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Nachrichten Politik Neonazis attackieren und verletzen Journalisten
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13:49 01.05.2018
Bewaffnet mit Schraubenschlüssel: Rechter Angriff auf Journalisten in Fretterode. Quelle: mm
Hohengandern/Fretterode

Nach Schilderungen von Polizeisprecherin Fränze Töpfer hatten die beiden 26-jährigen Journalisten zunächst am Sonntagnachmittag zu Recherchezwecken Foto- und Filmaufnahmen von Heises Grundstück im thüringischen Fretterode gemacht. Dabei seien sie bemerkt und anschließend von den zwei 24-jährigen Angreifern zuerst zu Fuß dann mit dem Wagen verfolgt worden.

Baseballschläger, Reizgas, Messer

Nach einer spektakulären Verfolgungsjagd durch Fretterode und Gerbershausen mussten die beiden Fotografen auf der Landstraße am Ortseingang von Hohengandern ihren BMW stoppen. Die maskierten Männern gingen sofort zum Angriff über. Nach Informationen des Göttinger Tageblatts waren die rechten Angreifer mit Baseballschläger, Messer, einem 40 bis 50 Zentimeter langen Schraubenschlüssel und Reizgas bewaffnet.

Bei der Attacke sei der BMW zerstört und die beiden 26-jähigen Männer leicht verletzt worden, schildert die Polizei. Einer der Männer trug eine Platzwunde am Kopf durch den Schlag mit dem Schraubenschlüssel davon, der andere wurde von einem der rechten Angreifer mit dem Messer im Oberschenkel verletzt. Am Auto zerstachen die Angreifer die Reifen und zerschlugen die Scheiben.

Scheiben zerschlagen, Reifen zerstochen: der Wagen der Journalisten nach dem Angriff durch Neonazis. Quelle: GT/Screenshot

Kandidat der NPD für den Kreistag in Northeim

Die beiden maskierten Männer raubten die Fotoausrüstung der Journalisten aus dem BMW und flüchteten in ihrem eigenen BMW. Anwohner alarmierten Rettungsdienst und Polizei.

Jagdszenen in Fretterode: Neonazi-Angriff auf Journalisten Quelle: mm

Bei den Tatverdächtigen handelt es sich nach Angaben der Polizei in Nordhausen um zwei 24-Jährige aus dem Eichsfeld, die der rechten Szene zuzuordnen seien. Sie seien der Polizei, so Töpfer, namentlich bekannt. Dabei soll es sich nach Tageblatt-Informationen unter anderem um Gianluca B. handeln. B. hatte 2016 als Kandidat der NPD für den Kreistag in Northeim kandidiert und ist Mitglied im Vorstand der NPD Niedersachsen.

Nach Recherchen der Leipziger Internet-Zeitung (LIZ) hatte sich der Northeimer NPD-Kandidat Gianluca B. im Januar 2016 an rechten Krawallen im links-alternativ geprägten Leipziger Stadtteil Connewitz beteiligt.

Durchsuchungen bei Heise

Noch am Sonntag kam es dann zu einer Durchsuchung auf dem Grundstück Heises nach möglichen Beweismitteln. Hierbei habe Heise die Beamten auf freiwilliger Basis gewähren lassen. Die Angreifer habe die Polizei dort aber nicht angetroffen, so Töpfer. Sie seien weiter auf freiem Fuß.

Der Staatschutz der Kriminalpolizei Nordhausen hat die weiteren Ermittlungen übernommen. Noch seien die genauen Hintergründe der Ereignisse völlig unklar, so Töpfer.

Anzeige wegen schweren Raubs und versuchtem Tötungsdelikt

Die beiden angegriffenen Männer lassen sich inzwischen anwaltlich vertreten. Nach Angaben von Rechtsanwalt Sven Adam, sei es den Angegriffenen noch gelungen, Fotos von einem der Täter anzufertigen. Die Speicherkarte mit diesen Fotos sei nicht in den Besitz der Rechten geraten und werde nun der Polizei zur Verfügung gestellt.

„Wir gehen davon aus, dass die Täter ermittelbar sind. Aufgrund der Gefährlichkeit der Angriffe insbesondere mit einem Messer und mindestens einem Schlag mit einem schweren Schraubenschlüssel auf den Kopf sowie den entstandenen erheblichen Verletzungen steht hier neben einem schweren Raub auch ein versuchtes Tötungsdelikt im Raum“, sagte Adam am Montag. Entsprechende Anzeigen seien erstattet.

