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Politik Nach Mord an 85-Jähriger – Juden in Angst
Nachrichten Politik Nach Mord an 85-Jähriger – Juden in Angst
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11:11 29.03.2018
„Mireille bestand nur aus Liebe“ steht auf dem Plakat während des Trauermarschs für Mireille Knoll in Paris. Quelle: imago
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Paris

Zehntausende Pariser haben am Mittwochabend am Trauermarsch für Mireille Knoll teilgenommen. Zum Gedenken an die ermordete Holocaust-Überlebende hatte der CRIF aufgerufen, der Dachverband jüdischer Organisationen in Frankreich, unterstützt von der Menschenrechtsliga und anderen Antirassismusorganisationen und Parteien. Überschattet wurde die Gedenkveranstaltung von Protesten gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen und den Linksaußenpolitiker Jean-Luc Mélanchon. Beide wurden unter Polizeischutz in Sicherheit gebracht.

Der CRIF hatte die Nationale Sammlungsbewegung und die Linksextremen von „Das unbeugsame Frankreich“ vom Gedenkmarsch ausschließen wollen. Doch die Vorsitzenden hatten sich wie die Spitzen der anderen Parteien auf der Pariser Place de la Nation eingefunden.

Zehntausende Pariser nahmen an dem Schweigemarsch gegen Antisemitismus teil. Quelle: AP

Die 85-jährige Jüdin Mireille Knoll war am 23. März tot in ihrer ausgebrannten Wohnung im 11. Pariser Arrondissement gefunden worden. Sie war mit elf Messerstichen getötet worden. Zwei junge Männer wurden festgenommen, darunter der Sohn einer Nachbarin, der als Hauptverdächtiger gilt.

Der Gedenkmarsch sei eine Hommage an die Frau, die auf gemeinste Art ermordet wurde, sagt der 34-jährige Arbeitslose Nordine Houadilene am Mittwochabend. Er sei da für die Familie der Frau, nicht für die Politik, fügt der aus Algerien stammende Franzose hinzu. „Es ist schockierend, solange solche Verbrecher unter uns leben,“ sagt ein 80-jähriger Rentner. Eine 63-Jährige stützt sich auf ihren Krückstock: „Es herrscht ein wachsendes Gefühl von Unsicherheit unter Juden,“ schildert die Katholikin.

Beleidigungen und Drohungen sind an der Tagesordnung

Seit die Jüdin Abigael vor sieben Jahren in eine Sozialwohnung im 11. Pariser Arrondissement eingezogen ist, hat sie „Angst, dass ein Drama passiert“. Das traditionelle jüdische Mesusa-Zeichen an ihrer Haustür wurde abgerissen. „Um zwei, drei Uhr morgens klopfte es an der Tür“, erzählt die Frau um die 35, die nur ihren Vornamen nennen will: „Wir wurden beleidigt als ,dreckige Juden’ und ,Schlampen’.“ Sie habe drohende Stimmen gehört: „Wir werden euch töten.“

Als die Familie 2017 religiöse Gesänge in ihrer Wohnung anstimmte, habe ein Nachbar die Mutter und ihre zwei Töchter am Haupteingang abgepasst: „Der Algerier sagte zu meiner elfjährigen Tochter: Du hörst nicht auf, Krach zu machen? Ich werde dich töten.“ Der Mann habe auf die Frauen eingeschlagen, bis die Polizei dem Angriff ein Ende bereitete. Die Frau zählt sieben Angriffe in sieben Jahren.

„Die Angriffe werden schlimmer“

„Die Zahl antisemitischer Angriffe geht zurück, aber die Angriffe werden schlimmer“, sagt Jean-Yves Camus, Direktor des Observatoriums der politischen Radikalität der Stiftung Jean Jaurès. Camus bezieht sich auf die Zahl von 311 antisemitischen Taten im Jahr 2017. Es wurden Menschen gefesselt und gequält, weil bei ihnen als Juden Reichtümer vermutet wurden. Im April 2017 wurde die 65-jährige Sarah Halimi in Paris von ihrem Nachbarn umgebracht. Erst nach fast einem Jahr sprachen die Ermittler von einem antisemitischen Motiv.

