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11:09 30.01.2018
Mehr als heiße Luft: Sinnlose Experimente mit Abgasen bringen die deutsche Autoindustrie in Bedrängnis. Quelle: iStockphoto
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Berlin

Es war kein sonderlich aufregender Versuch, auf den sich die Teilnehmer einer Studie in Aachen im Jahr 2013 einließen. Nichts, das einen großen Unterhaltungswert versprach. Drei Stunden in einem 41 Kubikmeter großen, abgedichteten Raum, zusammen mit einer 40-Liter-Druckluftflasche, aus der ganz langsam ein Gasgemisch strömt. Das Ganze einmal in der Woche, insgesamt vier Wochen lang. Anschließend viele Untersuchungen. Man nahm sich besser was zu lesen mit.

Man kann diesen Versuch, den Aachener und Münchner Wissenschaftler an 25 jungen Menschen zwischen 18 und 33 Jahren vornahmen, sehr unspektakulär beschreiben: Es sollte nicht viel dabei herauskommen. Es kam dann auch nicht viel dabei heraus. Dass dieser Versuch gestern dennoch einen erheblichen Skandalcharakter entwickelte, hat mit dem Zusammenklang mit weiteren Nachrichten zu tun. Damit, dass am Wochenende herauskam, dass ein Institut in den USA im selben Jahr zehn Affen in eine Kammer sperrte und die Abluft eines VW Beetle einatmen ließ. Es hat auch damit zu tun, dass der Auftraggeber in beiden Fällen eine maßgeblich von der deutschen Autoindustrie getragene Institution war. Und wahrscheinlich hat es auch mit dem Holocaust-Gedenktag am vergangenen Sonnabend zu tun, der schreckliche Assoziationen zu diesen „Versuchen“ weckte. Jedenfalls bekam die Schlagzeile „Autolobby testete Abgase auch an Menschen“ spätestens dann etwas Unfassbares, Erschreckendes.

Und so verurteilte gestern sogar die Bundeskanzlerin die Experimente der Autohersteller. „Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen“, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert gestern. Es kommt nicht oft vor, dass sich Angela Merkel so entschieden von Daimler, BMW und Volkswagen auf einmal distanziert.

Was kommt da wirklich raus? Eine Sonde misst Abgase im Auspuffrohr eines VW-Golf-Diesel. Quelle: dpa

Da ist er also wieder, der Dieselskandal – allerdings mit einer neuen Volte: Haben die deutschen Autobauer jetzt alle Skrupel verloren? Menschen- und Tierversuche, um die vermeintliche Harmlosigkeit der eigenen betrügerischen Technik zu, nun ja: „beweisen“?

Die Wahrheit ist wohl etwas unkomplizierter. Ehrbar für die Autoindustrie ist sie dennoch nicht.

Wer nach dem Ursprung des Skandals sucht, stößt auf einen Aufsatz, den ein Wissenschaftlerteam um Thomas Kraus von der Universität Aachen am 7. Mai 2016 veröffentlicht hat. Er trägt den Titel „Biologische Auswirkungen von inhaliertem Stickstoffdioxid auf gesunde Menschen“. Stickstoffdioxid ist giftig und entsteht vor allem bei Verbrennungsprozessen. Hauptquelle in den Städten: der Straßenverkehr. Die Teilnehmer des Aachener Versuchs sind demnach jeweils drei Stunden einer Dosis von bis zu 1,5 ppm ausgesetzt gewesen – was dem Dreifachen des für Arbeitsplätze empfohlenen Grenzwerts von 0,5 ppm entspricht.

Auch der Förderer wird genannt: Die Studie sei finanziell unterstützt worden von der „Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor“ (EUGT). Diese war 2007 von BMW, Daimler, VW und Bosch gegründet worden. Erstaunlich ist daher, was die Autoren am Ende notieren: Interessenskonflikte: keine.

Die Teilnehmer überstanden den Versuch offenbar tadellos. Die Forscher untersuchten nicht nur die Lungenfunktion, sondern auch Blutwerte, Nasenschleim und Auswurf, insgesamt 100 Parameter. Das Ergebnis: Bei keinem der Probanden gab es eine eindeutig messbare negative Wirkung. Die zwölfstündige Stickoxidluft hatte niemandem geschadet.

Aber konnte überhaupt etwas anderes dabei herauskommen? Und sagt das irgendwas aus?

Leiden für sinnloses Experiment? Langschwanzmakaken aus Asien mussten als verscuhstiere herhalten Quelle: iStock

Professor Uwe Heinrich hat mehrere Jahre lang das Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin in Hannover geleitet. Das Institut verfügt über ähnliche Kammern wie die Universität Aachen. Grundsätzliche Bedenken gegenüber dem Versuch hätte er nicht. Heinrich verweist auch auf frühere Versuche, in denen Versuchspersonen verdünnte Dieselabgase und Stickoxide eingeatmet hätten. Seine Zustimmung hätte er allerdings davon abhängig gemacht, „dass er Ergebnisse hervorbringen kann, die sich abheben vom Bekannten“.

Doch das war hier offenbar nicht der Fall. Unbekannt sei vor allem „die Langzeitwirkung niedriger Konzentrationen“ von Stickstoffdioxiden auf die Gesundheit. Doch genau in diesem Punkt konnte die Studie gar keine Erkenntnisse bringen, schließlich war sie auf vier Wochen begrenzt.

