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Politik Mit Karacho in die Wirtschaftskrise
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07:02 06.07.2018
„America first“: Der Präsident feierte am 4. Juli auf seine Art den Unabhängigkeitstag: Grimmig, stolz und mit erhobener Faust. Quelle: Foto: Getty
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New York/Peking

Kevin Hassett, der Wirtschaftsberater des US-Präsidenten, fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut, als er jüngst im Weißen Haus vor die Presse trat.

Hassett wollte eigentlich optimistische Botschaften verkünden. Er wollte das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft preisen, die niedrige Arbeitslosigkeit, die hohen Börsenkurse. Neben seinem Rednerpult stand ein Bildschirm mit schönen bunten Charts.

Doch was immer er auch sagte – die Skepsis seines Publikums blieb im Raum hängen wie Blei.

Reden wider besseres Wissen

Hassett kannte den Grund: Er selbst hatte eine vertrauliche interne Analyse angefertigt, die zu Sorgen Anlass gibt. Entgegen der offiziellen Linie des Präsidenten kommt die Studie zu dem Schluss, dass der von Donald Trump begonnene Handelskrieg der USA mit praktisch dem Rest der Welt erhebliche negative Auswirkungen haben wird – auch auf die USA selbst.

Das Papier bestätigt lediglich, was unter Wirtschaftsexperten seit Langem als unstrittig gilt. Dumm für Hassett war nur, dass auch die „New York Times“ von der Geheimstudie Wind bekam – und das Weiße Haus nun als eine Institution dasteht, die selbst nicht mehr an das glaubt, was sie nach außen hin verkündet.

Eine „gigantische nasse Decke“

Sofort wurde der Kongress hellhörig. Schon seit Wochen hatten auch Trumps republikanische Parteifreunde davor gewarnt, mit einem nicht zu Ende gedachten Handelskrieg die heimische Konjunktur abzuwürgen. Mit einem Handelskrieg, warnte etwa der Republikaner Jeb Hensarling, Vorsitzender des Finanzkomitees im Abgeordnetenhaus, werfe Trump „eine gigantische nasse Decke der Unsicherheit“ auf die US-Wirtschaft.

Hassett hielt dagegen, so schlimm werde es schon nicht werden. Trump sei „ein hervorragender Verhandler“, beschwichtigte er die Skeptiker, er werde andere Regierungen schon davon überzeugen, ihre Märkte für amerikanische Güter und Dienstleistungen zu öffnen.

Doch davon ist bislang nichts zu spüren. Im Gegenteil. China und die EU reagieren inzwischen hart auf Trumps Abschottungszölle.

China wehrt sich mit einem Vergeltungsschlag

Für Freitagnacht, null Uhr, hat die Regierung von Präsident Xi Jinping die Verhängung von Schutzzöllen in großem Stil angekündigt – als Vergeltung für die amerikanischen Zölle, die ebenfalls an diesem Freitag in Kraft treten sollen. Trump wiederum hat bereits den Gegenschlag auf den Gegenschlag beschrieben: Dann werde er chinesische Waren im Wert von 200 Milliarden Dollar mit neuen Abschottungszöllen belasten. Kein Ökonom irgendwo auf der Welt glaubt, dass so massive Eingriffe in den Handel möglich sind ohne einen Einbruch beim Wirtschaftswachstum, ohne Firmenpleiten, ohne Jobverluste – auf allen Seiten.

Längst geht es nicht mehr um Nadelstiche. Globale Machtproben sind in Gang gekommen, wie man sie seit den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr gesehen hat.

In Sachen Handelskrieg kann niemand China etwas vormachen – und besonders nicht Präsident Xi Jinping.

Schon damals wollten die Amerikaner in einer nationalistischen Aufwallung „amerikanische Jobs besser schützen“ und führten im Rahmen des Smoot-Hawley-Zollgesetzes eine Abschottungssteuer nach der nächsten ein – bis rund um die Welt der Handel einbrach und hohläugige Heere von Arbeitslosen sich in Europa an die Abschaffung der Demokratie machten.

