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Politik „Israel ist unsere Lebensversicherung“
Nachrichten Politik „Israel ist unsere Lebensversicherung“
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08:00 27.01.2018
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster Quelle: epd-bild/Daniel Peter
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Berlin

Herr Schuster, im Düsseldorfer Karneval startet dieses Jahr erstmals ein Mottowagen der jüdischen Gemeinde. Ist das ein Stück Normalisierung jüdischen Lebens in Deutschland?

Ich halte das für eine gute Idee. In anderen Teilen Deutschlands stellen katholische Organisationen schon seit längerer Zeit Mottowagen. Warum nicht auch die jüdische? Wir gehören einfach dazu.

Sie dürfen den AfD-Politiker Gedeon als „Holocaust-Leugner“ bezeichnen, hat das Berliner Landgericht festgestellt. Die Partei polemisiert gegen Migranten und bekennt sich verbal zum Garanten jüdischen Lebens in Deutschland. Was halten Sie davon?

Das hat Frauke Petry behauptet, die ehemalige Vorsitzende der AfD. Dahinter steckt das Kalkül, der Feind meines Feindes ist mein Freund. Nach meinem Eindruck glaubt die AfD, dass Muslime für Juden generell ein Feindbild darstellen. Damit bedient sie jedoch nur ihre eigenen Vorurteile. Es gibt unter Muslimen Gruppen, die Ressentiments gegenüber Juden pflegen. Aber genauso wenig, wie ich akzeptieren kann, dass man von d e n Juden spricht, akzeptiere ich es, wenn man von d e n Muslimen spricht. Wenn es der AfD bedürfte, jüdisches Leben in Deutschland sicherzustellen, dann „Gute Nacht“, Deutschland!

Der Bundestag verlangt von der Bundesregierung, einen Antisemitismus-Beauftragten zu ernennen. Sie unterstützen das. Ist solch ein Beauftragter nicht bloß eine moralische Beruhigungspille?

Nein, ein Beauftragter wird einen umfassenden Auftrag erhalten. Das ist nichts Symbolisches. Mir ist auch klar, dass durch die Schaffung solch einer Position die Judenfeindlichkeit nicht über Nacht verschwindet. Aber neben steigendem Antisemitismus haben wir jetzt auch noch eine rechtspopulistische Partei im Bundestag. Und es zeigt sich inzwischen, dass auf politischer Ebene rote Linien immer weiter verschoben werden und Antisemitismus zunehmend in der Mitte der Gesellschaft salonfähig ist. Ein Beauftragter könnte analysieren, wo und wie sich Antisemitismus breitmacht sowie Vorschläge vorlegen, was dagegen zu tun ist.

Vor drei Jahren sprachen Sie eine „Kippa-Warnung“ aus. Gläubige sollten sich in bestimmten Problemvierteln von Großstädten lieber nicht mit der jüdischen Kopfbedeckung zeigen. Bleiben Sie dabei?

Ja, es ist ja eher problematischer geworden. In Gelsenkirchen zum Beispiel wurde vor wenigen Tagen ein junger Mann direkt an der Synagoge auf übelste Weise beschimpft.

Fühlen Sie sich in Deutschland sicher?

Unabhängig davon fühle ich mich sicher, und ich halte auch jüdisches Leben in Deutschland nicht für ernsthaft gefährdet. Allerdings ist es sehr bedauerlich, dass polizeiliche Schutzmaßnahmen vor Synagogen oder jüdischen Schulen notwendig sind. Und jüdische Einrichtungen in Deutschland waren offenbar Anschlagsziele des iranischen Geheimdienstes.

Israel feiert im April den 70. Jahrestag seiner Staatsgründung. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Der Staat Israel hat für Juden in der ganzen Welt besondere Bedeutung. Für deutsche Juden ist sie noch herausgehobener. In Israels Grundgesetz steht, dass jeder Jude das Recht hat, nach Israel einzuwandern. Wenn es diesen Staat schon in den 1930-er Jahren gegeben hätte, wäre es nicht zur millionenfachen Ermordung von Juden gekommen. Israel ist unsere Lebensversicherung.

Was empfinden Sie dann, wenn Demonstranten – wie jüngst geschehen – vor dem Brandenburger Tor israelische Fahnen verbrennen und zum Boykott israelischer Waren aufrufen?

Diese Demonstrationen haben nichts mehr mit politischer Kritik an Entscheidungen der israelischen Regierung oder in diesem Fall des US-amerikanischen Präsidenten zu tun. Die Aktionen stellen das Existenzrecht Israels in Frage und richten sich gegen Juden an sich. Das sind keine legitimen Proteste mehr.

Wissen die Deutschen eigentlich ausreichend Bescheid über Israel, dessen Existenzrecht und seine Verteidigung zur Staatsräson in der Bundesrepublik gehören?

Nach meinem Eindruck leider nicht. Ich halte dies auch für ein Problem in vielen Medien. Fernsehbilder zeigen den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern häufig sehr einseitig. Es ist berechtigt und richtig, die Trauer palästinensischer Mütter zu zeigen, die in den Auseinandersetzungen ihre Kinder verloren haben. Ich verurteile, dass Kinder verletzt oder getötet werden. Leider wird selten erwähnt, dass sich die palästinensische Seite wenig um den Schutz der Zivilbevölkerung kümmert. Auf der anderen Seite sehe und höre ich wenig davon, wie palästinensische Attentäter für ihre Anschläge mit zahlreichen Toten und Verletzten von ihren Anhängern gefeiert werden oder israelische Familien um ihre Angehörigen trauern, die bei Attentaten verletzt oder getötet wurden. Mangelndes Wissen über Israel ist aber auch ein Bildungsproblem in Deutschland. In Schulbüchern wird jüdisches Leben in Deutschland zum Teil auf die Zeit von 1933 bis 1945 reduziert, was schon makaber ist. In Bildern und Texten finden sich manchmal noch Stereotypen, die zum Teil aus der Nazizeit stammen. Wir arbeiten derzeit mit der Kultusministerkonferenz daran, das zu ändern.

Von Thoralf Cleven / RND

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