Sollte also gar nichts anderes herauskommen als die vermeintliche Harmlosigkeit der niedrig dosierten Stickstoffdioxide? Klar ist jedenfalls, dass sie den Förderern hervorragend ins Konzept passte. Hintergrund ist der Streit um den Diesel, der in dieser Zeit vor allem in den USA schwelt. Vor allem VW möchte dort das Image des lange Zeit als schmutzig geltenden Diesels korrigieren. Stickstoffdioxide sind in bestimmten Konzentrationen giftig und können Atemnot auslösen. Der Dieselskandal ist da noch Zukunft. Dennoch können die deutschen Autobauer ein wenig positive PR ganz gut gebrauchen.

Einen Zusammenhang der Studie mit dem Dieselskandal gebe es nicht, sagte der Aachener Institutsleiter Thomas Kraus gestern der Deutschen Presse-Agentur. Es sei lediglich um den Grenzwert am Arbeitsplatz gegangen. Sie seien auch „in keinster Weise“ beeinflusst worden, beteuerte Kraus zudem.

Aber das war bei dieser Versuchsanordnung wohl auch nicht nötig. In ihren Tätigkeitsbericht hat die EUGT die Studie jedenfalls gern aufgenommen und ihr immerhin zwei Seiten gewidmet. Das Resultat war offenbar willkommen.

Nur erstaunen konnte es bei dieser Anordnung niemanden. Der Medizinethiker Gerald Neitzke von der Medizinischen Hochschule Hannover stellt solche Forschungsprojekte daher prinzipiell infrage. Zwar müssen Studien wie diese in Deutschland von einer Ethikkommission der jeweiligen Hochschule genehmigt werden, was auch in diesem Fall geschehen ist. „Unethisch ist aber auch alles das, was geeignet ist, der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen“, betont Neitzke.

Die Autoindustrie wollte gestern mit ihrem Schmuddelkind namens EUGT nicht mehr viel zu tun haben. „Im Namen des gesamten Aufsichtsrates distanziere ich mich mit allem Nachdruck von derlei Praktiken“, sagte VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Auch Daimler und BMW distanzierten sich vehement. Selbst der in solchen Fällen zurückhaltende Verband der Automobilindustrie ging auf Abstand.

Doch alles das kommt reichlich spät. Zwar wurde die EUGT 2017 aufgelöst. Bis dahin jedoch war sie eine Art PR-Agentur fürs Grobe – mit dem Segen der Unternehmen. Dem fünfköpfigen Vorstand, aufgelistet im letzten Tätigkeitsbericht, gehörten allein drei Manager von Daimler, BMW und VW an. Dazu kam ein siebenköpfiger Forschungsbeirat überwiegend älterer Herren (eine einzige Frau weist der Bericht in der EUGT auf: die Assistentin des Geschäftsführers).

In der Herrenrunde hatte man offenbar einen Hang zu zynischen Studien. So hatte die EUGT 2013 ein Institut namens Lovelace Biomedical in den USA mit Untersuchungen zur Wirkung von Dieselabgasen auf Affen beauftragt. 2014 wurden deshalb zehn Primaten in eine Kammer gepfercht. Vier Stunden lang mussten sie darin die Abgase eines VW Beetle einatmen. Zur Beruhigung, so erklärte der Institutsleiter bei einer Gerichtsverhandlung, hätten die Tiere Comic-Filme anschauen dürfen. Anschließend mussten die Affen dann noch eine Vergleichsrunde überstehen – nur kamen die Abgase diesmal aus einem deutlich älteren Fahrzeug, einem Ford F-250 mit schlechteren Abgaswerten.

Auch aus wissenschaftlicher Sicht, betont Uwe Heinrich vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie, seien solche „Studien“ sinnlos. Die toxische Wirkung von Stickstoffdioxid sei bei Versuchen mit Nagern ausführlich belegt. „Da gibt es keine neuen Erkenntnisse.“

Statt des Nutzens bleibt den Autokonzernen ein neuerlicher mächtiger Schaden – Gift fürs Image. „Der Fall zeigt, mit welch manipulativen Methoden die deutschen Autokonzerne dem Diesel ein umweltfreundliches Sauberimage verpassen wollten“, sagt Christina Deckwirth von der Organisation LobbyControl. „Die Skrupellosigkeit der Automanager in Sachen Abgas kennt offenbar überhaupt keine Grenzen“, erklärt Sahra Wagenknecht. Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag spricht von „moralischer Verkommenheit“ der Automanager – die damit auch Arbeitsplätze gefährdeten. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD), sagt schlicht: „So etwas tut man nicht.“ Das betreffe auch die Wissenschaftler, die sich für die Begleitung „dieser abscheulichen Experimente zur Verfügung gestellt haben“.

Aber ist das jetzt alles? Oder kommen noch mehr „Versuche“ ans Licht? Ethiker Neitzke ist nicht sicher. Er weiß, dass Forschungsergebnisse immer öfter nicht publiziert werden – „meist dann, wenn die Resultate nicht zu den Zielen der Auftraggeber passen“.

Von Thoralf Cleven und Thorsten Fuchs/RND

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