Vielleicht dachte Trump am Anfang, er könne bluffen, wie einst als Immobilienmagnat in New York. Warum nicht mal ein bisschen die Muskeln spielen lassen, um die Verhandlungspartner schon vorab in die Knie zu zwingen?

Wenn Propaganda Politik ersetzt

Doch die Rechnung geht nicht auf. Die EU zeigt sich erstaunlich hart, China erst recht. Experten halten inzwischen die sturen Prognosen der Trump-Regierung, wonach das robuste Wachstum der amerikanischen Wirtschaft trotz Handelskriegs anhalten werde, für Propaganda pur: Trump und seine Leute seien überdreht und ignorierten die Gefahren für ihr eigenes Land.

Der ehemalige Direktor der US-Notenbank, Ben Bernanke, verwies jüngst auf die „Roadrunner“-Szenen aus einer beliebten Zeichentrickserie. In den Hetzjagden rennt Wile E. Coyote regelmäßig über den Rand einer Klippe. Dass er keinen Boden mehr unter den Füßen hat, merkt er erst, als es zu spät ist – und er in jenen Abgrund schaut, in den er dann, nach einigen Millisekunden des Entsetzens, hinabstürzt.

Hat sich der Abgrund bereits aufgetan?

Manche Experten sehen den Absturz in die Rezession erst 2019 kommen, vielleicht auch erst 2020. Es kann jedoch alles auch viel schneller gehen. Das Timing ist ungewiss, der Ablauf der Dominoeffekte aber steht schon fest:

Trumps Abschottungszoll lässt die Produktionskosten aller Firmen in den USA steigen, die importierte Teile einbauen.

Die Mehrkosten könnten an die Verbraucher weitergereicht werden. Dann hätten die Amerikaner mit Preissteigerungen zu kämpfen, denen keine Lohnsteigerung gegenübersteht.

Ein Teil der Mehrkosten könnte auch durch Abbau von Jobs oder deren Verlagerung ins Ausland aufgefangen werden.

Die Verunsicherung bei Arbeitnehmern könnte zu Kaufzurückhaltung führen, diese wiederum könnte die Wirtschaft zu neuen Sparmaßnahmen veranlassen.

„Eine Rezession wie aus dem Bilderbuch“ könne sich auf diese Art entfalten, warnt Michelle Meyer, Wohnungsmarktexpertin bei der Bank of America Merrill Lynch. Wie ein Handelskrieg amerikanischen Interessen dienen könnte, bleibt vielen amerikanischen Ökonomen schleierhaft. „Ich kann nicht erkennen, dass irgendetwas Positives daraus entsteht“, sagt Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman.

Drohungen Harley-Davidson – ein Novum in der US-Geschichte

Die ersten Lehrbuchbeispiele für den Weg vom Handelskrieg zur Rezession sind schon zu besichtigen. Harley-Davidson, doppelt getroffen durch Trumps neuen Zoll auf Spezialstahlimporte und die neuen Gegenzölle der EU, hat sich bereits entschieden, in den USA Jobs abzubauen. Prompt geriet Trump außer sich und bedrohte – ein Novum in der US-Geschichte – vom Weißen Haus aus ein einzelnes Motorradwerk mit regierungsamtlichen Gegenmaßnahmen: Man arbeite mit Konkurrenten von Harley zusammen, die gern in die USA kommen wollten.

Ökonomen sind entsetzt. Da verbeißt sich ein US-Präsident in einen Konflikt um eine Motorradfirma in Wisconsin – und verliert das große Gesamtbild aus den Augen.

Kein gutes Zeichen: Die Yield-Kurve fällt

Es gibt eine Grafik, die in ihrer Orakelhaftigkeit herausragt aus der Fülle der immer neuen Daten und Diagramme aus dem Wirtschaftsleben. Sie ist psychologisch stark aufgeladen und gilt unter Ökonomen als historisch erprobtes Zeichen drohenden Unheils: die Yield-Kurve.

