Jahr rund 60.000 Bewerber. 20 Prozent der Studienplätze werden über die Wartezeit vergeben, 20 Prozent über die Abiturnoten. Über die restlichen 60 Prozent entscheiden die Hochschulen selbst, wobei auch hier zumeist das Abitur die zentrale Rolle spielt. Allerdings werden die Abinoten in Deutschland äußerst unterschiedlich streng verteilt. In Niedersachsen zum Beispiel gehört man mit einem 2,0-Abi zu den 7 besten Prozent eines Jahrgangs. In Thüringen dagegen machen die besten 7 Prozent ein Abi von 1,5 oder besser. „Hier besteht eine erhebliche Ungleichbehandlung“, erklärt Naumann zu Grünberg.

Wartzeit länger als die Studienzeit

Auch zur Wartezeitregelung haben die Richter des Bundesverfassungsgerichts kritische Fragen gestellt. Derzeit bekommen Bewerber erst nach rund 15 Semestern einen der begehrten Studienplätze – die Wartezeit ist also länger als die Regelstudienzeit. Bei den hochschuleigenen Vergabeverfahren berücksichtigen die Fakultäten auch, ob die Bewerber zum Beispiel ein FSJ-Jahr oder eine Krankenpflegeausbildung absolviert oder mal erfolgreich an der Mathe-Olympiade teilgenommen haben. Für alles gibt es einen Bonus auf die Abinote. „Es ist jedoch kaum möglich, durch die einzelnen Kriterienkataloge vollständig durchzusteigen“, bemängelt Naumann zu Grünberg.

Die Bundesverfassungsrichter werden prüfen, ob all dies noch mit der im Grundgesetz garantierten Berufswahlfreiheit vereinbar ist. Die Klagen, über die sie heute entscheiden, hatte das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen nach Karlsruhe weitergereicht. „Spannend wird heute vor allem, wie viel Zeit das Bundesverfassungsgericht der Politik für Reformen lässt“, sagt Hochschulrechtsexperte Naumannn zu Grünberg – ob es also bereits im nächsten Jahr ein neues Verfahren geben muss oder erst später. Dass es jedoch Änderungen geben wird, hält er bereits für sicher.

Von Thorsten Fuchs/RND

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