Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik Konzert gegen rechts: Gratis, aber nicht umsonst
Nachrichten Politik Konzert gegen rechts: Gratis, aber nicht umsonst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:09 04.09.2018
Zuschauer stehen während des Konzerts unter dem Motto „#wirsindmehr“ vor der Johanniskirche in Chemnitz. Quelle: Sebastian Willnow/dpa
Chemnitz

Ein Zeichen sollte es sein. Ein Zeichen in Zeiten, in denen Hoffnung oft schwindet und man fast verzweifelt angesichts der Bilder aus Chemnitz. So schreiben es die Veranstalter, als vier volle Konzertstunden vorbei sind. „Wir sind mehr“ war das Motto – und sie waren mehr. 65.000 Menschen zählen Stadt und Polizei am Ende des Abends, mit 20.000 hatten die Künstler kalkuliert. Musiker, für dessen Konzerte viele Menschen normalerweise viel Eintrittsgeld zahlen, haben innerhalb kürzester Zeit ein Massenevent organisiert, finanziert, und medienwirksam propagiert. Und sie haben immer wieder diesen Satz gesagt, der mehr frommer Wunsch als Gewissheit sein konnte: „Wir gehen von einem friedlichen Verlauf aus.“ Aber es blieb friedlich.

Reisegruppen aus Leipzig, Berlin, Heidelberg; Familien mit Kindern, Studenten, Hipster und Hippies – Menschen aus allen möglichen Städten und Himmelsrichtungen strömten vom Hauptbahnhof zum Platz vor der Johanniskirche – selbst weit nach Beginn der Konzerte. Sie trugen Schilder wie „Hass ist keine Alternative“ und riefen Sprechchöre wie „Alle zusammen gegen Faschismus“. Chemnitz besuchten an diesem Tag mehr Menschen als das Saarland Einwohner habe, scherzte manch einer.

Das Mini-Festival #wirsindmehr demonstriert gegen Rassismus in Chemnitz und 65.000 machen mit. Das sind die Bilder des Open-Air-Konzerts mit Kraftklub, den Toten Hosen, Marteria, Casper, Feine Sahne Fischfilet, K.I.Z. und Trettmann.

65.000 Menschen beim Konzert in Chemnitz sind ein Zeichen

65.000 Menschen sind ein Zeichen. 65.000 sind mehr, viel mehr als jene 3000, die am Samstag zuvor den 8000 rechten Pegida-, Hooligan- und AfD-Demonstranten gegenüberstanden, als es Rangeleien, Pöbeleien und am Ende 18 Verletzte gab. Der Chef der rechtsradikalen Bewegung Pro Chemnitz, Martin Kohlmann, hatte auch für Montag im Internet mit üblicher Drohgebärde zur „kritischen Teilnahme“ der Konzerte aufgerufen. Doch dem waren die wenigsten gefolgt; Störungen von rechten Gruppen gab es keine.

Laut, bunt, friedlich und viele – das Signal am Montag war gut, und doch wäre es am Samstag so viel wichtiger gewesen. Müssen erst 8000 Neonazis und Mitläufer auf offener Straße die Hand – und mitunter den rechten Arm – heben, um die Zivilgesellschaft wachzurütteln? Müssen erst (sehr prominente wie beliebte) Künstler mit einem Gratiskonzert locken, dass Fans ihnen bis nach Chemnitz folgen? Ist es Widerstand, wenn es gar keinen Gegenpart gibt?

„Wo wart ihr am Samstag?!“, hatte ein junger Chemnitzer am Montag auf sein Pappschild gemalt. Er war aufrichtig enttäuscht, dass plötzlich so viele in die Stadt kommen, wenn nur die Richtigen darum bitten, noch dazu an einem Montag. Und wo werden sie am nächsten Samstag sein, die Woche darauf, oder den Monat? „Das Problem Rassismus ist nicht letzte Woche entstanden“, hat der Kraftklub-Sänger Felix Brummer über seine Heimat gesagt. Man muss nicht links sein, um sich gegen rechts zu stellen, und man muss nicht musikalisch sein, um den Ton anzugeben – gegen Pegida, gegen Hooligans, gegen die AfD. Aber man muss etwas tun, wenn das ankam, war der Abend gratis, aber nicht umsonst.

Von Julia Rathcke/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Politik Debatte um Spahn-Vorstoß: - Organspende muss Spende bleiben

Mit seinem Vorstoß für eine Widerspruchslösung bei der Organspende setzt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf einen völlig Systemwechsel. Schnellverfahren im Parlament, verbieten sich, meint Rasmus Buchsteiner.

07.09.2018
Politik Klausur in Neuhardenberg - CSU plant Entlastungsoffensive

Nach dem Ende des Asylstreits in der Union war die CSU zumindest auf der Berliner Bühne kaum präsent. Vor dem Start in die heiße Phase des Bayern-Wahlkampfs wollen die christsozialen Bundestagsabgeordneten das Signal für eine Entlastungsoffensive geben – bei einer Klausurtagung im Brandenburgischen.

04.09.2018

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) ist wenig begeistert von der Gründung einer linken Sammlungsbewegung. Er meint: Wagenknecht und Lafontaine versprechen mehr als sie halten können. Das französische Vorbild werde so in Deutschland nicht funktionieren.

04.09.2018