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Nachrichten Politik Kitakrise: Kein Platz für Kinder
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14:43 07.07.2018
Eltern in ganz Deutschland müssen immer noch jedes Jahr aufs Neue um die Betreuung ihrer Kinder kämpfen – obwohl ihnen Kita- und Krippenplätze rechtlich zustehen. Quelle: iStockphoto
Hannover

Katharina Mahrt ist das Erstaunen immer noch anzuhören: Wegen etwas scheinbar so Selbstverständlichem wie einem Krippenplatz für ihren einjährigen Sohn Jan zieht die 30-jährige Studentin im Januar 2018 tatsächlich vor das Berliner Verwaltungsgericht. Eine monatelange verzweifelte Suche liegt da bereits hinter ihr.

Einen ersten Hinweis darauf, dass die Sache möglicherweise nicht ganz so einfach werden könnte, wie sie dachte, erhält die werdende Mutter bereits in der 16. Schwangerschaftswoche. Eine Gesundheitsapp vermittelt ihr damals nicht nur Infos über die Entwicklung ihres Embryos, sondern gibt auch den Tipp, sich umgehend um einen Krippenplatz zu bemühen: “Gerade in Ballungszentren könnte es sonst schwierig werden.“

Jetzt, unzählige Telefongespräche, Bewerbungen und ein Klageverfahren später, hat Mahrt endlich einen Platz. Im August statt im Januar 2018. Das Studium musste ein halbes Jahr warten.

Den Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung gibt es schon lange

Das ist umso erstaunlicher, weil das Gesetz eigentlich eindeutig auf der Seite der jungen Mutter steht. Seit 2013 gibt es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz. Der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Drei- bis Sechsjährige ist sogar noch viel älter, ihn gibt es seit mittlerweile 22 Jahren. Trotzdem müssen Eltern in ganz Deutschland immer noch jedes Jahr aufs Neue um die Betreuung ihrer Kinder kämpfen.

Aber warum ist das eigentlich so? Zumal die Not so groß ist wie lange nicht. Wie groß, das konnte man in diesem Jahr in Berlin bei der bundesweiten Kita-Krise-Demo sehen, der ersten dieser Art seit vielen Jahren. 3500 Eltern gingen mit dem Buggy in der einen und dem Demoplakat in der anderen Hand für einen Kitaplatz auf die Straße. Katharina Mahrt hat den Protest zusammen mit anderen Müttern vom Bündnis Kitakrise organisiert.

Die Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern sind enorm

300 000 Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren fehlen laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) derzeit. Die Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern sind enorm. Der absolute Großteil dieser Plätze fehlt in den alten Bundesländern. Spitzenreiter ist das Land Nordrhein-Westfalen. 16,2 Prozent aller Kinder, deren Eltern einen Krippenplatz wünschen, finden ihn dort nicht.

In Ostdeutschland fehlen im Vergleich dazu zwar deutlich weniger Plätze: Insgesamt sind es 31 050. Wie verzweifelt Eltern aber auch dort suchen, zeigt ein Tag im Mai 2017 in Leipzig. 450 Menschen stehen vor der Kita “Tillj“ für einen Kitaplatz an. Dabei ist die Einrichtung noch nicht einmal fertig gebaut. Die Polizei muss anrücken, weil die Warteschlange den Verkehr beeinträchtigt. All das zeigt überdeutlich: Deutschland hat eine veritable Kitakrise.

Aber warum müssen so viele Eltern um etwas kämpfen, das ihnen in der Theorie schon so lange zusteht? Zumal Familienministerin Franziska Giffey jetzt mit einem Gute-Kita-Gesetz gegensteuern und noch in dieser Legislaturperiode 3,5 Milliarden Euro in die Kinderbetreuung investieren will. Ein Grund ist der Babyboom, den Experten noch vor wenigen Jahren nicht für möglich hielten.

Kinderbetreuung: Die Situation in den Bundesländern Quelle: RND

Noch 2013 wurde vor allem gut ausgebildeten Frauen vorgeworfen, die Karriere über das Kinderglück zu stellen. Sie missachteten die “Schöpfungsnotwendigkeit“ oder die “Urgewalt der Natur“, träten in den “Gebärstreik“ und seien schuld an der demografischen Krise, wurde ihnen, hauptsächlich von Männern, in bundesdeutschen Feuilletons vorgeworfen.

