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Politik Merkel, Putin und das große Spiel
Nachrichten Politik Merkel, Putin und das große Spiel
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15:02 20.04.2018
Grafik Russland-Sanktionen Quelle: Grafik: RND; Quelle: Forsa
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Berlin

Waren die Russen die Übeltäter?

An einem Sommertag in den Sechziger Jahren verschwand in der Nähe von Templin, das damals noch in der DDR lag, das Fahrrad der Schülerin Angela Kasner, die damals noch nicht Merkel hieß.

Die kleine Angela war mit anderen Kindern durch die Wälder im Norden Brandenburgs geradelt, auf der Suche nach Beeren und Pilzen. Die Fahrräder hatten sie am Waldrand abgelegt. Als die Tour weiter gehen sollte, waren drei Drahtesel weg. Der Verdacht fiel auf sowjetische Soldaten.

Doch am Ende war es fast wie heute in der Debatte um Giftgas in Syrien und den Fall Skripal in Großbritannien: Es gab Hinweise, Verdächtigungen und Vermutungen – aber keinen eindeutigen Beweis.

Putzigerweise kommt die Sache in diesen Tagen wieder hoch.

Wladimir Jakunin, ein langjähriger, enger Putin-Vertrauter, einst Geheimdienstchef, später Bahnchef in Russland, beschreibt in einem soeben erschienenen Buch, wie er gleich zu Beginn einer Begegnung mit der heutigen Kanzlerin deren vermutetes Trauma habe heilen wollen: „In der Nähe gibt es ein großes Kaufhaus“, habe er der Kanzlerin gesagt. „Ich könnte dorthin eilen und alle Fahrräder kaufen.“

Merkel will beweglich bleiben

Dabei hatte Merkel schon im Jahr 2005, auf den Vorfall mit den Fahrrädern angesprochen, gegenüber deutschen Journalisten gesagt: „Ich trage keine frühkindlichen Schäden mit mir herum, wenn Sie darauf anspielen wollen.“

Merkel will beweglich bleiben, was die Russen angeht. Nichts Positives ausschließen, aber auch nichts Negatives. Diese Linie beschrieb sie auch am Mittwoch dieser Woche in Bad Schmiedeberg in Sachsen-Anhalt, bei einem Treffen mit den Ministerpräsidenten aller ostdeutschen Bundesländer. Hinter verschlossenen Türen wurde da plötzlich sehr ernsthaft über die Sanktionspolitik des Westens gegenüber Russland gestritten, und der Riss ging auch quer die CDU.

Forsa-Umfrage zu Russland-Sanktionen, aufgeteilt nach Parteianhägerschaft. Quelle: RND

Merkel beschwichtigte. Sie sei keineswegs ideologisch festgelegt auf einen harten Anti-Russland-Kurs. Wenn Putin endlich anfange, im Ukraine-Konflikt die Vereinbarungen von Minsk umzusetzen, werde man auch die Sanktionen lockern. Vorher aber nicht.

Merkel weiß: Wer jetzt die Nerven verliert, hat gleich auch das ganze Spiel verloren.

Soll man es mit Schach vergleichen? Mit Poker? Das Kuriose ist: Es ist über die Jahre immer mehr zu einem Spiel zwischen ihr und Putin geworden, zu einer mehrdimensionalen Kraftprobe, mit politischen, ökonomischen und nicht zuletzt psychologischen Faktoren.

Putin spielt immer ein doppeltes Spiel

Merkels Beziehung zu Putin war von Anfang an eine Psycho-Kiste. Mitunter steigerten sich beide in ihren Vier-Augen-Gesprächen hinein in eine für beide verblüffende Spezialbeziehung, er auf Deutsch, sie auf Russisch. Oft aber mündete das gute gegenseitige Verständnis oft nur in eine erschreckend präzisen Darstellung ihrer unterschiedlichen Auffassungen.

Putin, das hat Merkel oft genug erlebt, spielt immer ein doppeltes Spiel. Sie kennt seine düstere, seine eiskalte Seite. Mal ließ er sie bei einem Besuch in Moskau unendlich lange warten. Mal behelligte er sie, die als Kind mal gebissen wurde und seither Hunde fürchtet, vor laufenden Kameras mit seinem schwarzen Labrador Koni. Putin kann nicht nur lügen mit völlig unbeweglichem Gesicht. Er hat die moderne Inszenierung des Unwahren mittlerweile zu einer eigenen Kunstform gemacht. Da lässt er im Jahr 2014 grüne Männchen auf die Krim marschieren. Dann leugnet er allen Ernstes, dass es russische Soldaten sind. Und im dritten Akt zeichnet er die russischen Soldaten für ihren Einsatz auf der Krim mit einem Orden aus.

Merkel schickt Bier in den Kreml

Der Höhepunkt der Entfremdung war erreicht, als seinerzeit auch noch berichtet wurde, dass Putin sich immer mehr in die Werke bestimmter russischer Philosophen hineinschraube, dass er Menschen ernst und Tieren lächelnd begegne – und dass er, wie das US-Magazin „Newsweek“ 2014 notierte, morgens „erst mal zwei Stunden schwimmen geht“. Seufzend sagte Merkel damals über Putin: „Er lebt in seiner eigenen Welt.“

Angst vor Russland? Forsa-Umfrage aus dem April 2018. Quelle: RND

In dem, was Putin in jenem Jahr tat, sah Merkel eine nicht mehr ganz normale Aggression: gegen die Ukraine, gegen den Westen, gegen das Völkerrecht, gegen das Prinzip der Wahrheit. Das alles musste Konsequenzen haben, da war sich Merkel mit dem Rest des Westens einig.