„Man kann nicht sagen, dass ich mich als Jude im Alltag schlecht fühle,“ sagt Camus, der nur ein paar Schritte von der Sozialwohnung entfernt wohnt, in der die ermordete Mireille Knoll lebte. Anders als in manchen Vorortvierteln würden die Menschen im 11. Arrondissement im Alltag gut zusammenleben in diesem Viertel mit zahlreichen Läden mit koscheren Lebensmitteln. Aber selbst dort gebe es Menschen, die Juden angreifen, beklagt der Direktor des Observatoriums für politische Radikalität.

Mireille Knoll mit ihrem Sohn Daniel und ihrer Enkelin Jessica. Quelle: AP

Mireille Knoll war 1932 in Paris zur Welt gekommen, 1942 entkam die damals Zehnjährige der Razzia im „Vélodrome d'Hiver“ in Paris, bei der 13.000 Juden in Vernichtungslager transportiert wurden. Auch ihr verstorbener Mann war ein Überlebender des Holocaust. Dass die allein lebende Frau nun brutal ermordet wurde, löste in ganz Frankreich Entsetzen aus. Auch in anderen Städten fanden am Abend Gedenkmärsche statt.

Die jüdische Gemeinschaft in Frankreich ist mit rund 500.000 Menschen die weltweit drittgrößte (nach Israel und den USA). Der zunehmende, großenteils muslimische Antisemitismus hat dazu geführt, dass allein im Jahr 2017 mehr als 5000 französische Juden ihr Heimatland verließen und nach Israel gingen. Zu denen, die Frankreich den Rücken gekehrt haben, gehört auch Jessica Knoll, die Enkelin der ermordeten Mireille Knoll. Sie postete auf Facebook einen zornig-melancholischen Nachruf auf ihre Großmutter.

מי ששאל אם יש לי דרכון צרפתי למה אני לא שם? ובכן, אני חושבת שניצלתי. מאירופה וצרפת בפרט. איפה שהגבולות מטושטשים...

Gepostet von Jessica Knoll am Sonntag, 25. März 2018

Darin heißt es: „Falls jemand fragt, ob ich einen französischen Pass habe und warum ich nicht dort bin – nun, ich glaube, ich habe überlebt. Europa im allgemeinen und Frankreich im besonderen. Wo die Grenzen verschwimmen und die Politiker aufgehört haben nachzudenken – es sei denn, darüber, wie sie Geld in ihre eigenen Taschen stecken und über ihren eigenen Vorteil.

Hebräisch ist keine bessere Sprache und nach wie vor hasse ich Bibi (Netanjahu), aber es gibt etwas in Israel, das ist einzigartig unter den Völkern der Welt: Einigkeit, Brüderlichkeit, und der Stolz auf das eigene Land.

Verdammte Religion, in deren Namen Menschen göttliche Gesetze in ihre eigenen Hände nehmen. Vergangenen Freitag entschloss sich ein muslimischer Nachbar, meine Großmutter in ihrer Wohnung in Paris umzubringen. Er verbrannte all die Kindheitserinnerungen, die auf Fotos und in meinem Herzen abgebildet waren. (...)

Sorge Dich nicht, wir werden Dich auf einer höheren Ebene wiedersehen. Hier herrscht nur Eitelkeit, die Menschheit verroht. Wenigstens ist Deine Seele ist zurückgekehrt in eine Welt der Wahrheit. Und wir, die wir zurückbleiben, leiden an Deinem Fehlen und an der Erinnerung. Ich kann einfach nicht aufhören, nach einem Sinn für das Geschehene zu suchen.“

Von RND/epd/dk

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