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Nachrichten Politik Judenhass an deutschen Schulen
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08:53 09.11.2018
Beschimpfungen und Mobbing: Ein Junge mit Kippa in der Schule. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa
Berlin

Erst bliesen ihm die beiden Mitschüler den Rauch ihrer Zigaretten ins Gesicht. Dann sagten sie: „Zur Erinnerung an deine Verwandten.“ Der 15-Jährige wusste gar nicht, was er sagen sollte, und lief weg. Die beiden Raucher lachten dem jüdischen Jungen hinterher.

Wir schreiben das Jahr 2018, und es ging Monate so: Beschimpfungen, Mobbing, Hakenkreuzschmierereien auf der Kleidung. Die Schulleitung wurde erst aktiv, als die Presse davon Wind bekam. Und es handelt sich nicht um irgendeine Schule in einem einschlägigen Stadtbezirk in Berlin. Nein, es passierte an der amerikanisch-deutschen Eliteschule John F. Kennedy im feinen Steglitz-Zehlendorf.

„Haben die Gaskammern nicht gereicht?“

80 Jahre nach den Pogromen in Deutschland, als in der Nacht des 9. November Synagogen in Flammen aufgingen, Scheiben jüdischer Geschäfte barsten und die systematische Vertreibung der Juden begann, ist Antisemitismus aktuell wie lange nicht. Ein älterer Deutscher schreit den aus Israel stammenden Berliner Gastronomen Yorai Feinberg an: „Was macht ihr Juden noch hier, haben die Gaskammern nicht gereicht?“ In Prenzlauer Berg schlägt ein junger Syrer einen Israeli mit einem Gürtel, weil der mit einer Kippa durch die Straßen geht. Einem Berliner Drittklässler wird von einem Mitschüler gesagt, ihn hätte man wohl vergessen zu töten.

1504 antisemitische Straftaten verzeichnete die Polizeiliche Kriminalstatistik 2017 für Deutschland. Berlin ist die Hochburg von Judenhass motivierter Vorkommnisse. Der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) wurden 947 Fälle im vergangenen Jahr gemeldet. So viele waren es noch nie. Dazu zählen Angriffe, Bedrohungen, Sachbeschädigungen oder verletzende Äußerungen. Daniel Poensgen von Rias sagt: „Viele fühlen sich animiert durch den Zuspruch rechtspopulistischer Positionen im Netz und in der Offlinewelt.“

Freiheit bedeutet, offen als Jude leben zu können, ohne als Kindermörder, Spekulant oder Raffzahn diffamiert zu werden“: Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Quelle: dpa

Bereits 1981 stellte der Kölner Soziologe Alphons Silbermann in seiner Studie „Sind wir Antisemiten?“ fest, dass etwa ein Fünftel der Bundesdeutschen stark ausgeprägte antisemitische Vorurteile pflegte. Damals lebten in Deutschland rund 30 000 Juden. Diese Zahl schätzten lediglich 21 Prozent realistisch ein. Der Rest glaubte, in Deutschland würden Millionen Juden leben.

Unsicherheit in der Lehrerschaft

Heute sind knapp unter 100 000 Menschen in den jüdischen Gemeinden Deutschlands organisiert. Noch einmal so viele Juden, wird geschätzt, leben ohne Bindung an eine Gemeinde in der Bundesrepublik. Silbermanns Analysen sind inzwischen durch andere – und weitaus neuere – Untersuchungen belegt. Einer neuen Studie von Forschern der Leipziger Universität zufolge stimmen der Aussage, „Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns“, in Westdeutschland 26 Prozent entweder voll oder in Teilen zu; im Osten sogar 39,6 Prozent. Die Forscherin Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin hat die digitale Kommunikation der vergangenen zehn Jahre auf Antisemitismus untersucht. Ergebnis: Die Anzahl entsprechender Onlinekommentare hat sich vervierfacht. Nutzer seien in digitalen Medien kaum noch vor judenfeindlichen Texten sicher. Schwarz-Friesel warnt: „Wenn das so weitergeht, wird die Akzeptanz in der Gesellschaft steigen.“

Die Berliner Psychologin Marina Chernivsky leitet das Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Jüdischen Zentralwohlfahrtsstelle in Deutschland. Quelle: Pierre KaminPierre Kamin

