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Nachrichten Politik Moderatorin will bei Präsidentenwahl kandidieren
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20:01 18.10.2017
Die kremlkritische Journalistin Xenia Sobtschak. Quelle: dpa
Moskau

„Als ich 18 war, wurde Wladimir Putin Präsident. Die Kinder, die in diesem Jahr geboren wurden, gehen dieses Mal selber wählen“, sagte Xenia Sobtschak in einem Video, das sie auf ihrer Website veröffentlichte. Seit fünf Jahren demonstriere sie mit Oppositionellen. Sie habe verstanden, dass das Leben schrecklich werde, wenn niemand versuche, etwas zu ändern. Unabhängige Politiker wie Nawalny würden im Gefängnis sitzen, „und nichts wird sich ändern“, sagte sie.

Beobachter bewerten ihre Kandidatur indes als vom Kreml gewollte Opposition, die liberale und junge Stimmen vereinen und so eine Alternative etwa zum Regierungskritiker Alexej Nawalny sein solle. Die 35-Jährige ist nämlich die Tochter des früheren St. Petersburger Bürgermeisters Anatoli Sobtschak. Dieser gilt als politischer Ziehvater von Präsident Wladimir Putin. Sobtschak hatte Putin in den 1990er Jahren zu seinem Stellvertreter gemacht.

Bevor Xenia Sobtschak Journalistin wurde, war sie als TV-Star und Glamour-Girl im russischen Boulevard bekannt. Kritiker verspotteten sie als „russische Paris Hilton“. Seit Anfang der 2010er Jahre positionierte sie sich zunehmend als liberale Regierungskritikerin. 2012 übernahm sie eine Talk-Show beim Internet-Sender Doschd.

Amtsinhaber Putin hat noch nicht öffentlich gesagt, ob er im kommenden Frühjahr wieder antreten wird, jedoch geht die russische Öffentlichkeit davon aus. Offiziell müssen die Kandidaten bis Dezember aufgestellt werden.

„Als ich 18 war, wurde Wladimir Putin Präsident.“ Quelle: dpa

Sobtschaks Kandidatur kommt nicht überraschend. Zuletzt hatte es Spekulationen gegeben, dass eine Frau als Gegenbewerberin zum unausgesprochenen Kandidaten Putin gesucht werde. Auch Sobtschaks Name fiel dabei. Putins Sprecher Dmitri Peskow sagte der Agentur Tass, Sobtschak habe ihre Entscheidung nicht mit dem Kreml besprochen.

Das kritische Portal newtimes.ru stufte die Journalistin indes als vom Kreml gewünschte liberale Oppositionelle ein. „Sie soll die Aufmerksamkeit der liberalen Wählerschaft erregen“ – und damit auch die Kandidaten der Kommunisten und der Liberaldemokratischen Partei (LDPR) in Schach halten, hieß es.

Bislang haben unter anderem der Rechtspopulist Wladimir Schirinowski von der LDPR sowie Grigori Jawlinski von der liberalen Oppositionspartei Jabloko ihre Kandidaturen erklärt. Beide waren schon mehrfach angetreten. Jabloko ist nicht in der Duma vertreten. Die LDPR hat 39 Mandate, sie gilt als „systemnahe Opposition“. Die Kommunistische Partei hat sich noch nicht festgelegt.

Nawalny sieht das anders und fordert das Recht auf eine Kandidatur

Zudem möchte sich der Anti-Korruptions-Aktivist Nawalny auf das höchste Staatsamt bewerben. Die Wahlbehörde will ihn aber wegen einer Bewährungsstrafe nicht zulassen. Erst am Dienstag hatte Wahlleiterin Ella Pamfilowa bekräftigt, dass sich Nawalny wegen der Verurteilung nach derzeitigem Stand erst von 2028 an zur Wahl stellen könne.

Nawalny sieht das anders und fordert das Recht auf eine Kandidatur ein. Er hat landesweit rund 80 Wahlkampfbüros eröffnet und organisiert immer wieder zu Proteste. Derzeit sitzt er wegen des Aufrufs zu einer nicht genehmigten Kundgebung eine Arreststrafe ab.

Sobtschak könnte nach Einschätzung von newtimes.ru auch als ausdrückliche Gegnerin Nawalnys auftreten. „Sie wird Nawalny aus der Position der liberalen Journalistin kritisieren und ihm Führerprinzip und Populismus vorwerfen“, schrieb das Portal unter Berufung auf Kremlkreise. In der Zeitung „Wedomosti“ schrieb Sobtschak jedoch, sie rufe auch dazu auf, Nawalny zuzulassen.

Von Thomas Körbel dpa/RND