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Politik Siemens-Chef Kaeser fürchtet um Deutschlands Image
Nachrichten Politik Siemens-Chef Kaeser fürchtet um Deutschlands Image
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18:24 02.09.2018
„Die Welt ist komplizierter geworden“: Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender von Siemens. Quelle: dpa

Herr Kaeser, am Wochenende sind Sie von einer Afrika-Reise mit Kanzlerin Angela Merkel zurückgekehrt. Sehen Sie jetzt eher Probleme oder Chancen auf dem Kontinent?

Afrika ist für die deutsche Wirtschaft ein Kontinent der Chancen. Schon jetzt leben über eine Milliarde Menschen in Afrika, im Jahr 2050 werden es über drei Milliarden sein. Diese Menschen brauchen Infrastruktur, die bislang noch nicht besteht. In diesem Bereich ist Deutschland stark und kann zu einer positiven Entwicklung beitragen.

In einem der besuchten Länder -in Ghana – will Siemens ein Stromkraftwerk bauen, scheitert aber an Bürokratie. Müssen die Regierungen erst lernen, was Unternehmen wollen?

Wir können alle noch lernen, Regierungen wie Unternehmen. Ghanas Regierung will, dass bei Infrastruktur-Investitionen mehr als die Hälfte des notwendigen Eigenkapitals von lokalen Firmen beziehungsweise Institutionen kommen, diese Anteile aber nicht als Sicherheit verwendet werden können. Das ist aus Lokalisierungs-Gesichtspunkten verständlich aber bei einem Vorhaben dieser Größenordnung nicht möglich. Deshalb scheitert die Finanzierung. Wir haben das mit dem Staatspräsidenten besprochen und er hat zugesagt, die Regelung zu überprüfen.

Seit Jahren wird Afrika ein großer Aufschwung prophezeit, eingetreten ist er bisher noch nicht. Was fehlt?

Es wird kurzfristig keinen Aufschwung geben, der dann vielleicht sogar in Deutschland das nächste Wirtschaftswunder auslöst. Er kann auch nicht in allen Ländern Afrikas gleichzeitig kommen. Entscheidend ist, dass vor einem möglichen Wirtschaftsaufschwung die Infrastruktur aufgebaut wird und die Menschen dort eine bessere Ausbildung bekommen. Sonst fehlen die Fachkräfte, die einen Aufschwung letztlich ermöglichen. Erst dann wächst die Wirtschaft Afrikas nachhaltig und die Perspektiven werden insgesamt besser. Dann werden die Menschen auch zunehmend in ihren Heimatländern bleiben, statt sich auf den Weg nach Europa zu machen. Insofern ist es in unser aller Interesse, dem afrikanischen Kontinent und seinen Menschen Perspektiven aufzuzeigen.

In Deutschland fürchten Experten das baldige Ende des Wirtschaftsbooms. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Wir befinden uns momentan in Deutschland auf einem sehr hohen Niveau. Es herrscht strukturell Vollbeschäftigung, die Wachstumsraten sind noch immer beachtlich. Aber natürlich wachsen die Bäume nicht in den Himmel, und es wird nicht immer Hochkonjunktur herrschen. Die Welt ist komplizierter geworden und die Entwicklung hängt nicht mehr nur von einzelnen Faktoren ab. Wir Unternehmer tun gut daran, uns darauf einzustellen, dass auch wieder schlechtere Zeiten kommen können.

Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Es gibt immer viele und sicher auch verschiedene Wünsche. Aber Deutschland muss jetzt dringend beweisen, dass wir als Land nicht nur für Qualität und Zuverlässigkeit unserer Produkte stehen, sondern als Exportland auch für Weltoffenheit und Toleranz. Mir scheint, dass uns manchmal nicht bewusst ist, wie sehr Deutschland in der Welt beobachtet wird. Für viele andere Länder sind wir ein Vorbild. Unsere Produkte, unser Regierungssystem, unsere Demokratie und unser Wohlstand werden von vielen Menschen bewundert. Das bringt nicht nur für Politik und Unternehmen besondere Verantwortung mit sich, sondern für die Gesellschaft als Ganzes. Wir müssen diese Vorbildrolle annehmen und ihr gerecht werden.

International ist Deutschland aktuell durch die Ausschreitungen von Chemnitz in der Diskussion. Sehen Sie eine Gefahr für des Ruf des Landes?

Unsere Kunden interessieren sich zunächst natürlich für unsere Produkte. Aber wir exportieren in Deutschland nicht nur Produkte, sondern auch Werte. Wir tragen eine besondere Verantwortung wegen unserer Geschichte, das dürfen wir nicht vergessen. Vorfälle wie die in Chemnitz schaden dem deutschen Ansehen in der Welt. Da gibt es kein Vertun.

Fürchten Sie als Unternehmer auch Nachteile im Wettbewerb um die besten Fachkräfte?

Es ist zumindest ein Thema, das man ernst nehmen muss. Wir haben über 378 000 Kollegen weltweit und fast 130 000 in Deutschland. Alle diese Mitarbeiter müssen sich wohlfühlen, egal welcher Herkunft sie sind. Die Vielfalt unserer Mitarbeiter sind ein Teil der Stärke unseres Unternehmens. Deswegen müssen wir Werte wie Offenheit und Toleranz auch in eigenem Interesse fördern.

Von Gordon Repinski

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