Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik Sitzen die Widerständler im Weißen Haus?
Nachrichten Politik Sitzen die Widerständler im Weißen Haus?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:16 06.09.2018
In einem anonymen Beitrag in der „New York Times“ hat sich ein ranghoher Beamter geäußert Quelle: Tim Brakemeier/dpa
Washington

Von Niedertracht ist die Rede, von Verrat und von Feiglingen. Im Weißen Haus wird mal wieder nach einem gegnerischen Informanten gefahndet. Gerade erst waren die ersten Auszüge aus Bob Woodwards Buch „Furcht: Trump im Weißen Haus“ bekannt geworden, da legt die „New York Times“ nach. Ein hoher Regierungsbeamter schreibt - anonym - einen Meinungsbeitrag an seine Landsleute, um ihnen zu versichern, dass sich die Administration alle Mühe gebe, den Präsidenten in Schach zu halten: „Es mag in dieser chaotischen Ära wenig Trost spenden, aber die Amerikaner sollten wissen, dass es Erwachsene im Raum gibt.“

Es sind Sätze, die Donald Trump im Oval Office toben lassen. Auch seine Sprecherin Sarah Huckabee Sanders gibt sich wenig Mühe, ihre Empörung, ja ihre Wut, zu verstecken: Der Beitrag sei erbärmlich, unverantwortlich und selbstsüchtig. Dafür sollte sich die Zeitung entschuldigen. Der Autor wiederum sollte das einzig Richtige tun und kündigen.

Genau darauf will er sich aber eben nicht einlassen. Als seine Aufgabe - und die Aufgabe vieler wackerer Mitstreiter - sieht er es vielmehr, an Bord zu bleiben, um Schlimmeres zu verhindern.

Schlecht informiert und unberechenbar

In dem „Op-Ed“ wird ein geradezu katastrophales Bild vom Innenleben des Weißen Hauses gezeichnet: In unzähligen Beratungen zeige sich Donald Trump schlecht informiert und schwer berechenbar. Vernichtend fällt dementsprechend das Gesamturteil aus: „Die Wurzel des Problems ist die Amoralität des Präsidenten.“ Übergeordnete Prinzipien, an denen sich Trump orientiere, seien nicht erkennbar. Entscheidungen, die gefällt werden, seien manchmal wenige Tage später nicht mehr gültig. Auch fehle die Orientierung an den traditionellen Werten der Republikaner: Das Bekenntnis zum freien Handel sei über den Haufen geworfen worden, und das Verhalten gegenüber den engsten Verbündeten sei skandalös.

Nichtsdestotrotz seien die „Widerständler“ im Weißen Haus keineswegs Anhänger der Demokratischen Partei: „Wir wollen, dass die Regierung erfolgreich ist, und denken, dass viele ihrer Strategien Amerika schon jetzt sicherer und wohlhabender gemacht haben.“ Aber ihre erste Pflicht würde dem Land gelten - und der Präsident handele in einer Art, die dem Wohlergehen der Republik abträglich sei. Mehr noch: „Die Wurzel des Problems ist die Amoralität des Präsidenten.”

Herausgeber warnt Trump in persönlichem Gespräch

Doch so harsch die Kritik auch ausfallen mag, für die „New York Times“ bleibt die Veröffentlichung gleichwohl eine Gratwanderung. Trumps Gegenangriffe - die anonymen Quellen seien doch „erstunken und erlogen“ - lassen sich schwer entkräften, solange der Name des Autors nicht bekannt ist. Tatsächlich twitterte Trump unmittelbar nach der Veröffentlichung: „Existiert der sogenannte ‚ranghohe Regierungsbeamte’ wirklich, oder ist es nur die angeschlagene ‚New York Times’ mit einer weiteren erfundenen Quelle?“

Dagegen wirft das traditionsreiche Blatt mit ausdrücklicher Unterstützung des Herausgebers Arthur Gregg Sulzberger sein ganzes Renommee in die Waagschale: Der Name sei der Redaktion bekannt, versichert die „New York Times“. Um den Arbeitsplatz des Autoren nicht zu gefährden, hätten sie sich zu diesem Schritt entschlossen: „Wir glauben, dass die anonyme Veröffentlichung dieses Essays die einzige Möglichkeit ist, unseren Lesern eine wichtige Sichtweise zu übermitteln.“ In ungewöhnlichen Zeiten müsse man eben manchmal auch ungewöhnliche Wege gehen, hatte Sulzberger bereits vor Wochen wissen lassen.

Der 38-Jährige entstammt der gleichnamigen Zeitungsgründerfamilie, steht aber erst seit Jahresanfang in der vollen Verantwortung als Herausgeber. Dass er wenig Scheu vor der Auseinandersetzung mit der Trump-Administration an den Tag legt, hatte Sulzberger erst kürzlich gezeigt. Der gelernte Journalist traf sich im Juli mit Trump im Weißen Haus zum längeren vertraulichen Gespräch - über das der Präsident entgegen der Absprache wenig später öffentlich sprach. Ganz unumwunden hatte Sulzberger das Staatsoberhaupt bei der Gelegenheit gewarnt, dass die beständigen Angriffe auf die unabhängigen Medien im In- und Ausland schwere Schäden verursachen und letztlich zu Gewalt führen könnten. Zugleich hob Sulzberger aber auch hervor, dass seine Zeitung ein kritischer Begleiter bleiben werde.

Ähnlich drückt sich auch der anonyme Autor aus: „Wir werden tun, was wir können, um die Regierung in die richtige Richtung zu lenken, bis es - auf die eine oder andere Art und Weise - mit ihr vorbei ist.“

Noch ist es aber nicht soweit - und noch ist vielen Beobachtern nicht ganz klar, was der Autor eigentlich bezwecken will. „Die Kolumne ist ein Versuch, die republikanische Partei und den Konservatismus mit einer Versicherungspolice auszustatten, falls und wenn die Dinge schlimmer werden“, schreibt etwa Chris Hayes. Der amerikaweit bekannte TV-Moderator vermutet einen „sehr öffentlichen Versuch“ der Schadensbegrenzung, um den Ruf der „Grand Old Party“ und ihrer gesamten politischen Klasse zu retten.

Von Stefan Koch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Ärger in der SPD über Horst Seehofer wächst. Parteivize Manuela Schwesig nimmt den Innenminister nun unter Feuer. Vor allem eine Sache macht die Sozialdemokraten wütend.

06.09.2018

Nach den Ausschreitungen in Chemnitz ermittelt die Polizei derzeit in etwa 120 Ermittlungsverfahren. Bundesinnenminister Horst Seehofer äußert Verständnis für die Demonstranten. Seine Stellungnahme sorgt für neue Spannungen – auch innerhalb der Union.

06.09.2018

Eine Verschärfung der Mietpreisbremse ist auf den Weg gebracht. Doch Verbänden und Gewerkschaften geht das nicht weit genug. Sie rufen eine Bewegung ins Leben – und laden ins Berliner Szeneviertel Friedrichshain ein. Das Bündnis verfolgt drei zentrale Forderungen.

06.09.2018