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14:00 11.11.2017
Wie sicher fühlen Sie sich? Quelle: RND-Grafik
Hannover

Frau S. aus B. wollte gerade ihr Fahrrad neben der Haustür anschließen. Es war schon dunkel. Plötzlich standen zwei Männer vor ihr, einer mit einer Pistole. „Geld!“, krächzte er. Frau B. hob die Hände. Ihr Portemonnaie lag oben in der Wohnung. „Ich habe nichts“, sagte sie.

Und dann – lachte sie. Sie weiß nicht, warum. Vielleicht aus Unsicherheit, vielleicht, um die Anspannung, die in ihr steckte, loszuwerden. Das Ergebnis war verblüffend: Die Männer drehten sich um und verschwanden. Möglicherweise war die Pistole nicht echt, und sie fühlten sich durchschaut. Möglicherweise merkten sie durch das Lachen, wie erbärmlich sie waren, zwei erwachsene Männer, die eine alte Dame bedrohten. Vielleicht dachten sie auch: Wer lacht, hat gar keine Angst vor uns.

YouGov Quelle: RND-Grafik

Frau S. aus B. hatte durchaus Angst. Und in der Folgezeit achtete sie noch genauer als früher darauf, dass sie alles gründlich absperrte, Wohnungstür und Zusatzschloss. Sie hatte das auch schon früher gemacht, sogar, als ihr Mann noch lebte. Nun tat sie es erst recht. Die Kripo riet ihr zudem, nicht mehr rauszugehen, wenn es dunkel ist.

Wo auch immer derzeit das Sicherheitsgefühl der Deutschen abgefragt wird – überall herrscht Angst. Fast jeder Dritte fürchtet sich davor, Opfer einer Straftat oder von Gewaltkriminalität zu werden. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen YouGov-Umfrage für das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) in Zusammenarbeit mit der Versicherungsgesellschaft HDI. Die Mehrheit der Befragten hält das aktuelle Jahrzehnt für das Unsicherste seit den 1950er-Jahren. Jeder Dritte der Befragten schätzt die Wahrscheinlichkeit, direktes Opfer eines Terroranschlags zu werden, höher als 40 Prozent ein. 75 Prozent sind nicht der Meinung, die Kriminalität in Deutschland werde weiter abnehmen. Firmen, die Überwachungskameras verkaufen, vermelden Zuwächse. Sicherheitsdienste erfreuen sich wahrer Umsatzrekorde.

Aber warum bloß?

YouGov Quelle: RND-Grafik

Die Zahl der Straftaten insgesamt ist in Deutschland seit zehn Jahren weitgehend unverändert. Teilweise sind die Raten sogar gesunken. Das Bundeskriminalamt verzeichnete für das Jahr 2002 weit über drei Millionen Fälle von Diebstahl, 2016 waren es knapp 2,4 Millionen. 1,8 Millionen Fälle von Straßenkriminalität wurden im Jahr 2002 registriert, 2016 nur noch 1,3 Millionen. Sogar die Zahl der Wohnungseinbrüche ist 2016 nach vielen Jahren des Anstiegs bundesweit um 10 Prozent zurückgegangen – lediglich in Sachsen und Sachsen-Anhalt ist die Trendwende noch nicht geschafft. Und die Chance, hierzulande Opfer eines Terroranschlags zu werden, ist um ein Vielfaches geringer als die, vom Auto überfahren zu werden.

Wieso haben wir Angst vor einer Bedrohung, selbst wenn sie in vielen Bereichen geringer wird?

Weil Angst ein Gefühl ist. Und Gefühle kümmern sich nur in eingeschränktem Maße um Statistiken.

YouGov Quelle: RND-Grafik

Es reicht, dass wir den Eindruck haben, bedroht zu sein. Das ist von der Natur so vorgesehen und nicht unklug: Lieber einmal zu viel vor einem schwarzen Schatten weglaufen, der sich dann doch nicht als Bär entpuppt, als einmal zu wenig.

