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Nachrichten Politik Kongress von Missbrauchsopfern in Berlin
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07:06 13.09.2018
Kerstin Claus (49) wurde im Alter von 14 bis 17 von einem Pfarrer missbraucht. 2010 machte sie die Tat in einer TV-Sendung öffentlich. Seit 2015 arbeitet sie im Betroffenerat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragendes sexuellen Kindesmissbrauchs Quelle: © Christine Fenzl
Berlin

Kerstin Claus hat sich 2003 ein Herz gefasst. Die damals 34-Jährige zeigte ihren Peiniger bei der Evangelischen Landeskirche Bayern an. Der niederbayrische Pfarrer hatte sie im Alter zwischen 14 und 17 immer wieder missbraucht. „Danach habe ich von der Kirche nichts mehr gehört“, sagt sie. Und ein bisschen hatte sie dann den Mut verloren, denn es saugt viel Kraft, als Missbrauchsopfer um sein Recht zu kämpfen.

Täglich werden fast 50 Kinder misshandelt oder missbraucht

Es sind widerliche und spektakuläre Fälle wie der jahrelange sexuelle Missbrauch und Verkauf eines kleinen Jungen in Staufen bei Freiburg, der ein Schlaglicht darauf wirft, wie sehr Kinder und Jugendliche unter sexualisierter Gewalt leiden können. „Täglich werden fast 50 Kinder misshandelt oder sexuell missbraucht“, sagt der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch. „Und das sind nur die Fälle, die der Polizei bekannt werden.“

Zurück bleiben Opfer, die oft erst spät erkennen, dass sie Opfer sind und dass ihnen Rechte zustehen. Doch dafür müssen sie den Gang durch Behördeninstanzen antreten, müssen sich begutachten lassen und ertragen, dass ihre Geschichten angezweifelt werden. Viele können das einfach nicht und versuchen, alles mit sich selbst auszumachen.

„Wir müssen sichtbar werden“

Die Mainzerin Claus hat sich langsam aus diesem Kokon geschält und kämpft im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs um die Rechte der Opfer. Freitag und Sonnabend treffen sich viele in Berlin zum Kongress von Betroffenen für Betroffene von sexualisierter Gewalt. „MitSprache“ heißt er. Kerstin Claus will helfen, die Stigmatisierung als Opfer zu überwinden. „Die Zusammenkunft kann helfen, sich aus Isolation und Schweigen zu befreien. Wir müssen sichtbar werden als Menschen, die mit Recht um ihre Perspektive kämpfen.“

Es geht um Entschädigungen für Opfer von Gewalttaten, in denen Missbrauchsopfer ihre Schädigung nachweisen müssen – Zeugen haben sie zumeist nicht. Es geht um zugesagte „schnelle Hilfen“, die Betroffene beantragen können, auf deren Bewilligung sie aber derzeit über 26 Monate warten müssen. Es geht um immer wiederkehrende Begutachtungen für Grundrenten, die jetzt im Gespräch sind. „Das alles ist sehr belastend“, schildert Claus die Verzweiflung der Betroffenen. „Und es gibt nur wenige qualifizierte Anwälte oder Gutachter.“

2010 selbst an die Öffentlichkeit gegangen

Kerstin Claus tritt für nichts weniger als gesellschaftliche Alarmpläne ein, die „wie Brandschutzpläne entworfen werden müssen“. Dazu gehören Info-Ecken in Schulen und geschulte Ansprechpartner in allen Institutionen, die regelmäßig von Kindern aufgesucht werden. „Hilflosigkeit macht handlungsfähig“, sagt die Journalistin.

Sie selbst ist 2010 mit ihrem Fall an die Öffentlichkeit gegangen. Dem Mann, der sie missbrauchte, hat es nicht geschadet. Er leitet heute eine evangelische Bildungsakademie und gibt Fortbildungskurse für Eltern, die Schwierigkeiten mit pubertierenden Kindern haben.

Von Thoralf Cleven / RND

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