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14:00 18.01.2018
„Im August wollten wir Heu machen, kamen aber gar nicht mehr auf die Wiesen“: Landwirt Marco Hintze auf seinen überschwemmten Feldern. Quelle: Schulz
Krielow/Quedlinburg

Eigentlich könnte die Herde von Marco Hintze das ganze Jahr draußen stehen. Die Winterkälte macht seinen 200 Rindern nichts aus. Aber in diesen Tagen stehen sie alle im Stall. Die Wiesen sind einfach zu feucht, schon seit Monaten. Hintze, der einen Hof in Krielow in Brandenburg betreibt, besitzt zurzeit keine Weiden mehr, sondern eine etwa 200 Hektar große Badewanne, voll mit Wasser, Matsch und Neuschneeresten.

Dass seine Kühe im Stall stehen müssen, ist noch sein geringstes Problem. Auch das Futter wird knapp. Denn die Badewanne auf Hintzes Wiesen füllt sich schon seit dem Sommer mit immer neuen Regenmassen. „Im August wollten wir Heu machen, kamen aber gar nicht mehr auf die Wiesen. Jetzt fehlt uns das Winterfutter“, klagt der 45-Jährige, Landwirt in dritter Generation. Der Markt sei so gut wie leer gefegt.

Mit der Gesamtsituation unzufrieden: Rinder von Landwirt Marco Hintze stehen im feuchten Matsch in Brandenburg. Quelle: Schulz

Fast überall, vor allem im Norden Deutschlands, können die Böden nach einem halben Jahr mit deutlich überdurchschnittlichen Niederschlägen schon lange keine neue Feuchtigkeit mehr aufnehmen. „Das Wasser ist auf Stehkragenhöhe gestiegen“, sagt Gabi von der Brelie vom Landvolk Niedersachsen. Bauern im ganzen Land müssen vor der Nässe kapitulieren. Sie macht Äcker und Wiesen unbefahrbar für Trecker und Maschinen. Die Wintersaat konnte entweder gar nicht ausgebracht werden oder soff komplett ab. Die norddeutsche Tiefebene gleicht einem vollgesogenen Schwamm.

Eine Bilanz der Schäden hat noch niemand aufgestellt. Im Durchschnitt verursachen Extremwetterlagen eine halbe Milliarde Euro an Ernteschäden pro Jahr, hat der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft ausgerechnet. In besonders schlimmen Jahren wie im Dürresommer 2003 können daraus schnell 1,6 Milliarden Euro an Schäden werden. Und die besonders schlimmen Jahre werden zunehmen, schreibt der Deutsche Bauernverband in seiner „Klimastrategie 2.0“, die gerade vorgestellt wurde, kurz vor der Grünen Woche, die am Freitag beginnt. Die Landwirtschaft werde sich daran „erfolgreich anpassen“, steht dort. Aber was bedeutet das konkret?

200 Hektar Grünland und 400 Hektar Acker bewirtschaftet Mario Hintze. Auf den Wiesen hat der Frost die überschwemmten Flächen gerade mit einer dünnen Eisschicht bedeckt, auf den Äckern lugen die abgeernteten Maisstängel aus dem Neuschnee. Hintze mag den Anblick nicht: „Wir hätten sie unterpflügen müssen, aber wir kamen schon kurz nach der Ernte nicht mehr auf die Wiesen. So nass war es schon im August.“ Nun befürchtet er, dass sich der Maiszünsler, ein Schädling, an den Stängeln ansiedelt.

Trotz des Regens: Deutschland wird wärmer und trockener

Dabei sollte der Klimawandel doch eigentlich dafür sorgen, dass es in Deutschland wärmer und trockener wird. Sollten sich die Bauern nicht auf Dürrejahre und exotische Schädlinge vorbereiten und nicht auf Starkregen und Sumpflandschaften?

„Wir spüren den Klimawandel“, stellt Gabi von der Brelie fest. Vor der großen Flut hat es im Frühjahr und Sommer kaum geregnet, gerade dann, als die Ackerfrüchte in der Wachstumsphase waren. Teilweise hatte das groteske Folgen: „Bis zum 30. Juni haben wir unseren Mais bewässert“, sagt Landwirt Herbert Riestock aus Fehrbellin, „ab dem 1. Juli kam dann der Regen – und hört bis heute kaum auf.“

Durchschnittliche Niederschlagsmenge in Deutschland im Jahresvergleich (in Liter pro Quadratmeter). Quelle: DWD/RND-Grafik

Deutschlands Saatgutforscher aber halten den Regen nur für eine Wetterkapriole, die langfristig erhöhe Trockenheit allerdings für ein Klimawandelphänomen. Deshalb kümmern sie sich um widerstandsfähige Sorten gegen Trockenheit – und verteidigen diese Entscheidung vehement. „Erfolgreiche Anpassung“, wie es der Bauernverband postuliert, heißt für die Forscher: die Saaten widerstandsfähiger und stressfester zu machen.

Frank Ordon forscht in Quedlinburg am bundeseigenen Julius-Kühn-Institut (JKI) an Getreide und anderen Feldfrüchten. „Zwar stehen in einigen Teilen Deutschlands momentan die Äcker unter Wasser“, sagt der JKI-Vizepräsident. „Jedoch wird der Klimawandel in Deutschland regional unterschiedlich im Wesentlichen durch verringerte Niederschläge in den Frühsommer- und Sommermonaten sowie durch höhere Temperaturen in den Herbst- und Wintermonaten gekennzeichnet sein.“

Frank Ordon vom Julius-Kühn-Institut in Quedlinburg Quelle: privat

Die Pflanzen der Zukunft müssen gegen Dürre gewappnet sein. Gegen Nässe können die Züchter ohnehin wenig tun. Und sie müssen mit neuen Schädlingen und mit den von diesen übertragenen Viren klarkommen. Die Krankheiten tragen Namen, die für das Laienohr exotisch klingen.

