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20:52 21.03.2017
Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland. Quelle: imago
Berlin

Geflüchtete Frauen und Kinder leiden in Deutschland oft unter schlechten Lebensbedingungen. Zu diesem Schluss kommen Studien des Kinderhilfswerks Unicef und der Berliner Charité, die am Dienstag in Berlin veröffentlicht wurden. Die mit ihren Familien geflüchteten Kinder verbrächten oft viele Monate in Massenunterkünften, auf engstem Raum mit anderen, ohne Privatbereich und teils unter unzureichenden hygienischen Bedingungen, beklagte Unicef-Geschäftsführer Christian Schneider. Gerade für Kinder, die eine lange Fluchterfahrung hinter sich hätten, sei ein stabiles, schützendes und förderndes Umfeld besonders wichtig.

Laut der Unicef-Studie „Kindheit im Wartezustand“ gaben 22 Prozent der befragten Asylsuchenden an, dass sie über die gesetzliche Frist von sechs Monaten hinaus bis zu einem Jahr mit ihren Familien in den Massenunterkünften auf eine Weiterverteilung warteten. In den Unterkünften droht den Kindern demnach Gewalt, oder sie erleben Gewalt zwischen anderen. Nur rund ein Drittel der befragten Einrichtungen gab an, Konzepte zum Schutz von Kindern zu haben. Häufig fehlen Aufenthaltsräume sowie strukturierte Lern- und Freizeitangebote für die Kinder.

Nur ein Drittel der Kinder geht in eine Regelschule

Vor allem sei es vom jeweiligen Bundesland abhängig, ob ein Kind einen Kindergarten oder eine Schule besuchen könne, kritisierte Schneider. Nur ein Drittel der befragten Mitarbeiter in Erstaufnahmeeinrichtungen bestätigte Unicef zufolge, dass die Kinder eine Regelschule besuchen. Teils erhalten die Kinder in der Unterkunft Unterricht, aber 20 Prozent der Mitarbeiter gaben an, dass die Mädchen und Jungen in ihren Einrichtungen gar keine Schulbildung erhalten.

Der Charité-Studie zufolge schätzen 45 Prozent der geflüchteten Frauen ihre aktuelle Lebensqualität als mittelmäßig ein. Besonders die Wohnsituation wird bemängelt: Die Hälfte der Befragten (53 Prozent) finden sie schlecht, 21 Prozent finden sie gut. Darüber hinaus berichteten 19 Prozent der Frauen von spezifischen Schwierigkeiten in der Unterkunft. Am häufigsten beschrieben sie Diskriminierung aufgrund von Sprache, äußerem Erscheinungsbild und Religion (26 Prozent), wie die Untersuchung im Auftrag der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), ergab.

84 Prozent der befragten Frauen sind traurig

Die Frauen klagten demnach auch über psychische Beschwerden: 87 Prozent schilderten eine Neigung zum Weinen, 84 Prozent Traurigkeit. Fünf Prozent berichteten sogar über stark ausgeprägte Selbstmordgedanken. Bei körperlichen Beschwerden wurden vor allem Rückenschmerzen (70 Prozent) und Kopfschmerzen (74 Prozent) genannt. Allerdings gaben nur 16 Prozent der Befragten an, Zugang zu einem Allgemeinmediziner zu haben. 36 Prozent beschrieben einen Mangel an jeglicher professioneller Unterstützung.

Für die Studie wurden den Angaben zufolge über 630 Frauen in mehreren Bundesländern befragt. Die Fluchterfahrungen von Frauen unterschieden sich vielfach von denen der Männer, betonen die Studienautoren in der „Repräsentativen Untersuchung von geflüchteten Frauen in unterschiedlichen Bundesländern in Deutschland - Study on Female Refugees“. Als Beispiel werden unter anderem geschlechtsspezifische Traumatisierungen, die Verantwortung für mitreisende Kinder sowie der Zugang zum Arbeitsmarkt genannt.

Beschwerdestellen für die Bewohner der Unterkünfte

Die Autoren der Charité-Studie empfehlen den deutschen Behörden, Ombuds- und Beschwerdestellen einzurichten. An eine solche Anlaufstelle sollten sich geflüchtete Frauen ohne Angst und Sorgen bei Überfällen, Diskriminierungserfahrungen, aber auch Fehlbehandlungen durch deutsche Behörden oder Betreuungsmitarbeiter wenden können.

Auch Unicef Deutschland verlangt bessere Beschwerdemöglichkeiten. Alle geflüchteten Kinder und Jugendliche sollten einen Zugang zu einer unabhängigen Beschwerdestelle erhalten, heißt es in der Studie „Kindheit im Wartezustand“.

Von dpa/epd/RND