Die Berliner Psychologin Marina Chernivsky sitzt an ihrem Schreibtisch in Prenzlauer Berg und lässt Königsbergs Satz nachhallen. Sie und ihr Team arbeiten seit Jahren mit Schulen an Strategien gegen Antisemitismus und Diskriminierung. Im November startet eine neue Befragung an Berliner Schulen zum Umgang mit Antisemitismus. Sie sagt, es gebe eine große Unsicherheit in der Lehrerschaft im Umgang mit Antisemitismus, aber auch die Bereitschaft, bisherige Ansätze zu verbessern. Denn jetzt, seitdem offener und verstärkt über Antisemitismus geredet wird, steigt die öffentliche Erwartung, dass sie in der Schule dagegen einschreiten. „Viele wissen nicht wie oder versuchen es mit moralischen Appellen.“

Geschichte anderer Minderheiten teilen

Chernivsky leitet das Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Es kümmert sich um Sensibilisierung, Fortbildung und Beratung von Bildungseinrichtungen, aber auch um Beratung von Familien. „In den Schulen“, sagt die Psychologin, „geht es nicht allein um Antisemitismus. ‚Schwuchtel, Opfer, Jude‘ – auf alle Alltagsdiskriminierungen muss eingegangen werden.“ Angesichts kulturell heterogener Gruppen sollten im Unterricht auch Geschichten und Erfahrungen anderer Minderheiten mit der deutschen Gegenwart verbunden werden. „Auf diese Weise können alle mitgenommen werden“, so die Erfahrung der Expertin.

Antisemitismus wird mehrheitlich als historisches Phänomen wahrgenommen. Zugleich hat die Häufigkeit und Intensität judenfeindlicher Übergriffe an Schulen bundesweit ein neues Ausmaß erreicht, stellte der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus des Bundestags im vergangenen Jahr fest. Alarmierend: Die Schule wird von Betroffenen als „unsicherer Ort“ erlebt.

Der Berliner Senat verpflichtet ab kommendem Jahr alle Schulen, antisemitische Vorfälle zu melden, um belastbare Zahlen zu erhalten. Marina Chernivsky begrüßt das Vorhaben grundsätzlich. Am Pro­blem selbst werde dies jedoch nur dann etwas ändern, wenn die Meldepflicht mit entsprechender Sensibilisierung verbunden wird, sagt die Präventionsexpertin. „Nötig ist eine Gesamtstrategie, Schulen darin zu unterstützen, für Diskriminierung und Antisemitismus sensibel zu sein und mit Vorfällen jeglicher Art kompetent umzugehen.“

In Köln, unweit der Büro- und Wohntürme am Rheinauhafen, steht Lamya Kaddor im Sozialverein Rheinflanke vor elf jungen Musliminnen. Kaddor, vor 40 Jahren als Tochter eines eingewanderten syrischen Ehepaars im westfälischen Ahlen geboren, sucht seit Jahren in Projekten wie Extreme out genau diese Auseinandersetzungen mit jungen Leuten. Sie untersucht mit ihnen reimportierten und islamisierten Antisemitismus.

Jude als Schimpfwort

„Die Schule ist ein Konfliktort“: Lamya Kaddor. Quelle: Schwindkommunikation

Kaddor, selbst jahrelang Religionspädagogin an einer Problemschule in Dinslaken-Lohberg, hält das nicht für harmlos. Sie meint, gerade weil solche Äußerungen oft zu hören sind, wird schnell darüber hinweggesehen. Dies sei der Nährboden für Rassismus oder Antisemitismus. „Die Schule ist ein Konfliktort. Lehrer haben ununterbrochen mit Konflikten zu tun – zwischenmenschlichen, fachlichen, kollegialen. Sie sollen Stoffvermittler und Konfliktmanager sein. Sie sind jedoch überlastet, überfordert und nicht geschult.“ Also müssen Frauen wie Marina Chernivsky in Berlin und Lamya Kaddor in Duisburg-Marxloh, Dinslaken oder Köln ran. Doch der Weg zu mehr Toleranz ist sehr weit, räumen beide ein.

Das Ende des Zehlendorfer Falls zeigt, warum. Er kennt letztlich nur Verlierer. Der gepeinigte 15-jährige Berliner wollte dort nicht mehr länger zur Schule gehen. Die beiden Haupttäter mussten die Schule verlassen. Die Schulleitung ringt weiter um Aufklärung und Image. „Unterm Strich ist hier bei vielen eins hängen geblieben“, hat ein betroffener Lehrer unter Schülern und Kollegen beobachtet, „die Probleme hat der Jude ausgelöst.“

Von Thoralf Cleven/RND

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