Jetzt wollen Frauen wieder mehr Kinder. Nachdem die Geburtenrate lange Zeit zwischen 1,3 und 1,4 Kindern je Frau stagnierte, stieg sie 2015 auf 1,5 – seit 1974 war der Wert im Westen der Republik nicht mehr so hoch. Aber jetzt stehen dem Mehr an Kindern – trotz aller Bemühungen der Bundesländer, im Kitabereich aufzustocken –, viel zu wenige Kitaplätze gegenüber.

Das ist umso bedrückender, weil Deutschlands Betreuungssystem sowieso löchriger als der berühmte Schweizer Käse ist. Mütter wie Katharina Mahrt haben nicht nur zum Teil Hunderte von Bewerbungen hinter sich. Sie müssen sich absurde Ablehnungsargumente gefallen lassen, wie ein Tweet der ZDF-Journalistin Andrea Maurer zeigt.

Abgelehnt, weil es schon ein anderes Kind gleichen Namens gibt

Ihre Tochter Ella wurde in einem Kindergarten abgelehnt, weil es in der Einrichtung schon ein Mädchen gleichen Namens gibt. “Aus Erfahrung gestaltet sich der Alltag sehr schwierig mit zwei gleichnamigen Kindern“, heißt es in dem Schreiben der Kita. Es sei für zwei Ellas nicht zu verstehen, welche unter ihnen gemeint ist, wenn sie angesprochen werden. Bekommen Eltern einen der heiß begehrten Plätze, müssen sie unter Umständen mit harten Qualitätsabstrichen rechnen.

Katharina Mahrt gewinnt ihre Klage im Eilverfahren – und bekommt bereits Mitte April 2018 einen Platz zugewiesen. Eine Krippe wird dafür vom Berliner Jugendamt überbelegt: “Sie werden nicht zu spüren bekommen, dass es wegen Ihres Kindes hier eigentlich zu voll ist“, verspricht die Leiterin. Aber sie sagt auch: “Ich bin maßlos entsetzt, dass ich diese Politik ausbaden muss.“ Mahrt nimmt den Platz nicht.

330 000 Ganztagsbetreuungsplätze fehlen

Erschwerend kommt noch hinzu: Frühkindliche Betreuung ist in Deutschland sehr unterschiedlich organisiert. In manchen Regionen müsse man immer noch über 700 Euro für einen Krippenplatz zahlen, räumte Familienministerin Giffey unlängst in einem Interview ein. Außerdem gebe es immer noch Kitas, in denen man die Kinder um 12 Uhr abholen müsse – vor dem Mittagessen.

Dazu kommt: Spätestens mit dem Wechsel in die Grundschule ist neuer Ärger programmiert. 330 000 Ganztagsbetreuungsplätze fehlen nach Angaben des IW derzeit für Eltern, die sich eine Nachmittagsbetreuung für ihr Kind wünschen. Die Große Koalition im Bund hat es sich in ihrem Regierungsvertrag zum Ziel gesetzt, dass Grundschüler bis zum Jahr 2025 einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung bekommen.

Wenn man sich Katharina Mahrts Kampf um ihren Rechtsanspruch für die Krippe vor Augen hält, liegt ein Gedanke nahe: Im Zweifel bedeutet das für Eltern 2025 nur, dass sie sich mit Beginn der Schule wegen des Betreuungsplatzes wieder vor Gericht finden.

“Die Kita ist heute genauso wichtig wie die Uni“

Was also würde in dieser Misere tatsächlich helfen? Glaubt man Experten, wären gewaltige bundesweite Anstrengungen nötig, um Eltern den ständigen Kampf um Betreuungsplätze endlich zu ersparen. Laut Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, müsste die Politik allein für den Aufbau ausreichender und kindgerechter Kitaplätze 8 Milliarden Euro jährlich in die Hand nehmen.

Deutschlandweit sollen bis zum Jahr 2025 überdies mehr als 300 000 Erzieher fehlen. Das prognostiziert jedenfalls der gerade veröffentlichte neue Nationale Bildungsbericht. Deutschland stehe beim Ausbau der Kitas vor einer “Riesenaufgabe“, sagt Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts und einer der Autoren des Berichts, der alle zwei Jahre erscheint.

Mutter Katharina Mahrt zieht ein ebenso pragmatisches wie grundsätzliches Fazit. Sie wünscht sich, dass die Frage der Kinderbetreuung, der kindlichen Bildung insgesamt, politisch endlich “Chef- oder Chefinnensache“ wird. Es müsse endlich deutlich werden, wie wichtig es gesamtgesellschaftlich sei, gute Antworten auf die leidige Betreuungsfrage zu finden, sagt sie. Denn: “Die Kita ist heute genauso wichtig wie die Uni.“

Von Jutta Rinas/RND

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