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Politik Horst Seehofer kommt und Angela Merkel bleibt
Nachrichten Politik Horst Seehofer kommt und Angela Merkel bleibt
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09:49 21.10.2016
Nächstes Jahr will er von München in die deutsche Hauptstadt wechseln: Horst Seehofer vor der Kulisse des Reichstagsgebäudes in Berlin. Quelle: Foto: dpa
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Berlin

Als am 4. September 2015 auf dem Bahnhofsvorplatz von Budapest Tausende arabischer Flüchtlinge  auf das Willkommenszeichen der Bundeskanzlerin hofften, klingelte in Schamhaupten im bayerischen Altmühltal viele Male ein VIP-Handy. Niemand ging dran. SMS-Nachrichten von höchster Stelle in der Bundesregierung blieben unbeantwortet. Horst Seehofer war in Urlaub, und da hatte er schlicht keine Lust sich zu melden. Also konnte Angela Merkel damals nur ihren Vizekanzler, SPD-Chef Sigmar Gabriel, direkt von ihrer historischen Grenzöffnungsabsicht unterrichten, nicht aber den CSU-Obersten.

Es war der Beginn des von Seehofer in der Union über ein Jahr lang kräftig angeheizten Zerrüttungsprozesses. Harte Vorwürfe wurden seither ausgetauscht, Trennungsgerüchte machten die Runde.

Neuordnung der Verhältnisse

Inzwischen aber nimmt nach Informationen aus CSU-Kreisen eine Neuordnung des Verhältnisses zwischen den Unionsparteien immer mehr Gestalt an. Horst Seehofer sieht seine politische Zukunft bis zum Jahr 2021 in Berlin – an der Seite von und „auf Augenhöhe“ mit Angela Merkel. Mitte Januar 2017 wollen Christdemokraten und Christsoziale auf einer gemeinsamen Klausur das Motto für die nächsten Wahlen im Bund und in Bayern formulieren: getrennt schlagen, vereint regieren.

Seehofer hält sich selbst für einen politischen Schachspieler. Wer König ist, ist klar. Angela Merkel ist die Dame. Und Leute wie sein CSU-Rivale Markus Söder sind Pferd, Läufer oder Bauer, in jedem Fall schlagbar. Niemand, glaubt Seehofer, könne besser als er selbst in Berlin aufpassen, dass Merkel nicht wieder allzu sehr nach links abdriftet. Das hat Seehofer vor wenigen Tagen in einer kleinen, aber feinen Strategierunde in München seinen Getreuen anvertraut. So und nicht anders sei sein Satz gemeint: „In Berlin braucht die CSU die besten Köpfe.“

Seehofer nimmt straffen Kurs auf Berlin

CSU-Chef sein und zugleich als wichtiger Bundesminister Einfluss ausüben: Theo Waigel, heißt es aus München, habe in Zeiten der Wiedervereinigung schon einmal gezeigt, dass das möglich sei. Seehofer nimmt schon jetzt immer mehr Berlin in den Blick. Inzwischen versammelt er alle vier Wochen die CSU-Bundestagsabgeordneten um sich. Das nächste Treffen dieser Art ist am 24. November. Am 15. Dezember gibt es dann die Weihnachtsbotschaft vom Chef.

Pumperlgesund: Horst Seehofer strebt ein Amt in Berlin an und ist dafür gesundheitlich bestens gerüstet. Quelle: dpa

Regelmäßig lässt sich Seehofer jetzt auch medizinisch durchprüfen. „Pumperlgesund“ sei der Chef, sagt einer seiner Helfer. Das war nicht immer so. Im Jahr 2002 hatte Seehofer nach einer verschleppten Grippe eine schwere Herzmuskelentzündung erlitten; seine Herzleistung sank damals unter 10 Prozent, und er verbrachte drei Wochen auf einer Intensivstation. In einem Interview sagte Seehofer später, er habe sich damals vorgenommen, sich im politischen Alltag „nicht mehr aufreiben zu lassen“. Eine Aufgabe in der Politik zu übernehmen sei aber „nicht unbedingt schädlicher Stress“. Wichtig sei, dass man gut abschalten kann.

CSU-Chef will Fahrplan vorstellen

Am übernächsten Wochenende, so heißt es jetzt, will Seehofer mit der CDU-Vorsitzenden einen Fahrplan für die kommenden Monate vereinbaren. Dazu gehören dem Vernehmen nach folgende Punkte:

Erstens: Seehofer und Merkel werden sich dieses Jahr nicht gegenseitig zu ihren Parteitagen einladen. Man wolle den Leuten „kein falsches Spektakel“ präsentieren.

Zweitens: Seehofer tritt als CSU-Spitzenkandidat zur Bundestagswahl an. Merkel macht das für die CDU. Bekannt gegeben werden soll das alles offiziell auf einer Fraktionsklausur aller CDU- und CSU-Bundestagsabgeordneten Mitte oder Ende Januar 2017, irgendwo zwischen Berlin und München.

Streit um Flüchtlingsobergrenze soll abgearbeitet werden

Drittens: Bis dahin glaubt man den Streit um die Flüchtlingsobergrenze und um die soziale Ausrichtung des Wahlprogramms, etwa beim Thema Rente, abgearbeitet zu haben.

Viertens: CDU und CSU treten mit getrennten Programmen zur Bundestagswahl an, um so für die Union das Optimum zu holen. Nach der Wahl soll es dann auf jeden Fall wieder eine gemeinsame Unionsfraktion geben.

Von Dieter Wonka

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