Es geht nicht um rationale Erklärungen. Nach den massenweisen sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2015/2016 durch junge nordafrikanische Männer am Kölner Dom stieg in der Stadt die Zahl der Anträge auf einen sogenannten kleinen Waffenschein, der zum Tragen von Schreckschusspistolen berechtigt, in wenigen Wochen auf 1200. Das war dreimal so viel wie im ganzen Jahr davor – obwohl zu dem Zeitpunkt längst alles vorbei und die Domplatte einer der bestbewachten Orte Deutschlands war. Aber das Gefühl, dass etwas passieren kann, das zuvor so nicht vorstellbar war, war nicht vorbei.

YouGov Quelle: RND-Grafik

Sicherheit ist subjektiv. Beispielsweise haben junge Männer viel weniger Angst davor, Opfer einer Straftat zu werden, als Frauen und ältere Menschen. Dabei trifft es sie nachweisbar häufiger. Stadtbewohner haben mehr Angst vor Einbrüchen als die Landbevölkerung. In Vierteln, in denen Müll herumliegt, wo die Wände vollgesprüht sind, steigen die Ängste vor Kriminalität.

Soziologen wissen bereits länger, dass die Furcht vor Verbrechen und die Verbrechensrate nicht immer in einem logischen Zusammenhang stehen. Eine viel stärkere Rolle als die echten Kriminellen spielen unterschwellige Existenzängste.

YouGov Quelle: RND-Grafik

Solche Furcht vor einer unkalkulierbaren Zukunft hat beispielsweise bei manchen Menschen die Flüchtlingskrise ausgelöst: Wenn Millionen zu uns kommen – was wird aus mir? Was ist mit meiner Arbeit, meiner Wohnung, meinem Lebensstandard? Wenn ich Sozialhilfe brauche, ist noch was übrig? Ich soll deren Religion respektieren, aber respektieren die auch meine?

Die Verantwortlichen haben darauf sachlich reagiert. Mit Zahlen, Programmen und Appellen. Das war ja nicht falsch. Aber es war nicht ausreichend. Die Menschen, die Angst hatten, bekamen Gegenargumente anstelle von Verständnis. Schlimmstenfalls wurden sie zu Rassisten erklärt. Das Ergebnis ist an den Wahlen abzulesen.

YouGov Quelle: RND-Grafik

Forscher der Universität Edinburgh sind in eine englische Kleinstadt gefahren und haben dort nach Kriminalitätsängsten gefragt. Bei den Antworten ging es dann aber nicht um Diebe oder Mörder. Sondern um neue Anforderungen im Job, um Furcht vor sozialem Abstieg, um den Verfall von Sitte und Moral. Die Angst im Privaten ist mit der Unsicherheit im Wirtschaftlichen und im Politischen verbunden – auch das legt die RND-Umfrage nahe. Gefühle haben mehr Macht über den Menschen als der Intellekt.

Angst vor Kriminalität entsteht, wenn wir ausgeraubt werden, und dann ist sie sachlich gerechtfertigt. Sie entsteht aber auch dadurch, dass einmal in der Nachbarschaft eingebrochen wurde oder dass die Medien daraus und aus einem zurückliegenden Bruch eine Serie konstruieren. Dann ist die Angst nicht mehr ganz so gerechtfertigt. Doch sie ist trotzdem vorhanden.

Was also hilft?

YouGov Quelle: RND-Grafik

Ruhe. Sich hinsetzen und überprüfen: Wovor habe ich wirklich Angst? Und was kann ich dagegen tun? Was auch hilft: darüber reden. Reden hilft immer, weil es erleichtert. Mit Familie, Freunden, Nachbarn. Ein wesentlicher Faktor der Kriminalitätsängste in Städten ist die Anonymität. Wer allein ist, hat leichter Angst. Wer aber weiß, dass die Nachbarn zu ihm stehen und sich kümmern, fühlt sich stabiler.

Frau S. aus B. ist der Empfehlung der Kripo, nach dem Überfall abends nicht mehr vors Haus zu gehen, nicht gefolgt. Sie schließt nach wie vor sorgfältig die Tür ab. Aber sie ist erst im Dunklen zur Post gegangen, dann zum Einkaufen, dann in die Stadt.

YouGov Quelle: RND-Grafik

Es gibt kein besseres Rezept gegen Angst als das, ihr nicht auszuweichen, sondern mitten durch die Angst hindurchzugehen.

Von Bert Strebe

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