„Gezielter und koordinierter Angriff“

Eine Sprecherin der Antifaschistischen Linken International (ALI) sieht einen „gezielten und koordinierten Angriff“ der Neonazis: „Neonazis haben Waffen, trainieren den Umgang damit und setzen sie ein. Wer mehrfach auf jemanden einsticht, will töten“, heißt es in einer Mitteilung vom Montag.

Für die ALI ist es „kein Zufall“, dass der Angriff von Heises Grundstück ausgeht. Sein Anwesen in Fretterode benutze er schon seit Jahren als Schulungszentrum und als Ort der Vernetzung für Neonazis.

Martina Renner: Polizei Thüringen muss Gefahrenprognose überdenken

Die thüringische Bundestagsabgeordnete Martina Renner (Linke) forderte nach den Vorgängen in Fretterode von der Polizei in Thüringen, die Gefahrenprognose für die am 1. Mai in Erfurt geplante NPD-Demo zu überdenken. Der „Spiritus Rector“ des Neonazi-Aufmarsches, der Thüringer NPD-Chef Heise, lasse seine Schläger auf unliebsame Fotografen los, kommentierte Renner in einer ersten Reaktion auf Twitter.

„Allein schon diese Aktionen und Hintergründe sollten für die Erfurter Behörden Grund genug sein, den Neonazi-Aufmarsch am Tag der Arbeit und seine TeilnehmerInnen sehr genau unter die Lupe zu nehmen“, forderte Renner dann in einer später veröffentlichten Pressemitteilung.

Nachdem die Richter im NPD Verbotsverfahren die extrem rechte Partei als verfassungsfeindlich aber bedeutungslos bezeichnet haben, baue die NPD ihre Strukturen als Sammelbecken für Straf- und Gewalttäter weiter aus. „Die NPD als bedeutungslos zu bezeichnen, verharmlost die militanten Strukturen in der Partei, die ein bedrohliches Gewaltpotenzial in sich tragen“, sagte Renner weiter.

„Arische Bruderschaft“ in Heises Vertrieb

Heise hatte am vergangenen Woche das „Schild & Schwert“-Festival im sächsischen Ostritz mit mehr als 1000 Neonazis aus ganz Deutschland und dem angrenzenden Ausland veranstaltet. Die Polizei ging mehrfach gegen Rechtsextreme vor, die den „Hitlergruß“ oder Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen zeigten.

Per richterlicher Anordnung zog sie am Sonnabend T-Shirts mit dem Aufdruck „Sicherheitsdienst Arische Bruderschaft“ aus dem Verkehr. Der Schriftzug rahmte ein Emblem ein, wie es früher eine Grenadierdivision der SS verwendete. Unter anderen der Heise Gefolgsmann und aus dem Eichsfelder NPD-Umfeld stammende Rene S. war in Ostritz als Sicherdienst beschäftigt.

Schals, Aufnäher und Tassen mit dem Aufdruck „Sicherheitsdienst Arische Bruderschaft“ befanden sich am Montag immer noch im Angebot von Heises Versandshop. Einer der Angreifer vom Sonntag war mit einem Schal der „Arischen Bruderschaft“ vermummt.

Die Durchsuchungen am Sonntag hätten nichts mit dem Vertrieb entsprechender Gegenstände zu tun, sondern seien lediglich in dem Angriff am Sonntagnachmittag begründet, sagte Polizeisprecherin Töpfer.

Absage des Tags der deutschen Zukunft in Goslar gefordert

Angesichts des Überfalls auf Journalisten fordert der Göttinger Kreistagsabgeordnete Meinhart Ramaswamy (Piraten) in einem Schreiben an die Stadtverwaltung in Goslar, den für den 2. Juni von der Neonazi-Kleistpartei „Die Rechte“ geplanten „Tag der deutschen Zukunft“ zu untersagen. „Wie lange wollen Stadtverwaltungen noch hinnehmen, dass diese rechtsradikalen Schläger, die faschistisches Gedankengut verbreiten zum Demonstrieren in die Städte gelassen werden?“, fragt Ramaswamy.

Die Vorgänge in Fretteode zeigten, dass die Schwelle der aktiven Gewaltanwendung gegen Menschen deutlich sinke. „Wenn Hunderte gewaltbereite Nazis eine Stadt wie Goslar fluten, können Gegendemonstranten und Bewohner nicht mehr geschützt werden“, so Ramaswamy weiter.

Von Michael Brakemeier/GT/RND

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