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22:00 17.08.2017
Gedenkstätte Lewaschowo in Russland: Hunderttausende Menschen ließ Stalin ermorden. Quelle: dpa
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Moskau

Das Gräberfeld von Lewaschowo ist ein bedrückender Ort. Kiefern überragen den unebenen Boden voller Hügel und Gräben. In den Massengräbern am Stadtrand von St. Petersburg liegen 19 450 Menschen. Viele von ihnen wurden zwischen 1937 und 38 ermordet, als der Terror des Sowjet-Diktators Josef Stalin am schlimmsten wütete.

Von August 1937 bis November 1938 wurden in der Sowjetunion etwa 1,5 Millionen Menschen als angebliche Volksfeinde, Verräter oder Spione verhaftet, 680 000 wurden hingerichtet. Es gibt in Russland viele solcher Stätten, an denen die Henker des damaligen Geheimdienstes NKWD ihre Opfer verscharrten: Butowo und Kommunarka bei Moskau, Sandarmoch und Krasny Bor im nordrussischen Karelien...

Am Grab ihres Vaters: Irina Tyrul (links) und ihre Nichte Oxana besuchen die Gedenkstätte Lewaschowo. Hier liegen 19 500 Opfer des Stalin-Terrors. Quelle: dpa

In St. Petersburg, damals Leningrad, fielen dem „Großen Terror“ (so der Historiker Robert Conquest) 45 000 Menschen zum Opfer. Es gibt keine genauen Totenlisten für Lewaschowo, aber wahrscheinlich liegen hier der Religionsphilosoph Pawel Florenski und der Dichter Boris Kornilow.

„Einmal im Jahr kommen wir hierher, um die Toten zu ehren“, sagt Irina Tyrul (84). Die Russin lettischer Abstammung hat aus den Akten erfahren, dass ihr 1944 ermordeter Vater Alfred Tyrulis in Lewaschowo beerdigt wurde. Sie hat ihm einen kleinen Grabstein gesetzt. Zu Sowjetzeiten waren die Massengräber streng geheim, seit 1989 ist Lewaschowo eine Gedenkstätte. Mit Bildern an Bäumen, mit Kreuzen und Steinen geben seitdem Hinterbliebene den Opfern ihre Namen zurück.

Für jedes Land eine Schleife: Stalin fürchtete 1937, die Ausländer in Russland könnten sich im Kriegsfall gegen ihn wenden – deshalb ließ er auch Russlanddeutsche, Polen, Letten, Esten, Finnen, Griechen, Iraner, Koreaner und Chinesen umbringen. Quelle: dpa

Die heutige Führung wolle über den Stalin-Terror möglichst nicht reden, sagt Tyrul. Russland gedenkt dieses Jahr der Februarrevolution und der Oktoberrevolution 1917. Dazwischen liegt der blutige 1937er Sommer vor 80 Jahren als unbequemes drittes „Jubiläum“. „Der Große Terror ist ein Schlüsselmoment im Streit über Stalin und darüber, was sein Erbe für die heutige Entwicklung des Landes bedeutet“, sagte der Historiker und Stalin-Biograf Oleg Chlewnjuk in Moskau.

Für die Stalin-Gegner in Russland beweisen die Terroropfer klar, wie verbrecherisch seine Herrschaft war. Die andere Seite unterstreicht Stalins Rolle als Sieger über den Faschismus im Zweiten Weltkrieg. Die politische Konjunktur stärkt eher diese Seite. Präsident Wladimir Putin wehrt sich gegen zu viel Kritik. „Eine übermäßige Dämonisierung Stalins ist ein Mittel, um die Sowjetunion und Russland anzugreifen“, sagte er vor der Kamera von US-Regisseur Oliver Stone.

