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Politik Merkels Rede:„Ich weiß, dass ich Eure Nerven damit sehr auf die Probe gestellt habe.“
Nachrichten Politik Merkels Rede:„Ich weiß, dass ich Eure Nerven damit sehr auf die Probe gestellt habe.“
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16:30 07.12.2018
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat auf dem 31. Bundesparteitag in Hamburg ihre letzte Rede als Parteivorsitzende der CDU gehalten. Quelle: dpa/ Michael Kappeler
Hamburg

Minutenlange ebbte der Applaus in der Hamburger Messehalle nicht ab, auch nachdem Angela Merkel das Rednerpult verlassen hat. Viele der Delegierten hielten ein Schild mit der Aufschrift „Danke Chefin“ in den Händen, während eine sichtlich gerührte Merkel ihnen zuwinkte.

Merkels letzte Rede als CDU-Vorsitzende

Ihre letzte Rede als Vorsitzende der CDU nutzte Merkel, um auf die 18 Jahre zurückzublicken, in denen sie die Partei führte. Neben ernsten Tönen schien auch immer wieder eine gute Portion Selbstironie in den Worten der Bundeskanzlerin durch. Direkt zu Anfang ihrer Ansprache berichtete sie davon, die Mitarbeiter des Konrad-Adenauer-Hauses, in den Wahnsinn getrieben zu haben, weil sie sich nur schwer auf ein Motto des Parteitages festlegen konnte. Sie erinnerte auch an das Motto ihres ersten Parteitages als Vorsitzende der Partei 2000 in Essen: „Zur Sache“. Kein Wort von Deutschland, der Zukunft, den Werten der Partei oder Sicherheit. „Typisch Merkel. In der Sache knochentrocken“, resümierte die 64-Jährige und erntete für diese Selbstreflexion viel Applaus.

2000 stand die CDU kurz vor dem Aus

Damals, kurz nachdem die Spendenaffäre um den ehemaligen Bundeskanzler und Parteivorsitzenden Helmut Kohl, aufgeflogen war, habe die Partei am Boden gelegen. „Moralisch und finanziell stand die CDU kurz vor dem Aus. Aber wir haben uns nicht irre machen lassen, nicht klein bei gegeben“.

Die Partei habe ihren 1998 begonnenen Erneuerungsprozess wieder aufgenommen und intensiviert. 18 Jahre und 72 Landtags-, Bundes- und Europawahlkämpfe sind seit dem vergangen. „72 Mal hoffen, bangen, leiden, gewinnen und verlieren“. Heute sieht Merkel die CDU wieder als Partei, die zusammenführt und zusammen führt, Worte, die auch das Motto des 31. Bundesparteitages bilden.

Denn wer sonst solle das Land führen, fragte Merkel, wenn nicht die Christlich Demokratische Union. „Mit unseren Wurzeln, den konservativen, den christlich-sozialen und den liberalen. Mit unseren Werten und dem Führungsanspruch als die Volkspartei der Mitte in Deutschland“. Schließlich habe die CDU in der 70-jährigen Geschichte der Bundesrepublik 50 Jahre lang den Kanzler oder die Kanzlerin gestellt. „Die anderen nur 20 Jahre lang“, merkte die scheidende Vorsitzende mit Hinweis auf die SPD an. Dennoch sei dies kein Grund zum Stolz, sondern Anlass zur Demut.

„Sie haben mir nichts vorenthalten.“

Fünf Fragen habe sich die langjährige Parteivorsitzende vor dem Bundesparteitag gestellt:

Was hat die Partei und Merkel vor 18 Jahren in Essen eigentlich zusammen geführt? Daraufhin zitiert sie aus ihrer Rede von damals und berichtet von ihren begeisterten Aufbruch in die Demokratie nach Wiedervereinigung Deutschlands 1989.

Zweitens fragte sie, was sie und die Partei einander verdanken? „Unendlich viele Stunden des gemeinsamen Nachdenkens und Ringens um Antworten.“

Drittens: „Was haben wir uns vorenthalten?“ Auch hier greift Merkel zu Humor und Selbstkritik: „Sie mir gar nichts! Ich habe intensiv darüber nachgedacht, mir ist nichts eingefallen. Ich habe Ihnen und euch deftige Angriffe auf politischen Gegner vorenthalten, lieber das Florett gewählt oder geschwiegen.“ Sie habe bewusst nicht über jedes Stöckchen springen wollen, das der CDU in aufgeregten Debatten hingehalten worden sei. „Ich weiß sehr wohl, dass ich Eure Nerven damit sehr auf die Probe gestellt habe“, sagt die scheidende Chefin über ihren Politikstil.

Viertens fragte Merkel, warum sich die Wege von ihr und der Partei jetzt trennen müssen. Es sei ihr Verständnis als Kanzlerin und als Vorsitzende, dass die Diener des Staates alles in ihrer Macht Stehende täten, um für Frieden und Zusammenhalt des Landes zu sorgen. Dazu gehöre auch über die eigene Position nachzudenken. „Das Ergebnis meines Nachdenkens kennen Sie“.

Emotionaler Abschied von ihrer Zeit an der Spitze der Partei

Die letzte Frage der Kanzlerin an sich selbst lautete: Was wünschen wir einander? Sie wünsche sich für ihre Partei, dass diese nie, ihre christlich-demokratische Haltung vergesse. „Wir Christdemokraten grenzen uns ab, aber niemals grenzen wir aus. Wir Christdemokraten streiten –und zwar nicht zu knapp – aber niemals hetzen wir oder machen andere Menschen nieder. Wir Christdemokraten machen keine Unterschiede bei der unantastbaren Würde des Menschen, wir spielen niemanden gegen den anderen aus“. Für diese leidenschaftliche Antwort erhielt Merkel langen Applaus.

Der letzte Teil ihrer Rede war von Emotionen getragen. Sie berichtete von dem Begräbnis des ehemaligen US-Präsidenten George H. Bush, dem sie diese Woche in Washington beigewohnt hatte. Da habe sie noch einmal gespürt, welches unglaubliche Glück dieser Staatsmann als Präsident zur Zeit des Mauerfalls für Deutschland gewesen sei, weil er den Mut und die Kraft aufbrachte, den Deutschen und ihrem damaligen Kanzler Helmut Kohl zu vertrauen. Ohne diese Entscheidung stünde auch die CDU nicht da, wo sie heute ist.

18 Jahre lang durfte Merkel Vorsitzende, „dieser großartigen und einzigen Volkspartei der Mitte in Deutschland sein. Eine Aufgabe, die ich versucht habe mit Hingabe und Leidenschaft auszufüllen. Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren und auch nicht als Vorsitzende. Ich habe mir immer gewünscht, meine Ämter in Würde tragen und auch zu verlassen. Jetzt ist Zeit ein neues Kapitel aufzuschlagen“. Mit einem Dank an ihre zahlreichen Mitarbeiter und Unterstützer endete Merkels letzte Rede als Parteivorsitzende der CDU.

Der CDU werde sie aber verbunden bleiben: „Für meine Verbundenheit mit der Partei brauche ich keinen Parteivorsitz“, sagte Merkel, „und Bundeskanzlerin bin ich ja auch noch.“

Von Pia Siemer/RND

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