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Politik „Jede Woche gibt es Explosionen“
Nachrichten Politik „Jede Woche gibt es Explosionen“
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15:59 01.06.2017
Nach dem Bombenanschlag in Kabul: Afghanen tragen einen Sarg durch die Stadt. Quelle: AP
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Berlin

Einen Tag nach dem schweren Anschlag in Kabul haben Afghanen um die Todesopfer getrauert. Etliche Menschen warteten am Donnerstag in Krankenhäusern, um Neuigkeiten über den Zustand von Verletzten zu erfahren. In der afghanischen Hauptstadt fanden Trauerprozessionen statt. Einige Personen wurden noch vermisst. Bei dem Lastwagen-Anschlag im Botschaftsviertel von Kabul waren am Mittwoch mindestens 90 Menschen getötet und mehr als 450 Menschen verletzt worden. Bislang bekannte sich keine Gruppe zu dem Angriff. Die radikalislamischen Taliban dementierten, dass sie an der Attacke beteiligt gewesen seien. In Deutschland hat der Anschlag eine Debatte darüber ausgelöst, ob Flüchtlinge nach Afghanistan abgeschoben werden dürfen. Der Bundesregierung zufolge gibt es durchaus sichere Gebiete im Land, in die Flüchtlinge gefahrlos zurückkehren können. Doch viele Experten haben Zweifel. Ein Gespräch mit Mirco Günther, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kabul.

Herr Günther, gibt es irgendwo Sicherheit in Afghanistan?

Das ist schwierig. In 31 von 34 Provinzen wird gekämpft. Und die Lage ist ständig im Fluss. Was heute noch als sicher gilt, kann morgen schon unsicher sein.

Wie hat sich die Sicherheitssituation in den vergangenen Monaten entwickelt?

Die Situation hat sich landesweit zuletzt rapide und dramatisch verschlechtert. Wir beobachten seit zwei Jahren, vor allem seit dem Ende der ISAF-Mission und dem Abzug des Großteils der internationaler Truppen, eine tragische Eskalation der Gewalt, auch in den bislang eher ruhigeren Gebieten. Im Norden, wo auch die Bundeswehr stationiert ist, haben Aufständische bereits zwei Mal die Provinzhauptstadt Kundus kurzzeitig eingenommen. Der Anschlag gestern in Kabul war bereits der siebte größere Anschlag in diesem Jahr in der Hauptstadt, jede Woche gibt es Explosionen. Laut UN gab es im vergangenen Jahr in Afghanistan 11500 zivile Todesopfer und Verletzte.

„Die Taliban kontrollieren rund die Hälfte des Landes“

Was sind die Gründe für die Verschlechterung?

In Afghanistan kämpfen inzwischen rund 20 Rebellengruppen und Terrororganisationen. Die Taliban, die rund die Hälfte des Landes kontrollieren oder umkämpfen, befinden sich zurzeit in der sogenannten Frühjahrsoffensive. Dazu tritt der IS immer stärker auf den Plan. Außerdem ist auch die politische Lage sehr schwierig. Die Regierung der Nationalen Einheit ist im Streit gespalten und kann die Situation nicht stabilisieren. Und die massive Korruption unterminiert Polizei und Militär.

Welche positiven Entwicklungen beobachten Sie in Afghanistan?

Es hat, auch dank deutscher Hilfe, große Fortschritte in Sachen Bildung, Gesundheitswesen und Infrastruktur gegeben. Afghanistan ist in den Städten auch eine deutlich offenere Gesellschaft geworden. Aber das alles wird überlagert von der schwierigen Sicherheitssituation.

Wirtschaftlich hat sich die Situation aber verbessert?

Das galt ungefähr bis 2014, da gab es tatsächlich einen wirtschaftlichen Aufschwung, der aber offenbar stark an dem Geld hing, das die ausländischen Truppen mitbrachten. Nach dem Abzug ist die Blase geplatzt, der Niedergang ist hier in Kabul mit Händen zu greifen. Es gibt hier zum Beispiel große Hallen, in denen Hochzeiten mit 2000, 3000 Menschen gefeiert wurden – die stehen jetzt leer. Die Arbeitslosigkeit ist auf rund 40 Prozent gestiegen, gerade junge Menschen haben kaum Perspektiven. Dazu kamen im letzten und dieses Jahr hunderttausende Flüchtlinge aus Pakistan und dem Iran nach Afghanistan zurück. Das ist eine enorme Belastung für das arme Land.

„Stabilität ist hier nirgens von Dauer“

Wenn viele freiwillig zurückkehren, kann man dann nicht auch Flüchtlinge von Deutschland nach Afghanistan zurückschicken?

Die Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten kehren ja oft aufgrund ihrer schwierigen Situation in diesen Ländern zurück. Da würde ich nur bedingt von freiwillig sprechen. Was die Frage sogenannter sicherer Regionen betrifft: Sie werden, wie in jedem Land, einzelne Ecken finden, in denen es mal relativ ruhig ist. Aber Stabilität ist hier nirgends von Dauer. Dazu kann man Menschen, die zum Beispiel aus dem Süden stammen, nicht in eine vielleicht vermeintlich ruhige Ecke in einem anderen Landesteil schicken, weil sie angesichts schwacher staatlicher Strukturen ohne ein soziales Netzwerk, Freunde und Familie dort keine Perspektive haben. Hinzu kommen komplexe lokale, ethnische und religiöse Identitäten.

Sie leben selbst in Kabul. Wie beeinflusst die Unsicherheit Ihren Alltag?

Die Anspannung ist immer da. Sie müssen sich Kabul wie eine Festung vorstellen. Überall sehen Sie Granitmauern, Stacheldraht, Checkpoints, gepanzerte Fahrzeuge und Bewaffnete – nicht nur Militär und Polizei, sondern auch private Milizen und kriminelle Netzwerke. Die Situation ist sehr unübersichtlich. Dazu schweben permanent Beobachtungsballons über der Stadt. Dass es dennoch immer wieder zu Anschlägen kommt, sagt viel über die Sicherheitssituation aus. Um hier zu leben und zu arbeiten, müssen Sie das dennoch immer wieder phasenweise aus den Köpfen rausbekommen – und das ist nicht leicht.

Kann Afghanistan nur mit neuen militärischen Kräften wieder stabilisiert werden?

Das Militär ist kein Schlüssel zum Erfolg. Afghanistan braucht eine politische Lösung, und dazu ist viel strategische Geduld nötig. Zuletzt konnte die Regierung zum Beispiel einen Frieden mit dem ehemaligen Kriegsfürsten Hekmatiar abschließen. Der war zuletzt zwar kein militärisch relevanter Akteur mehr, aber der Deal ist von hoher symbolischer Bedeutung. Es gibt allerdings eine Vielzahl rivalisierender Kräfte und Gruppen in Afghanistan. Es werden also noch viel mehr solcher schwieriger Deals nötig sein.

Von Thorsten Fuchs

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