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Nachrichten Politik So ähnlich sind sich Macron und Kennedy
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13:49 29.05.2017
Der ehemalige US-Präsident John F. Kennedy und der neue französische Präsident Emmanuel Macron. Quelle: dpa/RND-Montage
Hannover

„Lasst uns niemals aus Angst verhandeln. Aber lasst uns niemals Angst haben zu verhandeln.“ Diese Worte waren das Leitmotiv John F. Kennedys als Präsident der Vereinigten Staaten – und als Präsident des Kalten Krieges.

Es war der 3. Juni 1961 in Wien. John F. Kennedy (damals 44), noch nicht einmal ein halbes Jahr im Amt, traf sich in Wien mit Nikolai Chruschtschow, dem charismatischen und ob seiner Cholerik wie Rhetorik gefürchteten sowjetischen Regierungschef. Der ebenfalls rhetorisch bestens bestallte Kennedy erlebte ein Debakel. Obwohl sein diplomatischer Stab ihm dringend davon abgeraten hatte, sich mit Chruschtschow in den Clinch zu begeben, bestand Kennedy auf einem persönlichen Treffen.

Der gewiefte Machtpolitiker aus der Sowjetunion erteilte dem jungen Präsidenten eine Lektion, was die Doppelzüngigkeit der US-Außenpolitik anbelangte. Warum Amerika denn „alte, todgeweihte, reaktionäre Regime“ unterstütze und weshalb denn die USA, die sich so heldenhaft gegen die britischen Kolonialherren aufgelehnt habe, nun „anderen Völkern verwehre, es ihnen gleichzutun“. Chruschtschow warnte Kennedy des Weiteren davor, es sei „sehr unklug“ von den Vereinigten Staaten, die Sowjetunion mit Militärbasen einzukreisen.

Kennedy wusste, was die Stunde geschlagen hatte. Nur einige Minuten nach Ende des Treffens mit Chruschtschow sagte Kennedy, der Weltkriegs-Veteran, zu James Reston von der „New York Times“, dass das Treffen die „härteste Prüfung in meinem ganzen Leben“ gewesen sei. Kennedy weiter: „Er hat mich windelweich gedroschen. Ich werde ein Riesenproblem haben, wenn er annimmt, ich sei unerfahren und hätte keinen Biss. Bis wir ihm das ausreden, werden wir keinerlei Erfolg bei ihm haben.“ Aus der Niederlage im direkten Duell und seinem ungeschminkten Eingeständnis, erwuchs genau die Entschlossenheit, mit der Kennedy der Welt nur ein Jahr später wohl einen Atomkrieg ersparte.

Emmanuel Macron (38) wird als überzeugter Atlantiker die Geschichte des Wiener Treffens gewiss kennen. Und die Lehren daraus gezogen haben. So war er es, der bei seinem ersten (Aufeinander-)Treffen mit Donald Trump das Heft des Handelns buchstäblich in die Hand nahm, als er den US-Präsidenten nach dem obligatorischen Handshake im italienischen Taormina einfach nicht mehr losließ und so dem Alphatier Trump signalisierte – hier ist jemand, der auch sein Rudel anzuführen gewohnt ist. „Man muss verdeutlichen, dass man keinerlei Zugeständnisse macht“, so Macron verschmitzt über seinen ausgedehnten Händedruck. „Ich lasse nichts einfach durchgehen – so verschafft man sich Respekt.“

Respekt

Respekt hat sich Macron in seinem kurzen Politikerleben schon reichlich verschafft. Als widerständiger Wirtschaftsminister im Kabinett von Manuel Valls, durch seine Demission und natürlich durch seine Revolution des französischen Parteiensystems. Binnen eines Jahres machte er aus seiner Bürgerbewegung „En Marche!“ eine politische Kraft, die sowohl Gaullisten wie Sozialisten pulverisierte – die politischen Säulen der Fünften Republik. Respekt verschaffte sich auch Kennedy, irischstämmiger Spross einer der einflussreichsten Familien Amerikas, indem er die USA dramatisch umstrukturierte.

Sein Wahlprogramm hieß „New Frontier“, in Anlehnung an die neuen Grenzen, die sich die Siedler im Westen der USA zu Gründerzeiten gesteckt hatten. Mit Militärgewalt setzte er etwa seine Anti-Rassismus-Politik durch, als er 1962 Armee-Einheiten an die University of Alabama schickte, um dem afroamerikanischen Studenten James Meredith dort die Immatrikulation zu ermöglichen.

Bewunderung

Bewunderung schlug Kennedy ob seines Charmes, seines Intellekts und seines Charisma entgegen – und seines mondänen Lebensstils wegen. Genau dieselben Attribute sind auch Emmanuel Macron zuzuordnen. Eine weitere Parallele ist auch die pittoreske Jungenhaftigkeit der Beiden. Sie war bei Kennedy, der Zeit seines Lebens an schweren Krankheiten litt, teuer erkauft – sein Image als jugendliche Sportskanone führte zu noch größerem physischem Leiden. Doch die Kombination aus (relativer) Jugend und Macht ist nach wie vor etwas, was die Massen fasziniert. Nah bei den Menschen zu sein, Empathie und Verständnis für deren Bedürfnisse und Nöte zu haben – das ist eine stets postulierte, aber selten eingelöste Maxime der Politik.

Macron und Kennedy war und ist sie zu eigen. Beide waren und sind überzeugte, ja sogar glühende Transatlantiker, Beiden durchliefen eine Elite-Ausbildung. Beide kannten und kennen den jeweils anderen Kontinent bestens. Dass Europa in diesen kalten Zeiten sich nach Politikern wie Kennedy sehnt, die unkonventionell agieren und auch Fehler eingestehen können, mag den Triumph Macrons ein wenig erklären – und mag auch ein probates Mittel gegen die grassierende Populisten-Pest sein.

Träume

Ein bisschen Glamour jedenfalls schadet auch nicht. Ob die perfekt gestylte Première Dame Brigitte Trogneux-Macron an der Seite Macrons oder das modische Vorbild von Generationen, Jacqueline Lee Bouvier-Kennedy als Ehefrau JFKs – ob Elysee-Palast oder Weißes Haus: Auch Demokratien sehnen sich zuweilen nach höfischem Glanz. Dass Jackie, die übrigens auch in Frankreich studierte, zwölf Jahre jünger war als ihr Mann und Brigitte Macron erklecklich älter ist als er, das tut in einer modernen Gesellschaft dem Glanz, den das französische Präsidentenpaar ausstrahlt, keinen Abbruch. Und so darf Europa weiterhin träumen von seinem eigenen Kennedy.

Der echte, übrigens der bisher einzige Katholik im Weißen Haus, hat etliche ikonische Aussagen aus seiner kurzen Präsidentschaft hinterlassen. Eine noch heute tagesaktuelle twitterte Justizminister Heiko Maas zu dessen 100. Geburtstag: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung.“ Ein Satz, der auch aus Macrons Wahlprogramm stammen könnte. Kennedys durch das Chruschtschow-Erlebnis gestählte Entschlossenheit hat er schon heute – nur eine Niederlage, die blieb ihm bisher erspart. Das wird wohl auch nach dem Treffen mit dem aktuellen russischen Regenten so bleiben.

Von Daniel Killy/RND

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