Namenloses Bild eines Opfers: Präsident Wladimir Putin sieht Kritik an Stalin auch als Kritik an der Sowjetunion und am heutigen Russland. Quelle: dpa

In mehreren russischen Städten sind dem Gewaltherrscher Stalin in den letzten Jahren Denkmäler gesetzt worden. Wer die Vergangenheit aber aufarbeiten will, wird behindert. Den angesehenen Forscher Juri Dmitrijew von der Gesellschaft Memorial, der die geheimen Massengräber des Terrors in Karelien gefunden hat, haben die Behörden wegen angeblicher Kinderpornografie vor Gericht gezerrt.

Die sowjetische Herrschaft und Stalin seien ohne Gewalt nicht denkbar, sagt Chlewnjuk. 1937 türmten sich verschiedene Wellen des Terrors auf. Bekannte Parteifunktionäre wurden in Schauprozessen abgeurteilt; die Rote Armee erlitt Repressionen, Vize-Verteidigungsminister Michail Tuchatschewski wurde erschossen.

Der große Führer: Josef Stalin stammte aus Georgien und war von 1927 bis zu seinem Tod 1953 der Diktator der Sowjetunion. Millionen Menschen fielen seiner Politik zum Opfer, an der Seite der Alliierten half er aber auch, Nazi-Deutschland zu besiegen. 1956 begann die Entstalinisierung. Quelle: dpa

Doch mit dem NKWD-Befehl Nr. 00447 vom 30. Juli 1937 „zur Repression ehemaliger Kulaken, Krimineller und anderer anti-sowjetischer Elemente“ begannen die sogenannten Massen-Operationen. Wegen des Spanischen Bürgerkriegs, wegen der Aufrüstung Hitler-Deutschlands habe Stalin Kriegsgefahr gewittert und jedweden Gegner ausschalten wollen, sagt Chlewnjuk. „Es ging um die Vernichtung einer Fünften Kolonne, die es eigentlich nicht gab, nur in Stalins Denken.“

Die Verfolgung traf Bauern, ehemalige zaristische Beamte, Anhänger anderer Parteien, Priester und Gläubige. Sie wurden verhaftet, gefoltert und von sogenannten Troikas aus drei Richtern verurteilt. Jede Sowjetrepublik, jedes Gebiet bekam vorgegeben, wie viele Menschen verhaftet, wie viele erschossen werden mussten. Und jede örtliche Führung bat noch um höhere Quoten, um vor Stalin und seinem Geheimdienstchef Nikolai Jeschow gut dazustehen.

Mord nach Quoten: Jede Region bekam von Moskau vorgegeben, wie viele Menschen verhaftet und erschossen werden mussten. Quelle: dpa

Massenoperationen richteten sich auch gegen nationale Minderheiten – gegen die Russlanddeutschen, Polen, Letten, Esten, Finnen, Griechen, Iraner, Koreaner und Chinesen. 16 Monate lang wurden in der Sowjetunion täglich etwa 1400 Menschen getötet. Dann beendete Stalin den Großen Terror so plötzlich, wie er ihn begonnen hatte. Die Disziplin in den Fabriken und in der Armee sei zerfallen, der Schaden für die Wirtschaft sei zu groß geworden, mutmaßt Chlewnjuk.

In kleinerem Umfang ging das Töten weiter bis zu Stalins Tod 1953, in Lewaschowo wurden 1954 die letzten Hingerichteten begraben. Auf dem elf Hektar großen Gelände hat jede verfolgte Volksgruppe ihr Denkmal bekommen. Auch an einzelne Fabrikbelegschaften oder Berufsgruppen wird erinnert. Tyrul, ihr Mann und eine Nichte aus Wladiwostok laufen die Denkmäler ab. In der Schule sei sie noch als „Tochter eines Volksfeindes“ verunglimpft worden, erinnert sie sich. Lehrerin durfte sie nicht werden, nur im Kindergarten arbeiten. „Und trotzdem bin ich verdiente Vorschullehrerin Russlands geworden.“

Von Friedemann Kohler / RND

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