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Politik Joschka Fischer sieht keine Rock’n Roller mehr in der Politik
Nachrichten Politik Joschka Fischer sieht keine Rock’n Roller mehr in der Politik
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17:33 30.11.2017
Joschka Fischer im Interview in Berlin.
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Berlin

Der ehemalige Grünen-Spitzenpolitiker Joschka Fischer vermisst die Rock’n Roller in der Politik. Im Interview spricht er über Christian Schmidts Ja zum Glyphosat, die neonationalistische Welle in Europa und darüber, ob CSU-Chef Horst Seehofer politisch noch zu retten ist.

Herr Fischer, was ist das für eine Berliner Republik, in der ein kleines Licht wie Landwirtschaftsminister Schmidt das gesamte Regierungssystem ins Wanken bringen kann?

Jeder hat eben mal seine Begegnung mit der Geschichte. Man muss das nicht dramatisieren, wenn es einer nach vielen Jahren zum ersten Mal geschafft hat, in die Schlagzeilen zu kommen. Dumm gelaufen für die Kanzlerin und die Union. Natürlich ist die Lage nach diesem Wahlergebnis schwierig. Seit dem Wahltag reden viele übers Regieren, als bekäme man davon den bösen Blick.

Liegt das daran, dass die zu lösenden Probleme zu groß sind – oder sind die handelnden Politiker zu klein?

Weder noch. Es wird zuviel in Parteitaktik gedacht. Die Generation meiner Eltern lebte in einer Zeit, da musste Deutschland mit zwölf bis 14 Millionen Flüchtlingen, einem geteilten und weitgehend zerstörten Land und mit dem Kalten Krieg fertig werden. Das waren Probleme! Heute ist Deutschland friedlich, wiedervereint und steht im internationalen Vergleich hervorragend da. Bei all der Jammerei fällt mir das gute alte deutsche Sprichwort ein: Wenn es dem Langohr zu gut geht, geht er aufs Eis und wagt ein Tänzchen. Jedes Mal wenn ich Herrn Gauland so betrachte, denke ich mir: Du bist auch so einer von der Sorte Langohr.

Der Aufwuchs der AfD ist doch das Ergebnis von schlechter Politik und von der passenden Konjunktur, oder etwa nicht?

Diese neonationalistische Welle findet nicht nur in einem Land statt, sondern europaweit bis hinüber in die USA. Global erleben wir große Veränderungen: China ist dabei, die Rolle der weltweiten Führungsmacht von den USA zu übernehmen. Jetzt wird der Abstieg des Westens so richtig konkret, politisch, militärisch, industriell, wirtschaftlich. Es gibt in Europa nicht ein Unternehmen, das mit den großen E-Commerce-Plattformen an der Westküste oder in China mithalten kann. Wir müssen sehr acht geben, dass Europa nicht technologisch abgehängt wird.

Ist einer wie Seehofer politisch noch zu retten?

Dankbarkeit ist keine politische Kategorie. Seehofer hat die CSU in schwierigster Zeit aus der Depression geholt. Er ist auch kein Chorknabe, der die Hände nur zum Beten faltet. Aber es ist nicht sehr christlich und nicht der Adventszeit angemessen, wie seine eigenen Leute jetzt mit ihm umgehen.

Empfinden Sie beim Blick auf die SPD mehr als nur Mitleid?

Deutschland verdankt der Sozialdemokratie unendlich viel. Die SPD wird sich wieder berappeln, auch wenn es schwer wird. Die Partei schwankt zu sehr emotional hin und her. Mal redet sie sich die Dinge schön, dann stürzt sie sich in tiefe Depression. Ihr strategischer Fehler war es wohl, sich von Schröders Erfolgsformel der neuen Mitte zu verabschieden. Wenn es jetzt zu einer Großen Koalition kommt, wird es die letzte Amtsperiode von Angela Merkel sein. Schon jetzt ist die Union von der ungeklärten Nachfolgefrage schwer kontaminiert. Die SPD sollte also vor der nahen Zukunft eigentlich keine Angst haben. Zudem geht es im Zeitalter der Digitalisierung um die Zukunft von Millionen Arbeitsplätzen in Deutschland und Europa und um die Zukunft des Sozialstaats. Das scheint mir wichtiger zu sein als die Kandidatenfrage.

Ist es ein historisches Versagen der Union von Angela Merkel, dass die AfD aufkam?

Mit einem deutschnationalen Kurs hätte die Union nie stark bleiben können. Merkels Fehler war es nicht, die Flüchtlinge rein zu lassen, sondern dass sie es nicht erklärt hat. Und dann hat sie sich zu wenig um die Umsetzung und die Folgen gekümmert.

Sie haben nach zwei Amtsperioden Schluss machen dürfen. Braucht Deutschland eine Amtszeitbegrenzung für herausragende politische Ämter?

Wir hatten 2005 die Wahlen verloren, und ich habe die Gelegenheit genutzt, zu gehen, zu eigenen Bedingungen. Deutschland braucht keine Amtszeitbegrenzung. Immer passen Wahlergebnisse irgendwelchen Leuten nicht. Und dann soll man dem Volk, „dem alten Lümmel“, wie Biermann in Anlehnung an Heine sagt, mit bürokratischen Maßnahmen auf den richtigen Weg helfen? Blödsinn. Wer von den Jungen in der Union meint, man müsste einen Wechsel herbeiführen, der soll das mit demokratischen Mitteln und offenem Visier versuchen. Aber das wird nichts, wenn man immer nur mit Gummimessern hin- und her wackelt.

Als Sie politisch ausgestiegen sind haben Sie sich hinterher nachgerufen, sie seien „der letzte Live-Rock-’n’-Roller“. War das kokett?

Nein. Es gibt zu allen Zeiten gute junge Leute, die nachkommen. Aber die Zeiten ändern sich, so auch die Wahlkämpfe, den Rock’n’Roll von früher gibt es nicht mehr. Der ist von gestern. Meine Frage war und ist, wer kriegt noch die Plätze voll?

Heute schafft das Angela Merkel zusammen mit ihren Gegnern von der AfD.

Wir wollen Gauland oder Höcke doch nicht als Rock’n’Roller bezeichnen. Das sind maximal schlechte Trötenbläser von vorgestern.

Von Dieter Wonka/RND

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