Neue Sorten für neue klimatische Bedingungen

Ordon spricht vom Wasserrübenvergilbungs-Virus beim Mais und dem Gelbverzwergungs-Virus beim Getreide. Überträger ist die Blattlaus, die im Herbst länger aktiv sein kann, wenn die Temperaturen steigen. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die russische Weizenlaus aus der Schwarzmeer-Region in Deutschland aktiv wird.

Neben den Büros und Laboren stehen in Quedlinburg große Gewächshäuser. Hier wachsen die Sorten der Zukunft heran. Ordon und seine Mitarbeiter forschen mit Genen, arbeiten jedoch nicht mit genmanipulierten Sorten. Sie erforschen resistente Sorten und setzen sogenannte molekulare Marker im Genmaterial. Das beschleunigt die Züchtung für die Zukunft. „Wir betreiben Vorlaufforschung im Rahmen der Daseinsvorsorge“, sagt Ordon. Pathetischer ausgedrückt heißt das: Die Quedlinburger sorgen dafür, dass wir auch unter veränderten Bedingungen etwas auf dem Teller haben.

Sojabohnen Quelle: Fotolia

Auf dem Weg dorthin könnten die Felder teilweise deutlich anders aussehen als jetzt. Wenn es wärmer wird, lohnt sich der Anbau anderer Arten, die bisher nur ein Nischendasein fristen. Sojabohnen zum Beispiel. Das Futter-Soja für die Schweinemäster in Niedersachsen und anderswo wird heute zum großen Teil aus Südamerika mit dem Schiff angeliefert. Die proteinreiche Pflanze profitiert aber auch vom Boom vegetarischer und veganer Ernährung. Deutschlands größter Tofu-Produzent, die Firm Taifun in Freiburg, hat bereits Schwierigkeiten, genug gentechnikfreies Soja zu finden. In Zusammenarbeit mit der Universität Hohenheim will Taifun nun herausfinden, wo in Deutschland sich der Soja-Anbau inzwischen lohnt. „1000 Gärten“ heißt das Projekt, denn 1000 Schrebergärtner, Schulgärten und Landwirte sollen als Amateurforscher dazu beitragen, einen möglichst genauen Überblick zu liefern. 500 haben sich schon gemeldet. 2016 gab es das Projekt schon einmal, da wurde die Sojabohne in ganz Deutschland reif – und das, obwohl sie Wärme mag und auf kalte Nächte sehr empfindlich reagiert.

In Kanada wird inzwischen auf drei Millionen Hektar Soja angebaut, sagt der Projektleiter Volker Hahn von der Universität Hohenheim. „Vom Breitengrad her ginge das genauso auch in Deutschland.“ Hahn prognostiziert einen Soja-Boom in Deutschland – spätestens, wenn die Schweinemäster auf gentechnikfreies Futter umstellen wollen oder müssen.

Sonnenblume Quelle: Fotolia

Auch die Sonnenblume könnte öfter auf deutschen Äckern zu sehen sein und dazu beitragen, dass Vorpommern ein bisschen mehr an Südfrankreich erinnert. „Sie ist als Ölpflanze interessant, weil sie gut mit vielen Bedingungen klarkommt“, sagt Hahn. Das Problem ist: Für die Sonnenblume hat sich die Züchtung in den vergangenen Jahren kaum interessiert. Für die Sojabohne schon eher. Unter der Leitung von Frank Ordon reift die Eiweißpflanze auch auf den Versuchsäckern von Groß Lüsewitz in Mecklenburg – und reif wird sie dort tatsächlich. Erstaunlich, weil eigentlich bisher fast ausschließlich der milde Oberrheingraben als geeignetes Anbaugebiet galt.

Sudangras Quelle: Fotolia

Auch Hirsesorten wie Sudangras und Sorghum könnten in Zukunft vermehrt auf deutschen Äckern wurzeln. Sie wäre eine Alternative zum Mais und würden wie er als Energiepflanzen in die Biogasanlage gekippt. Doch der Mais wird sich auf absehbare Zeit kaum ganz verdrängen lassen.

Der Bauernverband fordert in seiner Klimastrategie zweierlei: mehr Aufmerksamkeit und mehr Geld. Die Forschung für Pflanzen- und Tierzucht wie bei Frank Ordon in Quedlinburg soll einen höheren Stellenwert bekommen, Beregnungs- und Bewässerungsanlagen müssten mehr gefördert werden, fordern die Bauern. Ebenso wünschen sie sich vergünstigte Versicherungsprämien und Absicherung für Landwirte und Obstbauern, die durch Ernteausfälle in ihrer Existenz bedroht sind.

Klimawandel verändert die Landwirtschaft

Eigentlich fordern sie also das, was sie oft fordern: mehr Geld zum Schutz gegen Unwägbarkeiten. Der Unterschied ist nur: Diesmal geht es nicht um kurzfristige Unterstützung, sondern um den Weg in eine durch den Klimawandel deutlich veränderte Landwirtschaft.

Marco Hintzes Kühe in Krielow hingegen wünschen sich vermutlich nur eins: dass die Badewanne vor ihrem Stall bald trockengelegt wird. Fürs Foto hat der Landwirt ein paar von ihnen aus dem Stall gelassen, sie staksen durch den tiefen Matsch und wirken mit der Gesamtsituation eher unzufrieden.

Aber, wenn die Prognosen stimmen, gibt es für sie eine Art von Trost: Die nächste Trockenzeit kommt bestimmt. Schon im nächsten Frühsommer. Für den Bauern Hintze allerdings dürfte das keine allzu gute Aussicht sein.

Von Jan Sternberg/RND

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