Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik Lehren aus Chemnitz: Bitte Stirnhirn einschalten
Nachrichten Politik Lehren aus Chemnitz: Bitte Stirnhirn einschalten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:46 03.09.2018
Teilnehmer der Pegida- und AfD-Demonstrationen bepöbeln in Chemnitz Polizisten Quelle: imago stock&people
Hannover

Am besten erst mal ganz tief durchatmen. Dann zurückspulen und die Szenen langsam durchgehen: Was genau regt uns alle so auf mit Blick auf Chemnitz?

Ausgangspunkt ist und bleibt der durch Messerstiche bewirkte Tod von Daniel H., eines 35-jährigen Deutsch-Kubaners, der am 26. August in Begleitung russischstämmiger Kollegen mit einem Iraker und einem Syrer aneinandergeriet, um 3.15 Uhr, am Rande eines Stadtfests. Eine Augenzeugin sagt, bei dem Streit sei es um Zigaretten gegangen. Täter und Opfer sind wegen Drogendelikten vorbestraft.

Eigentlich kann man an dieser Stelle schon die Stopptaste drücken: Die Bedeutung dieses rundum bedauerlichen Geschehens für Deutschland liegt streng genommen bei null.

Unfreiwilliger Märtyrer

Erst der Abschied vom Faktischen, darin liegt die Lehre aus Chemnitz, machte den Fall politisch relevant. Rechtsradikale schrieben im Netz, ein Deutscher sei von Asylbewerbern erstochen worden beim Versuch, eine deutsche Frau gegen sexuelle Belästigungen zu verteidigen – prompt feierten rechte Heuchler Daniel H., einen dunkelhäutigen Tischler, der ihnen stets egal war, als neuen Märtyrer und Helden.

Vermummte rannten durch Chemnitz und riefen: „Wir sind Krieger, wir sind Fans, Adolf Hitler, Hooligans.“ Der Hitlergruß wurde gezeigt. Nun rollten in- und ausländische Fernsehsender an, es entstand das Bild eines Landes am Rande des Zivilisationsbruchs. Auch das war übertrieben.

Der AfD indessen half jede Art von Aufwallung, jedes wackelige Video, jede Sondersendung. Ihr Vorsitzender stellte sich ausdrücklich vor jene, die auf den Straßen von Chemnitz nicht mehr vom Stirnhirn gesteuert wurden, wo das Gelernte gespeichert ist, die Kultur, die Regeln. „Ausrasten ist nach einer solchen Tat legitim“, sagte Alexander Gauland.

Weniger Tempo, weniger Drama

Der Law-and-Order-Mann, klarer Fall, liebt das Chaos. Je mehr Leute die Kontrolle verlieren, umso besser für seine Partei. Wenn Furcht Fakten verdrängt, übernimmt bei vielen Menschen das limbische System die Regie, ein Hirnareal, in dem Ängste und Reflexe aus der Steinzeit gespeichert sind. Man merkt es Menschen an, wenn sie „limbisch“ werden; sie hecheln, die Pupillen werden eng. Vielen pochte der Hals, als sie jetzt wieder ihrem tief sitzenden Rassismus freien Lauf ließen, begleitet vom wohligen Gefühl, umgeben zu sein von Leuten, die die gleichen völkischen Umsturzfantasien hegen.

Nichts daran ist neu. Die massenhafte Ausschaltung des Stirnhirns sah man schon in Hoyerswerda 1991, in Rostock-Lichtenhagen 1992 und in Solingen 1993 – lange vor Angela Merkel und der Ankunft syrischer Flüchtlinge. Das limbische System fragt nicht nach Kanzlern, Koalitionen oder Klauseln im Aufenthaltsrecht, es hat einfach Angst vor allem, was fremd ist. Das Gegenmittel heißt: weniger Tempo, weniger Drama – und bitte wieder das Stirnhirn einschalten.

Von Matthias Koch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Eine Nation hat Abschied genommen. Nach einer bewegenden Trauerfeier in Washington ist Senator McCain auf dem Friedhof der Marineakademie in Annapolis beerdigt worden.

03.09.2018

Die hessische SPD will die Doppelbelastung von Betriebsrenten durch Krankenkassenbeiträge abschaffen. 2004 hatte die damalige rot-grüne Bundesregierung die umstrittene Regelung selbst auf den Weg gebracht.

20.09.2018

Theresa May hat die zunehmenden Forderungen nach einem erneuten Brexit-Votum entschieden zurückgewiesen. Eine zweite Abstimmung bezeichnete die britische Regierungschefin als „Betrug an der Demokratie“.

02.09.2018