Eigentlich beschreibt sie nur etwas rein Technisches: die Differenz zwischen dem Zins auf zehnjährige und dem Zins auf zweijährige US-Staatsanleihen. Normalerweise sollten sich die beiden Zahlen klar unterscheiden. Für die länger laufenden Anleihen gibt es normalerweise deutlich höhere Zinsen – als Ausgleich für den erwarteten Anstieg von Preisen infolge des üblicherweise erwarteten Wachstums. In jüngster Zeit aber schrumpft seltsamerweise die Zinsdifferenz. Fachleute deuten dies als möglichen Beginn einer leisen Vertrauenskrise. Die Yield-Kurve ist inzwischen auf Werte um 0,34 Prozentpunkte gefallen. So niedrig war sie zuletzt im Jahr 2007 – als die US-Wirtschaft in die tiefste Krise seit 80 Jahren steuerte.

In der New Yorker Finanzwelt kursieren mittlerweile Einschätzungen, wonach Trump seit seinem Amtsantritt eigentlich alles falsch gemacht hat, was er falsch machen konnte. Seine Steuererhöhungspolitik war nach Auffassung von Bernanke ein „unnötiger Stimulus“, der nur dazu führte, dass die Wirtschaft überhitzt. Finanziert wurde diese Vergünstigung, von der die Armen in den USA nicht einen Cent abbekommen, durch eine weiter gesteigerte Staatsverschuldung. Parallel dazu hat Trump einige Beschränkungen und Sicherheitsvorschriften für die Banken gelockert. Staat und Privatleute steuern jetzt erneut fröhlich in Richtung einer steigenden Verschuldung – als könne nicht schon hinter der nächsten Kurve der von Bernanke beschriebene Abgrund gähnen.

Noch allerdings geht es den Amerikanern gut. Noch kaufen auch die Chinesen amerikanische Produkte.

Vor dem Apple Store auf Pekings Einkaufsmeile Wangfujing zum Beispiel bildete sich gestern trotz schwüler Hitze eine lange Schlange. „Ich will zuschlagen, bevor das iPhone X noch teurer wird“, sagt Liu Ziwei. „Denn sollte der Streit zwischen China und den USA eskalieren, passiert das“, befürchtet der 28-Jährige.

Noch ist auf Pekings Straßen nicht viel vom Handelskrieg zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt zu spüren. Starbucks, Levi’s, Kentucky Fried Chicken und Apple mangelt es nicht an Kunden. Doch das kann sich rasch ändern.

Chinas stärkste Waffe: US-Anleihen

„China ist ein Veteran der Wirtschaftskriegsführung“, sagt Xie Yanmei, Ökonomin in Peking. Trump werde es am Ende noch bereuen, sich mit dem Drachen angelegt zu haben. Als 2012 der Streit zwischen Japan und China um ein paar Inseln im Ostchinesischen Meer hochkochte, musste Chinas Führung nur ein paar antijapanische Demonstrationen zulassen – schon brannten auf den Straßen die Autos japanischer Hersteller. Toyota und Nissan brauchten Jahre, um auf dem weltgrößten Automarkt wieder mithalten zu können. Und als Südkorea vor knapp zwei Jahren gegen Chinas Willen den USA gestattete, das Raketenabwehrsystem Thaad auf seinem Boden zu errichten, mussten in China Dutzende Kaufhäuser des südkoreanischen Konzerns Lotte ihre Pforten schließen – angeblich wegen Verstößen gegen die Hygienevorschriften. Lotte hat seither nicht mehr wieder Fuß gefasst in China.

Chinas schlagkräftigste Waffe aber sind seine vielen US-Staatsanleihen. China hält Anleihen im Wert von mehr als einer Billion Dollar – und ist damit der größte Gläubiger der USA.

Von Sebastian Moll und Felix Lee

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