Doch die Kanzlerin kennt auch die andere Seite Putins. Den Mann, der ihr bei ersten Begegnungen erzählte, wie er als KGB-Resident in Dresden wohnte. Den Mann, der im Jahr 2010 für eine Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok warb – und zu wenig Gehör fand. Es war ein historischer Fehler des Westens.

Eine jahrelange Kraftprobe zwischen Merkel und Putin

Einmal entlud sich die Spannung zwischen Merkel und Putin in nächtlichem Blitz und Donner unter vier Augen. Im australischen Brisbane, am Rande des G-20-Gipfels im November 2014, stritten Merkel und Putin zur Verwunderung beider Delegationen fast eine ganze Nacht unter vier Augen in einem Hotelzimmer: Wie soll es nun, nach der Annexion der Krim, weiter gehen mit Russland und dem Westen?

Er prophezeit damals, der Westen werde die Sanktionspolitik nicht durchhalten, ökonomischer Eigensinn werde EU und USA schon bald wieder einlenken lassen. Merkel konterte, Putin unterschätze die westliche Welt, vor allem aber überschätze er sich selbst und die Wirtschaft Russlands; früher oder später, sagte sie ihm voraus, werde man sich wieder über das gleiche Thema unterhalten. Ob die jetzt anstehende Kraftprobe vielleicht einige Jahre dauere, sei ihr egal.

Die Frau aus der Uckermark kann extrem stur sein. Putin reiste damals vorzeitig aus Brisbane ab.

Zurück blieb aber immerhin der Eindruck, dass man einander versteht. Beide können ohne Umschweife zur Sache kommen, auch sarkastisch werden, alles ohne diplomatischen Firlefanz. Der Gesprächsfaden blieb erhalten, auch in weltpolitisch schwierigsten Zeiten. „Angela schickt mir von Zeit zu Zeit ein paar Flaschen Radeberger Bier“, erzählte Putin im März dieses Jahres im russischen Staatsfernsehen.

Deutsche setzen auf Entspannung

Die meisten Deutschen, das zeigen Umfragen, sind ganz froh, dass da jemand in Berlin einen speziellen Draht nach Moskau hat. Briten und Amerikaner etwa können dies mit Blick auf ihre Regierungschefs nicht sagen. Während Premierministerin Theresa May nur über Putin rede, ätzte ein britischer Kommentator dieser Tage, rede die deutsche Kanzlerin mit ihm. Telefoniert hat Merkel mit Putin zuletzt am Dienstag. Am Mittwoch erwähnte sie dann beiläufig, während sie neben der neuseeländischen Ministerpräsidentin im Kanzleramt vor der Presse stand, sie werde Putin bald auch persönlich treffen: „Ich denke, die Zahl der Themen erfordert, dass man sich in absehbarer Zeit direkt austauscht.“

Den deutschen Wählern wird das gefallen. Laut Politbarometer macht den Deutschen generell die Politik von Donald Trump mehr Sorgen (82 Prozent) als die von Putin (53 Prozent). Und eine Forsa-Umfrage zeigt, dass auch in Merkels Union die Stimmung kaum von der in anderen Parteien abweicht.

Trump oder Putin – wer gefährdet den Weltfrieden massiver? Quelle: RND

Vorbei sind die Zeiten, in denen allein die CDU für die Westbindung warb und allein die SPD sich für die Öffnung nach Osten aussprach. Die neue Generalsekretärin der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer, hat die neue Situation längst gepeilt – und will sie sich zunutze machen. „Ich bin entschieden dafür, dass wir Gesprächskanäle, die wir mit Russland haben, auch aktiv nutzen”, sagte Kramp-Karrenbauer an diesem Montag in Berlin und fügte, etwas orakelhaft, hinzu: „Das ist sicherlich auch etwas, wo die Kanzlerin eine entscheidende Rolle spielen kann.”

Die Frage ist: Macht Putin mit?

In der Tat könnte Merkel mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sollte es ihr gelingen, Putin zurückzuholen in die Welt des regelbasierten Zusammenwirkens, vor allem bei den Themen Ukraine, Syrien und Gas, hätte Merkel nicht nur etwas für den Weltfrieden getan. Sie hätte auch ihre eigene Stellung gestärkt: auf der Weltbühne, aber auch im Inland, bis hinein in die russlandfreundlichen Wählerschichten von Linkspartei und AfD.

Die entscheidende Frage ist: Macht Putin mit, lässt er sich auf etwas Neues ein?

In der deutsch-russischen Szene glauben viele, die Zeit sei reif für einen Dreh. In Moskau wackeln die Aktienkurse, Kapital wird aus dem Land abgezogen, der Rubel fällt. Die Oligarchen, teils heftig getroffen von den jüngsten US-Sanktionen, werden unruhig. Zudem haben viele Russen es satt, weltweit schief angesehen zu werden als Giftmörder.

„Vielleicht musste es erst schlechter werden, damit es jetzt bald besser wird“, sinnierte ein Diplomat dieser Tage. Putin wünsche sich jetzt dringend eine Beruhigung der Lage, und zwar schon vor Beginn der Fußball-WM in Russland am 14. Juni. Dabei könne die deutsche Kanzlerin behilflich sein.

Manche skizzieren sogar schon ganz neue, viel weiter reichende Visionen: Wenn Deutsche und Russen auf kluge Art ein neues Miteinander organisierten, könne bald die gesamte eurasische Zone zu einem Gebiet ungeahnter neuer ökonomischer Dynamik werden. So könnten die EU und Russland sich auch eher gegen China behaupten. Plötzlich ahnen die Spieler in Berlin und Moskau, dass sie, wenn sie zusammenwirken, mehr verändern können als nur ein paar Details.

Von Matthias Koch

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